Laichzeiten:Expertenwissen gefragt

Hier geht es um wichtige Belange wie Naturschutz, sinnvolle Gewässer-Bewirtschaftung, schonender Umgang mit Umwelt und Kreatur, Ärgernisse (Schlagthemen) wie Klein-Wasserkraft & Kormoran und Rechtliches.

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Laichzeiten:Expertenwissen gefragt

Beitragvon arcoiris » 27.12.2016, 14:19

Hallo an unsere Fischbiologen,

der Klimawandel erreicht auch Patagonien. Die Sommer und Winter werden Niederschlagsaermer und die Durchschnittstemperaturen steigen. Der tockene Sommer 2016 liess die Wasserstaende in den Seen und Fluessen in und um Coyhaique (45. Breitengrad Sued in Chile) auf ein sehr niedriges Niveau sinken. Viele Laichgebiete lagen noch im Spaetherbst (Mai) trocken. Wir alle hofften auf starken Niederschlag und Schneefall in den Wintermonaten Juli und August. Doch auch der Winter war ungewoehnlich mild. Schnee und Regen liessen auf sich warten.
Als ich Ende Oktober in mein Sommerdomizil am Lago Pollux reiste, beobachtete ich die in diesem See ausschliesslich vorkommenden Rainbows. Weisse Flecken an kiesigen Ufern und Laichgruben waren deutlich zu erkennen. Die Fische versuchten dort abzulaichen, da Zu- und Abfluesse nach wie vor ohne Wasser waren. Normalerweise laichen die Rainies in den dortigen Gewaessern im September/Anfang Oktober. Bei genauerem Hinschauen stellten wir allerdings fest, dass trotz typischem Liebesspiel und Laichverhalten keine Eier im See an den kiesigen Ufern abgelegt wurden.
Mitte November setzte dann fuer mehrere Tage ein sintflutartiger Regen ein. Der Wasserstand im See stieg Ende November auf ein fast normales Niveau. Aus- und Zufluesse fuellten sich rasch mit Fischen, die ihrem Laigeschaeft nachgingen. Leider laengst nicht alle, da wir um Weihnachten einige Rogner vor dem Zuruecksetzen mit nicht ausgeschiedenen Eiern beobachten konnten. Wir vermuten, dass die Ausbeute an Bruetlingen, die wir normalerweise an den Seeufern im Dezember/Jaenner in Schwarmformation beobachten, heuer wesentlich geringer sein wird.

Unsere Fragen: Ist es moeglich, dass die Fische ihre Laichzeit um zwei Monate nach vorne verschieben koennen? Was passiert mit nicht abgelaichten Fischen? Sterben die Eier in ihren Koerpern ab und vergiften gar den Organismus? Was passiert unter den geschilderten klimatischen Bedingungen mit der Ablaiche der Brown trouts (normale Laichzeit hier: Juni/Juli; da waren nahezu alle Laichgruende ohne Wasser ). Ist es moeglich, dass die Samoniden im stehenden Wasser ablaichen?

Vielen Dank fuer Eure Expertenmeinung!
Helmut
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Re: Laichzeiten:Expertenwissen gefragt

Beitragvon Beppo » 28.12.2016, 13:40

Hallo Helmut, was soll ich sagen, außer das was schon des Öfteren hier im Forum gesagt wurde. Das Ablaichen richtet sich nicht nach den üblichen Laichmonaten, es müssen die äußeren Bedingungen stimmen. Ganz entscheidend ist die Wassertemperatur und die Durchflussmenge/Wasserstand in dem Gewässer. Bei uns im Vogtland und wahrscheinlich auch in weiten Teilen D sind die üblichen Laichmonate von Oktober bis Dezember. Wir hatten aber auch schon Bachforellen, die bei optimalen Bedingungen im Okt. – Dez., erst Anfang Januar ablaichten. Man sollte dies nicht so überbewerten oder dramatisch sehen, die Natur (Fische) regelt dies selbst. Was die zweite Anfrage betrifft, was mit dem Laich geschieht der nicht abgegeben wurde, kann ich dir nur unsere über dreißigjährigen Erkenntnisse aus unserer Forellenerbrütungsanlage schildern. Wir konnten weder bei Bachforellen, Bachsaiblingen, Regenbognern oder Äschen eine Notablaichung in den Hälterungsrinnen der Rogner beobachten. Selbst Fische die einen guten Laichansatz zeigten, die wir aber nicht abstreifen konnten, gingen wieder fest und bildeten den Laich zurück und wurden im Gewicht wieder weniger. In den Hälterungsrinnen konnten wir nie Laich nachweisen. Wir haben es nie erlebt, dass durch das Nichtablaichen diese Fische vergiftet wurden. Also keine Panik, wie ich schon erwähnt habe die Natur hilft sich selbst. Gruß Beppo
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Re: Laichzeiten:Expertenwissen gefragt

