Wozu eigentlich eine Rutendrift?

Fliegenwerfen - wie geht das eigentlich? Wie kann ich meine Leine effektiver ausbringen und Fehler ausmerzen? Was hat es mit den AFTMA-Klassen auf sich? Was sind Spezial- und Trickwürfe? Fragen über Fragen! Hier könnt Ihr Euch gegenseitig helfen.

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Wozu eigentlich eine Rutendrift?

Beitragvon Lars_L » 18.12.2018, 00:07

Hallo,

wie ich in meiner Vorstellung (bin neu hier) geschrieben habe, interessiere ich mich sehr für das Werfen der Fliegenschnur und mich reizt es meine Distanzen zu verbessern. Ich habe jetzt schon ziemlich viele Bücher zum Thema gelesen und übe regelmäßig die verschiedenen Trickwürfe und natürlich den Basiswurf. Was mir jedoch überhaupt nicht klar wird, sind die verschiedenen Aussagen zur Rutendrift nach dem Stop. Lefty Kreh z.B. schreibt (wenn mich mein Englisch nicht in die Irre geführt hat), daß die Drift überflüssig ist, da man ja auch gleich den Stop an der entsprechenden Position machen könne, wo andere nach dem Stop hindriften. Eigentlich erscheint mir diese Argumentation völlig einleuchtend, dennoch gibt es viele gute Werfer, die unbedingt eine Rutendrift empfehlen.
Ist die Drift also eher eine Korrekturmaßnahme, für Leute, die nicht das Niveau von Lefty Kreh erreicht haben oder verstehe ich an der Stelle einfach nur Bahnhof?

Gruß
Lars
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Re: Wozu eigentlich eine Rutendrift?

Beitragvon Thomas E. » 18.12.2018, 01:52

Hallo Lars,

die Drift nach hinten verlängert den Weg für den Vorwärtswurf, wenn man den Rückwurf bei 1.00- 1.30 stoppt.
Vertreter dieser TechniK für Distanz ist z.B. Steve Rajeff.

In den letzten Jahren hat sich hauptsächlich für den Wettkampf der 170° Stil (stopless) durchgesetzt, wobei man die Rute im Rückwurf bei langer Schnur bis in die Waagerechte durchbeschleunigt.

Erstere Methode erfordert mehr Kraft bei langer Leine, weil nur kurzer Weg für den Rückwurf.

Peter Hayes zeigt hier beides :
https://www.youtube.com/watch?v=RPYgmWz9jQA

Generell ist aber ein leichtes Driften ( auch im Vorwurf) beim praktischen Fischen auch mit kürzerer Schnur bei normal hohen Stopps eine gute Sache. Es gestaltet den Wurf "runder" und der Wurfablauf ist fließender.

Für das Driften gilt, die Länge der Drift steht in Abhängigkeit von der Länge der Schnur !
Gruß
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Re: Wozu eigentlich eine Rutendrift?

Beitragvon Lars_L » 18.12.2018, 10:24

Thomas E. hat geschrieben:[...] die Drift nach hinten verlängert den Weg für den Vorwärtswurf, [...]

Hallo Thomas, danke für die schnelle Antwort. Die Begründung mit dem Weg ist allerdings genau der Knackpunkt, der mir nicht einleuchtet.
Wenn man einen Rückwurf macht und z.B. bei 11 Uhr stoppt und danach bis 10 Uhr nachdriftet, könnte man auch gleich den Stop bei 10 Uhr setzen, dadurch wäre nämlich bereits der Rückwurf länger.

Generell ist aber ein leichtes Driften ( auch im Vorwurf) beim praktischen Fischen auch mit kürzerer Schnur bei normal hohen Stopps eine gute Sache. Es gestaltet den Wurf "runder" und der Wurfablauf ist fließender.

Das Argument ist für mich nachvollziehbarer, weil man dadurch nach meinem Verständnis einen ähnlichen Effekt erzielt wie beim Gebetsroither Wurf, also den "harten Schlag" der Schnur in die Rute verhindert.

Gruß
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Zuletzt geändert von Lars_L am 18.12.2018, 10:33, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Wozu eigentlich eine Rutendrift?

Beitragvon fliegenfeger » 18.12.2018, 10:32

Hallo Lars,

Thomas hat eigentlich Alles beantwortet; deshalb nur noch eine kleine Anmerkung:

Was machst du nach dem Stopp?

1)Rute stehen lassen
2)mit der Rute nach hinten in Richtung auslaufender Schnur driften
3)Ruten nach vorn entgegen der auslaufenden Schnur driften

Bei geschätzten über 90% passiert der Punkt 3 was als sogenanntes "Creeping" (Kriechen) bezeichnet wird. Dieser Wurffehler führt oft zu tailing loops, da fehlender Arbeitsweg mit sprunghaftem Krafteinsatz ausgeglichen wird.
Meine Erfahrung zeigt, dass bewusstes Driften(in die richtige Richtung) auch ein gutes Hilfsmittel zur Vermeidung des Creepings ist.

Viele Grüße
Armin
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Re: Wozu eigentlich eine Rutendrift?

