von Johannes » 10.08.2011, 18:04
Es war Frühsommer. Der Mai zeigte sich von seiner freundlichen Seite, das Grün war wie aus dem Nichts hervorgeschossen, umschloss den Wiesenbach mit seiner freundlichen Farbe. Die ersten Insekten schwärmten und ich war endlich mal wieder am Wasser.
Beim Fliegenfischen waren mir gleich mehrere Hürden gesetzt: Dieses kleine südniedersächsische Wiesenflüsschen war üppig bewachsen - und zudem auch üppig befischt. Zudem waren und sind immer alle Methoden erlaubt, das frische Wasser wurde mit Metall und Würmern behakt, die Kochtöpfe befüllt und schaffte man es dann doch, eine maßige Forelle mit der Fliege zu überlisten, dann war das ein dickes rotes Kreuz im Kalender wert. An diesem Nachmittag hätte es ein riesiges Kreuz werden können, im Kalender. Stattdessen hatte ich die Gewissheit, trotz genauester Planung kläglich scheitern zu können.
An stark befischen Gewässern gilt es, Standplätze zu finden, die andere aufgrund Bequemlichkeit nicht erreichen. Nur dafür müssen auch die Bedingungen stimmen...
Ich kenne eine Stelle, an der man das Flüsschen bei Niedrigwasser vorsichtig durchwaten kann. Dafür ist nur eine Stelle geeignet - sonst gibt es nur Steilufer und eher schlammigen Untergrund...doch an diesem Tage war es möglich, alles schien perfekt...ich schaffte es durch das Flussbett, umlief einen alten Mühlkolk und kam an die Stelle, wo der Mühlengraben am alten maroden Wehr abzweigte. Kein Mensch wäre so wahnsinnig, sich auf dieses klapprige Gerüst zu begeben. Nun hatte ich es geschafft, das Bauwerk zu umrunden. Vorsichtig schob ich mich - auf dem Bauch liegend - über den Rand der verwitterten Backsteinmauer und schaute durch meine Polbrille herab. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis ich unter dem großen Treibholzberg, genau zwischen Hauptströmung und Mühlengraben, einen halb verdeckten Fisch entdecken konnte.
Plötzlich wurde mir bewusst, dass allein der sichtbare Teil des Fisches schon einen Wahnsinnsfang für dieses Gewässer bedeuten wurde. Dann ließ sich der große Regenbogner - nun konnte ich ihn deutlich erkennen - langsam unter der Holzburg hervortreiben und sammelte ein paar Nymphen ein. Wahnsinn! Ein Halbmeter-Fisch! Mein Herz schlug bis zum Hals - so einen großen Fisch hatte ich in diesem Gewässer noch nie gesehen! Er musste schon einige Jahre hier herumschwimmen, Regenbogner wurden nicht besetzt - und schon gar nicht annähernd in dieser Größe...
Da lag ich nun auf dem Bauch, schon leicht zittrig in den Fingern - und wollte alles richtig machen. Also: Ruhe bewahren. Das Vorfach erneuern, zwischendurch trotzdem hektisch gucken, ob der Fisch noch unter einem in der Strömung tänzelt...das tat er. Die richtige Fliege finden...aus dem Handgelenk, liegend, Unterhand musste sie platziert werden. Und dann auch noch die richtige Tiefe erreichen... Ich entschied mich für einen 10er Goldkopf, nur leicht beschwert, aus schwarz-grauem Dubbing. Knoten ziehen, befeuchten, testen, testen, testen...okay. Tief durchgeatmet und per Schwipp-Wurf präsentiert...
...die Nymphe trifft auf das Wasser und beginnt zu sinken. Natürlich ein viel zu kurzer Wurf, 2 Meter vom Fisch, keine Reaktion...aber stattdessen schießt ein vorwitziger Trupp halbstarker Hasel unter dem Treibholz hervor und attackiert die Nymphe, einer schafft es irgendwie, das Ding zu inhalieren...ich bete, das er nur kurz drauf rumkaut und dann ausspuckt...und das tut er dann Gott sei Dank auch, die Halbstarken ziehen ab, die Forelle steht weiter in der Strömung...puh, da wäre ich beinahe aufgeflogen!
Nächster Service. Näher dran. Aber reicht wohl nicht. Aber ohhhhhhhhhhhh...die Forelle ändert unmerklich die Ausrichtung zur Strömung, kommt auf meine Nymphe zu...NUR NICHT ZU FRÜH ANSCHLAGEN, hämmert es in meinem Hirn...das Maul öffnet sich, die Nymphe verschwindet...ich ziehe die Rute hoch und wuchte mich selbst auf die Knie, hänge jetzt halb über der alten Brüstung, an der ich gleich herunter zum Wasser rutschen will, um die bisher größte Forelle meines Fliegenfischerlebens zu keschern...Über mir hindert mich ein knorriger Holunder, die Rute ganz hochzuheben, ich muss die Rute seitwärts führen um die Flucht des Fisches in den Mühlgraben zu parieren. Im flachen Wasser sehe ich, was für ein wohlgenährtes Kraftpaket da an meiner Leine zerrt, jetzt plötzlich die Richtung wechselt und auf die Treibholzburg zuschießt...BLOß NICHT ZU STARK FORCIEREN, ABER TROTZDEM PARIEREN, denke ich übe Zug aus...aber ich habe dem Sprint kaum etwas entgegenzusetzen...plötzlich rollt der Regenbogner an der Oberfläche, zwei, drei Schläge mit dem Kopf, plötzlich Spannung weg, Schnur schlägt zurück, ein letzter Flossenschlag...
...und ich lasse mich rückwärts auf den Rücken fallen, bin irgendwo zwischen sprachloser Ohnmacht und Laut-schreien-wollen. So liege ich ein paar Minuten und hoffe, dass das nur ein schlecht endender Traum war...ist es aber nicht.
Die Chance auf so einen Fisch, sie hat sich auch alle Jahre danach nie wieder in diesem Gewässer für mich ergeben. Trotzdem spiele ich die Szene immer wieder in meinem Kopf durch, erinnere mich an viele Details, das Wetter, das Pendeln des Fisches in der Strömung, die Flucht und meine gespannte Rute...und frage mich immer wieder, was ich hätte besser machen können, damals. Ich weiß, es gibt darauf keine zufriedenstellende Antwort. Und deshalb tragen wir so manches Fischverlusterlebnis mit uns herum, tolle Geschichten, mit doch leicht wehmütigem Ausgang...
...wer von euch hat Lust, auch so eine Geschichte zu teilen?
Tight lines, schöne Fische und gute Verarbeitung solcher Erlebnisse wünscht euch
Johannes
freestyle flyfishing is natural punkrock.