Sieg, Eder, Volme etc. sind sauberer geworden......

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Sieg, Eder, Volme etc. sind sauberer geworden......

Beitragvon Olaf Kurth » 05.01.2017, 13:52

Liebe Mitstreiter,

im Forum wirken viele Fliegenfscher mit, die in der Region Siegerland, Rothaargebirge oder dem Märkischen Kreis mit der Fliegenrute unterwegs sind. Laut aktuellem WDR-Bericht sind die Sieg, Eder oder die Volme in den letzten Jahren deutlich sauberer geworden, da die Nitrat- und Phosphorwerte gesunken sind: http://www1.wdr.de/nachrichten/westfale ... d-100.html

Was bedeuten diese gesunkenen Werte für die Fischfauna?
Wie wirkt sich das auf die Makroorganismen aus?

Vielleicht können Fischereibiologen oder Chemiker den Zusammenhang zwischen der Population der Fischnährtiere und den entsprechenden Phosphat- bzw. Nitratwerten etwas näher erläutern. Danke.

Liebe Grüße,

Olaf
Und Gott sprach zu den Steinen im Fluss: "Wollt ihr Mitglieder der UNERSCHROCKENEN werden?" Und die Steine antworteten: "Nein Herr, dafür sind wir nicht hart genug."
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Re: Sieg, Eder, Volme etc. sind sauberer geworden......

Beitragvon Maggov » 05.01.2017, 16:12

Hallo Olaf,

bin zwar kein Gewässerbiologe aber es gibt Untersuchungen zur Isar bei der man einen Rückgang der (Micro-)Fauna feststellte und dies auf zwei Effekte zurückführt:

1. Die Isar ist so sauber geworden dass die Produktivität gesunken ist. Kleinlebewesen wie Nymphen sind zurückgegangen da diese weniger Nahrung (Algen und organischer Detrius) als früher haben
2. ein Anstieg von Östrogenen aufgrund der fehlenden Möglichkeit dieses Hormon aus den Abwässern zu klären. Die Östrogene kommen über die Pille ins Abwasser und kumulieren sich.

Bin gerade beruflich etwas unter Druck, kann die Studien aber in einigen Tagen versuchen nochmals zu googeln und nach zu reichen.

LG

Markus
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Re: Sieg, Eder, Volme etc. sind sauberer geworden......

Beitragvon gespliesste » 05.01.2017, 22:53

Hallo Olaf,

ich glaube das Thema ist so komplex, dass es darauf keine einfache Antwort gibt und ich glaube auch, dass selbst die Forschung sich da in weiten Teilen bis heute schwer tut die Zusammenhänge genau zu verstehen. Es gibt einen jahrelangen Streit am Bodensee zwischen Berufsfischern, Fischereiforschungsstelle und Wasserwirtschaft über den Nährstoffrückgang im Bodensee und die damit verbundenen Auswirkungen für die Flora und Fauna. Mein persönliches Fazit als langjähriger Beobachter wäre, es gibt Indizien über gewisse Zusammenhänge, aber genaues weiss man noch lange nicht.

Zu den Phosphat und Nitratwerten:
Nitrat spielt für die Fischfauna und deren Nährtiere eine untergeordnete Rolle, da der limitierende Faktor für die pflanzliche Primärproduktion und damit für die Nahrungskette in unseren Gewässern eigentlich immer das Phospohor (Phosphat) ist. Zuviel Phosphor bringt wieder andere Probleme mit sich, Algenblüte und eine darauf folgende Sauerstoffzehrung. Damit funktioniert die Naturverlaichung nicht mehr usw. Man kann das jetzt unendlich ausführen.

Ich denke wir tuen gut daran uns grundlegend an den historisch überlieferten Wasserwerten und Nährstoffkonzentrationen zu orientieren, so hat sich die Natur mit der angestammten Flora und Fauna über Jahrtausende ganzheitlich in unseren Gewässern erfolgreich entwickelt. Diese Werte waren eher nährstoffarm.