Beitragvon Lars_L » 18.12.2018, 10:43

fliegenfeger hat geschrieben:[...] Bei geschätzten über 90% passiert der Punkt 3 was als sogenanntes "Creeping" (Kriechen) bezeichnet wird. Dieser Wurffehler führt oft zu tailing loops, da fehlender Arbeitsweg mit sprunghaftem Krafteinsatz ausgeglichen wird. [...]


Hallo Armin, wenn ich das richtig verstehe gleicht die Drift also einen Wurffehler aus. Stellt sich da nicht die Frage, ob es evtl. besser wäre den Wurffehler zu beheben, statt ihn durch eine zusätzliche Technik auszugleichen?
Gruß
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Re: Wozu eigentlich eine Rutendrift?

Beitragvon Trockenfliege » 18.12.2018, 11:53

Ist ein Stopp auf 11.00 oder gar 12.00 mit senkrechter Rute eventuell effektiver/besser fürs Handgelenk als ein Stop auf 10.30?
Wenn ein Stopp näher an der Senkrechten effektiver ist, ergäbe die Driftererei einen Sinn.
Ich gehöre auch zu den "Creepern", durch ein bewusstes Driften wird dies gut verhindert + mehr Arbeitsweg!

Ich habe Steve Rajeff auf der EWF werfen sehen: damals hat er die Rute auf 12.00 gestopt und ist, meinem Eindruck nach, kaum nach hinten gedriftet.
Er hat da also mit eher kurzen Arbeitswegen aber einer immensen Beschleunigung geworfen.
Im Prinzip ist es egal, ob meine "Arbeit" aus dem Weg - langer Rutenspitzenweg oder aus der Zeit - schnelle Beschleunigung kommt.
Das Resultat ist das gleiche.

Dieses Werfen mit wenig Stop und langem Weg ( 170°)praktiziere ich ähnlich ( nicht ganz so langer Weg)schon lange, es schont meine Rutenhand in den höheren Schnurklassen.
Allerdings komme ich weiter, wenn ich zusätzlich einen vernünftigen Stop nach vorne mache, allerdings schleichen sich dann auch schneller Fehler ein.

LG
Reinhard
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Re: Wozu eigentlich eine Rutendrift?

Beitragvon Lars_L » 18.12.2018, 15:08

Trockenfliege hat geschrieben:Ist ein Stopp auf 11.00 oder gar 12.00 mit senkrechter Rute eventuell effektiver/besser fürs Handgelenk als ein Stop auf 10.30?


Naja, physikalisch gesehen will man ja Energie auf die Schnur übertragen und das ist "Kraft" x "Weg" und wegen "Kraft" = "Masse" x "Beschleunigung" kann man die Energie entweder durch eine stärkere Beschleunigung oder durch einen längeren Weg erzielen. Ein kurzer Weg würde das Handgelenk also mehr belasten.
Gruß
Lars Linden
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Re: Wozu eigentlich eine Rutendrift?

Beitragvon fliegenfeger » 18.12.2018, 20:20

Hallo Lars,

das Driften gleicht keinen Fehler aus, sondern verhindert ihn.

Hallo Reinhard,

ich habe Steve Rajeff auch auf der EWF bewundert, insbesondere für seinen Rückwurf. Er macht einen brutalen Stopp bei 12-13Uhr? und nutzt dabei einen weiteren Effekt: Thema Counterflex. Sein Driften besteht nur aus einen kurzen Liften des Ellenbogens.
Beim Vorwurf arbeitet er mit sehr kurzem Arbeitsweg und extremer Beschleunigung, was aber immer die Gefahr unschöner Schlaufen mit sich bringt. Dies war mir besonders bei seinen Würfen mit dem Schußkopf aufgefallen. Aber bitte nicht falsch verstehen, das ist ein toller Werfer mit überragenden Fähigkeiten.

Viele Grüße
Armin
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Re: Wozu eigentlich eine Rutendrift?

Beitragvon Lars_L » 18.12.2018, 21:00

Hallo Armin,

danke für das Feedback. Ich werde mir nochmal meine Videoaufnahmen anschauen und gucken, zu welchem der drei Typen ich gehöre. Am Besten probiere ich das mit der Drift einfach mal aus und vergleiche die Ergebnisse. Zumindest habe ich das Gefühl durch Eure Antworten etwas schlauer zu sein als vorher :D

Gruß
Lars
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Re: Wozu eigentlich eine Rutendrift?