Beitragvon arcoiris » 02.01.2017, 14:31

vielen Dank Beppo fuer Deine Erlaeuterungen und Einschaetzungen! Wenn allerdings waehrend der ueblichen/normalen Laichmonate fuer Bachforellen ( hier auf der suedlichen Halbkugel Juni/Juli) ihre Laichgebiete trocken liegen, koennen dann die Farios wirklich zu Fruehjahrslaichern werden (Verschiebung der Laichzeit um mehr als fuenf Monate)? So jedenfalls waren die Bedingungen in vielen Seen rund um Coyhaique waehrend des hiesigen Winters. Erst im November (entspricht Mai auf der noerdlichen Halbkugel) stellten sich Wasserstaende und Temperaturen auf ein Normalmass ein. Habe ich Deine Ausfuehrungen richtig verstanden, dass eine Ablaiche der Salmoniden im stehenden Wasser von Seen unwahrscheinlich ist? Die Stillwasser, von denen ich hier berichte, sind staendigen starken Winden ausgesetzt und daher ist die Wassermasse permanent in Bewegung. Allerdings haben auch wir, trotz ausgehobener Laichgruben an steinigen Seeufern und typischem Laichverhalten der Regenbogen an diesen Stellen nicht beobachten koennen, dass dort eine Ablaiche erfolgt ist.
Gruss Helmut
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Re: Laichzeiten:Expertenwissen gefragt

Beitragvon Royal Coachman » 02.01.2017, 18:47

Hallo Helmut!

Es gibt bei uns in Österreich hochgelegene Seen in denen die Salmoniden (Bachforellen und Saiblinge) ablaichen ohne dass ein Zufluss oder Abfluss optisch vorhanden wäre. Es gibt aber in jedem See Strömungen, die in gewissen Abschnitten das Wasser in Bewegung halten. Dies hat mit Wind wenig zu tun sondern mit den Temperaturunterschieden, die durch die verschieden starken Sonneneinstrahlungen entstehen. Zusätzlich noch besonders im Herbst der große Austausch mit dem Tiefenwasser. So ein See ist also keine stehende Wassermasse, deswegen wie schon Peppo ausgeführt hat, keine Panik zu 99% regelt das die Natur selbst.

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RC
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Re: Laichzeiten:Expertenwissen gefragt

Beitragvon Beppo » 03.01.2017, 09:36

Hallo Helmut,
vielen Dank für dein Interesse. Fünf Monate über die normale Zeit halte ich schon für sehr bedenklich. Dies scheint meines Erachtens vielleicht auch die Ausnahmen von der Regel zu sein. Bei so einer zeitlichen Verschiebung halte ich ein erfolgreiches Ablaichen eigentlich für unmöglich, die Eier sind dann überreif und selbst wenn noch Anstalten eines Ablaichens gemacht werden, wird dies mit Sicherheit nicht von Erfolg gekrönt sein. Der Laichansatz der Fische braucht eine bestimmt Zeit zur Reife, dass Ablaichen kann dann den äußeren Umständen entsprechend verzögert werden, mit Sicherheit aber keine 5 Monate über die Zeit. Selbst wenn ein Ablaichen noch erfolgen sollte wären meist die Umstände im Gewässer, Gewässertemperatur, Nahrungsangebot und Fressfeinde nicht unbedingt förderlich für den Nachwuchs. Man kann nur hoffen, dass sich dies dort wieder einpegelt, ändern könnte man sowieso nichts.
Was die andere Sache mit dem Ablaichen von Salmoniden in einem stehenden Gewässer betrifft kann ich dir nur so viel sagen, dass außer den Bachsaiblingen auch wir keine Beobachtung diesbezüglich gemacht haben. In einem klaren Gewässer im Vogtland, dass nicht mit Salmoniden besetzt wird, konnten wir des Öfteren Bachsaiblinge in dem See beim Laichgeschäft beobachten. Da es dort ab und zu Fangmeldungen über Bachsaiblinge gibt, in unterschiedlichen Größen, muss man davon ausgehen, dass das Laichgeschäft erfolgreich war. Ergänzend wäre noch zu erwähnen, dass ganz in der Nähe der Laichstelle ein Bach in das Gewässer mündet. Von dort ist aber kein Abdriften von Jungfischen aus dem Bach in den See zu erwarten, da unmittelbar vor dem Mündungsbereich sich eine Querverbauung befindet und oberhalb im Bach keine Saiblinge vorkommen. Übrigens werden in einigen oberbayrischen Alpenseen gleiche Beobachtungen gemacht und wahrscheinlich auch noch woanders.
Ein allgemeine flächendeckende Aussage darüber zu machen, ob in Stillgewässern das Ablaichen von Salmoniden stattfinden kann, kann ich auch dir nicht geben. Wahrscheinlich ist es im Flachland anders wie in den Mittelgebirgen und dort anders wie in den Alpenseen.
Andere Länder, andere Sitten, aber ein sehr interessantes Thema.
Gruß Beppo
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Re: Laichzeiten:Expertenwissen gefragt