Auch wenn das erst mal eine gewisse Einbusse in der "Produktivität" der Gewässer gegenüber den Jahren mit Besatz und künstlicher "Düngung" zur Folge hat. Alles andere läuft nach meiner Meinung auf einen langfristigen Zuchtbetrieb hinaus. Der gewisse Arten (dicke Fische) bevorzugt und anderen Arten massiv schadet. Für ein ganzheitlich funktionierendes Ökosystem Fluss in der Forellen und Äschenregion sind geringe Nährstoffkonzentrationen nach meiner Einschätzung von Vorteil.

LG,

Olaf
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Re: Sieg, Eder, Volme etc. sind sauberer geworden......

Beitragvon Maggov » 06.01.2017, 12:04

Hallo Olaf (gespliesste),

ich gebe Dir gerne Recht dass das wir nur Indizien haben und sicherlich nicht alles verstanden haben.

Ein weiteres Beispiel anhand der Historie:
ich kenne Erzählungen von der Steyr bei denen die Fischer davon berichten dass die Fischerei vor der Einführung der Kanalisation - also wo die Toiletten noch direkt in die Steyr gingen - der Fluß alles andere als angenehm roch, die Fische aber deutlich größer und zahlreicher waren. Klar, kann man auch anderweitig erklären aber für mich ist der Rückgang von Biomaße in saubereren Gewässern plausibel. Dabei zählt für mich Algenwuchs auch dazu. Das kann natürlich auch bedeuten dass Kieslaicher zurückgehen weil das Habitat fehlt.

Die Kette organischer Müll ist Nahrung für Larven und Krebstierchen, ist Nahrung für Fische, ist Nahrung für Fischräuber erscheint mir einfach und schlüssig. Deshalb glaube (!) ich in diesem Fall der Statistik und der Theorie. Das heißt für mich nicht dass automatisch mehr Forellen aufkommen. In der Isar war zu meiner Kindheit v.a. die Nase ein Fisch den Du eigentlich immer sehen konntest. Der Rückgang der Nasen hat sicherlich andere Gründe aber deren Hauptnahrung ist meines Wissens nach Algenwuchs. Diesen findest Du heute an der Isar in München bei Weitem nicht mehr so wie vor 20, 30 Jahren. Selbst wenn also die Nasen zurück kommen könnten würde der Bestand meiner Meinung niemals die damaligen Größe erreichen können weil ihnen einfach das Futter fehlt.

LG

Markus
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Re: Sieg, Eder, Volme etc. sind sauberer geworden......

Beitragvon Gammarus roeseli » 07.01.2017, 00:16

Hallo in die Runde,

schaut aktuell so aus als ob die Fachleute den“ Ökologischen Zustand/ Ökologisches Potenzial“ der Sieg, oberhalb von Siegen mit unbefriedigend bewerten. Von Siegen bis ca. Betzdorf mit schlecht und im weiteren Verlauf mit einem „Ökologischen Zustand/ Ökologisches Potenzial“ von mäßig bewerten…

Falllaub ist ein sehr wichtiger Dünger in den Bächen und den kleinen Flüssen der Mittelgebirge und im Flachland. Ein naturnaher Bach hat Gumpen und kleine Dämme (kleine Dämme bilden sich oft aus umgestürzten Bäumen bei Windbruch, oder durch Biber) in denen das Falllaub zurückgehalten wird und sich ablagern kann. Falllaub wird von den Zerkleinerern und den Sedimentfressern verwertet, Falllaub ist Dünger für Algen, die Algen werden von den Weidegängern gefressen usw. Wichtig ist, es braucht Falllaub, Nadelstreu mögen die Zerkleinerer und Sedimentfresser als Nahrung nicht... :badgrin:

Große Forellen mögen flaches Wasser nicht... :badgrin:

LG Christian
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Re: Sieg, Eder, Volme etc. sind sauberer geworden......

Beitragvon Olaf Kurth » 07.01.2017, 00:18

Maggov hat geschrieben:1. Die Isar ist so sauber geworden dass die Produktivität gesunken ist. Kleinlebewesen wie Nymphen sind zurückgegangen da diese weniger Nahrung (Algen und organischer Detrius) als früher haben


Dieses Phänomen hat mir schon Roman vor rund 20 Jahren geschildert, lieber Markus,

gut funktionierende Kläranlagen an der Gmundener Traun sollten damals eine Verbesserung der Wasserqualität, aber einen Rückgang des Makrozoobenthos ergeben haben. In der Folge sei die Forellenpopulation deutlich zurückgegangen. An unseren Fließgewässern erzählt man von sagenhaften Fischen, die in früheren Zeiten an den Einläufen von Metzgereien standen. Als diese Einläufe wegfielen und die Mästung durch Schlachtabfälle ausblieb, wären auch die großen Fische verschwunden. Diese Geschichten kenne ich vom "hören-sagen", mich interessieren die biologisch-chemischen Zusammenhänge.