Beitragvon Lars_L » 19.12.2018, 23:09

Hier nochmal ein kleines Update meinerseits: Also von den drei Typen, die Armin aufgeführt hat, gehöre ich eher zu jenen, die nach dem Stop keine weitere Bewegung in der Rute haben. Ich habe heute mal wieder am Wasser geübt und für mich keinen Vorteil feststellen können, ob ich mit der Rute nachdrifte oder nicht. Wenn ich die Rute absichtlich etwas zurückziehe, was ja als Fehler beschrieben wurde, bricht allerdings die Schlaufe zusammen, was mir auch logisch erscheint.
Aber ich habe auch noch etwas über meinen Krafteinsatz gelernt, was mir ohne Eure Hinweise vermutlich nicht so schnell aufgefallen wäre. Ich habe meinen Krafteinsatz jetzt mehr in den Doppelzug gelegt als in die Rutenführung und habe den Eindruck, meine Schlaufenbildung wird dadurch deutlich besser. Meinen Rutenstop habe ich etwas weicher gemacht, was ebenfalls zu einem schöneren Schlaufenbild geführt hat, den Grund dafür habe ich allerdings noch nicht verstanden. Naja, ich werde mal etwas drüber nachdenken :wink:

Also danke nochmal an alle, ich hätte nicht gedacht, daß mir der (rein schriftliche) Erfahrungsaustausch soviel bringt!

Gruß
Lars
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Re: Wozu eigentlich eine Rutendrift?

Beitragvon Thomas E. » 20.12.2018, 09:00

Moin,

beim normalen Fischen mache ich meistens einen rückwärtigen recht hohen Stopp, dieser hat auch einige Vorteile.
Z.B. liegt die Schnur hoch in der Luft, Ober- und Unterschnur haben einen geringen Abstand, was nicht nur schön aussieht.

Für weitere bis weite Würfe nutze ich dann das Driften besonders im letzten Rückwurf, das bringt mir paar Meter mehr an Weite.

Im 170° Stil werfe ich nur, wenn ich mal sehr gr. Längen halten will (an/ über20m).
Da bringt er mir 3-4m mehr, die ich in der Luft führen kann.
Das ist aber selbst an der Küste nicht der Fall, weil ich dort ja keine Langkeule/ DT verwende.
Außerdem entsteht durch die Rutenführung nach unten die "Bouncing Bomb", dafür brauche ich den Platz hinter mir.
Aber es macht Spaß und man kann teils die ganze Schnur "halten."

Mit kurzer Schnur (10m Bereich) werfe ich am Bach gern mal "den Gebetsroither", weil ein schön fliessender Bewegungsablauf (mit Drift), z.B. um für die Präsentation mit der Trockenen bereit zu sein.
Gruß
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Re: Wozu eigentlich eine Rutendrift?

Beitragvon fliegenfeger » 20.12.2018, 09:43

Hallo Lars,

wie hast du deine Wurfausführung kontrolliert? Video? Eigenes Empfinden und das was auf Videoaufnahmen zu sehen ist, kann zu großem Erstaunen führen. :-k

Hi Thomas,

mach mal deine Würfe mit einem Fußballtor oder Volleyballnetz im Rücken und du wirst einen weiteren Vorteil vom "Gebetsroihter" feststellen. :mrgreen:

Viele Grüße
Armin
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Re: Wozu eigentlich eine Rutendrift?

Beitragvon Thomas E. » 20.12.2018, 10:01

fliegenfeger hat geschrieben:Hi Thomas,

mach mal deine Würfe mit einem Fußballtor oder Volleyballnetz im Rücken und du wirst einen weiteren Vorteil vom "Gebetsroihter" feststellen. :mrgreen:


Moin Armin,

ja, durch das "untendurch" im RW steigt das Leinenende nach oben an. :D

Wenn man dann den Arbeitswinkel noch nach vorne verlagert, hat man den Hinderniswurf (Steeple Cast ).
Gruß
Thomas Ellerbrock
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Re: Wozu eigentlich eine Rutendrift?

Beitragvon Trockenfliege » 20.12.2018, 12:47

Lars_L hat geschrieben: Ich habe heute mal wieder am Wasser geübt und für mich keinen Vorteil feststellen können, ob ich mit der Rute nachdrifte oder nicht. Wenn ich die Rute absichtlich etwas zurückziehe, was ja als Fehler beschrieben wurde, bricht allerdings die Schlaufe zusammen, was mir auch logisch erscheint.


Da hast du etwas missverstanden: Nicht das nach hinten Driften ist der Fehler, sondern wenn man die Rute - noch bevor sich die Schnur nach hinten ganz entfaltet hat- leicht nach vorne sozusagen vorspannen will. Das ist das sogenannte creaping. Das ist eine winzige Bewegung mit der Rutenspitze von wenigen Grad nach vorne, die dann aber erstmal wieder gestoppt wird, bevor der eigentliche Vorwurf beginnt.

Wenn dein Wurf/ deine Schlaufe nach hinten durch ein Driften nach hinten zusammenbricht, dann driftetst du zu früh und/oder zu weit.

LG
Reinhard
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Re: Wozu eigentlich eine Rutendrift?

Beitragvon Thomas E. » 20.12.2018, 15:07

Gut beschrieben, aber :
Trockenfliege hat geschrieben:
Wenn dein Wurf/ deine Schlaufe nach hinten durch ein Driften nach hinten zusammenbricht, dann driftetst du zu früh und/oder zu weit.


Zu weit geht garnicht, man kann bis zur Horizontalen nachführen.
Die richtige Geschwindigkeit ist dabei wichtig, nicht zu schnell darf das geschehen !
Gruß
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