Beitragvon arcoiris » 03.01.2017, 13:47

Danke Royal Coachman und Beppo fuer Eure Antworten und Einschaetzungen! Viele einheimische patagonische Bauern, wo sich auf ihren Laendereien kleinere Seen oder Lagunen ohne Zu und Abfluesse befinden, behaupten, dass sowohl Farios als auch Rainbows in diesen Gewaessern ablaichen. Bisher war ich aeusserst skeptisch, dem Glauben zu schenken.Fuer mich gehoerte immer fliessendes Wasser und Laichgeschaeft der Salmoniden zusammen. Die Bemerkungen von RC ueber das Laichverhalten von Salmonidenarten in oesterreichischen alpinen Seen decken sich mit den von mir bisher angezweifelten Behauptungen einheimischer Landbewohner. Dass Salmoniden auch in stehenden Gewaessern ablaichen koennen, ist eine neue Erkenntnis, die mein Umdenken erfordert.

Durch die Trockenheit des letzten Sommers und Winters hier in der XI Region Chiles wird wohl die diesjaehrige Brutausbeute geringer als in normalen Jahren ausfallen. Da die staatliche chilenische Fischereiaufsichtsbehoerde (Sernapesca) kaum finanzielle und technische Mittel zum Schutz ihrer patagonischen Binnengewaesser bereithaelt und einsetzt sowie selten Bewirtschaftungsmassnahmen unter Nachhaltigkeits- Gesichtspunkten betreibt, wird sich die bisher noch ausserordentlich gute Fischerei bei anhaltendem Klimawandel kuenfig wohl ohne den notwendigen Politikwechsel dieser Institution verschlechtern. Hinzutritt der fehlende Schutz von Laichgruenden. Nach wie vor beobachten wir das Abschlachten laichreifer Salmoniden vor der Ablaiche mit Spiessen und Mistgabeln durch unverantwortliche Einheimische. Eine diesbezuegliche Kontrolle durch staatliche Aufsichtsorgane findet nur aeusserst selten statt. In meinem Haus See habe ich in der letzten Saison und auch heuer noch keine Salmonide von ueber 60 cm fangen koennen. In den ersten Jahren, die ich hier ab 2008 verbringe, waren es anfaenglich immer drei bis vier Fische in der Saison zwischen 60 und 70 cm. Diese Verschlechterung gilt natuerlich nicht fuer weiter von den beiden groesseren Staedten (Coyhaique und Aysen) gelegenen Gewaessern, in denen nach wie vor eine fast jungfraeuliche Fischerei mit der Fliege moeglich ist und die eine gesunde und artgerechte Poblation an Salmoniden aufweisen. Was Not taete waere ein Trolling Verbot, C&R Gebote fuer bedrohte Seen und Fluesse und eine Entnahmebegrenzung auf eine Salmonide pro Tag/Fischer.

Aber Schluss mit Kritik! Verglichen mit meinen Fischerei Erfahrungen in Europa, verbringe ich nach wie vor die Sommermonate hier im Forellenparadies.
Tight lines Helmut
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