Bei Deinem zweiten Punkt ist die Gefahr des höheren Östrogen-Wertes und die negativen Auswirkungen auf die Fortpflanzungsfähigkeit bekannt. Ob es mittlerweile an den Kläranlagen Möglichkeiten zur Reduzierung gibt, weiß ich nicht. Vielleicht gibt es aktuelle Studien zu diesem Thema.....


gespliesste hat geschrieben:Hallo Olaf,
ich glaube das Thema ist so komplex, dass es darauf keine einfache Antwort gibt und ich glaube auch, dass selbst die Forschung sich da in weiten Teilen bis heute schwer tut die Zusammenhänge genau zu verstehen. Es gibt einen jahrelangen Streit am Bodensee zwischen Berufsfischern, Fischereiforschungsstelle und Wasserwirtschaft über den Nährstoffrückgang im Bodensee und die damit verbundenen Auswirkungen für die Flora und Fauna.


Vielleicht sind die Wechselwirkungen der biologisch-chemischen und anderer Aspekte (Niederschlagsmenge, Gesteinsarten, Oberflächenabfluss, Grundwasser) wirklich zu komplex, um einfache Antworten zu geben, lieber Olaf.

Die unterschiedlichen Positionen zum Thema am Bodensee kannte ich; an NRWs Talsperren und deren Bewirtschaftung gibt es parallele Streitpunkte. Das ist wohl immer so, wenn unterschiedliche Interessensvertretungen aufeinander treffen. Es ist, wie Du zu Recht sagst, ein weites Feld mit Überraschungen, die selbst die Wasserwirtschaft nicht erklären kann.


gespliesste hat geschrieben:Ich denke wir tuen gut daran uns grundlegend an den historisch überlieferten Wasserwerten und Nährstoffkonzentrationen zu orientieren, so hat sich die Natur mit der angestammten Flora und Fauna über Jahrtausende ganzheitlich in unseren Gewässern erfolgreich entwickelt. Diese Werte waren eher nährstoffarm.


Schwierig, schwierig, lieber Olaf,

wir verändern seit gut 2000 Jahren unsere Gewässer auf die ein oder andere Weise. In meiner Region gab es bis vor 2247 Jahren hauptsächlich gesunde Buchen und Mischwälder. Dann nahm die Verhüttungsindustrie Fahrt auf (hauptsächlich Waffen und Rüstungen für die römischen Armeen) und die Mischwälder verschwanden im Laufe der Zeit. Der Rohstoff Holz wurde als Treibstoff der Antike und des Mittelalters entsprechend intensiv genutzt. Die nachfolgenden Nadelholz-Monokulturen ließen sich schneller und häufiger nutzen und führten in der Folge an besonders kalkarmen Gewässern durch die natürlichen Niederschläge (die auf Nadelhölzer trafen und durch die Waldböden weiter transportiert wurden) zu einem sauren, schlechtem Fischwasser.

So komisch sich das anhört, der Eintrag über geklärte Abwässer, Düngemittel und Waschmittel führt für kurze Zeit zu einem Anstieg des ph-Wertes (Optimalwert zwischen 6,5 und 8 ). Weitere, wesentlich wichtigere Faktoren für die Pufferung des ph-Wertes ist das neutrale und gut lösliche Caliumbikarbonat Ca(HCO3)2 unserer Gewässerböden, das für ein gutes Säurebindungsvermögen sorgt. Ich hatte diese Zusammenhänge mal an der Landesanstalt für Fischerei NRW in Albaum gelernt. Vieles aber wieder vergessen, deshalb habe ich gefragt.

Ein spannendes Thema bleibt es allemal.

Liebe Grüße,

Olaf
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