Zustand der Fischfauna in der Isar

Hier geht es um wichtige Belange wie Naturschutz, sinnvolle Gewässer-Bewirtschaftung, schonender Umgang mit Umwelt und Kreatur, Ärgernisse (Schlagthemen) wie Klein-Wasserkraft & Kormoran und Rechtliches.

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Re: Zustand der Fischfauna in der Isar

Beitragvon Ede*** » 27.05.2019, 22:10

Tag zusammen,

leider ist die Entwicklung nicht nur in Bayern so, wie von Euch beschrieben. Auch in den meisten Flüssen der deutschen Mittelgebirge und in der Schweiz haben die Fischbestände abgenommen (ausser denen einiger Kleinfischarten). Woran es liegt? Der Kormoran und die Wasserkraft spielen sicher eine große Rolle, lokal sicher oft auch die Hauptrolle. Aber wahrscheinlich nicht alleine und nicht überall. Viele Auswirkungen menschlicher Eingriffe zeigen erst nach Jahrzehnten ihre volle Wirkung oder erst, wenn bestimmte Grenzen erreicht sind. So sind auch in den letzten Jahrzehnten noch viele Laichgewässer der Bachforelle, d.h. Seitenbäche, durch Sohlabstürze vom Hauptgewässer abgeschnitten worden.

Manches wissen wir einfach noch nicht (Stichwort z.B. "Mikroschadstoffe" und "hormnonelle Wirkung von Umweltchemikalien"). Oft sind es Kombinationen von Faktoren (z.B. warme Sommer mit und andere Stressfaktoren). Die Schweizer haben in einem sehr großen Projekt versucht, den Rückgang der Bachforellenbestände zu ergründen. Den sehr umfassenden Endbericht findet man hier: www.fischnetz.ch Schon die zusammenfassende Bewertung auf S. 133 zeigt, wir komplex die Uraschen bei der Bachforelle sind.
Der allgemeine Insektenschwund ist sicher auch nicht förderlich für die Fischbestände. Was ist, wenn bestimmte Nährtiere in bestimmten Entwicklungsphasen ausfallen? Keiner weiß das so genau. Bei den Beständen der Feldtieren wie Rebhühner war bis in die 70er auch noch vieles ganz in Ordnung (und da war die Landwirtschaft auch schon intensiv). Heute gibt es z.B. kaum noch Rebhühner.

Ob durch Klärwerke gereinigte Gewässer wirklich bestandsfördernd sind, ist zumindest nicht eindeutig. Organisches Material düngt die Flüsse und bewirkt dort genau das gleiche wie auf Feldern. Bis zu einem gewissen Grad allerdings nur.

Viele Möglichkeiten zur Spekulation und wenige Beweise für Ursachen. Der Kormoran sicher. Und was noch?
Ede***
 
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Re: Zustand der Fischfauna in der Isar

Beitragvon pehers » 17.06.2019, 16:59

Servus liebe alle, servus Ede***(?),

Euch allen darf ich in gewissen Teilen recht geben, insbesondere darin, dass wir viele Zusammenhänge sicher noch nicht völlig durchschauen und vermutlich auch nicht erkannt haben.

Auf der anderen Seite treibt mich das "andere Ursachen Suchen" auch schon massiv in den Wahnsinn, denn wir haben meines Erachtens direkte Zusammenhänge zwischen Prädation und massivem Rückgang unserer Fischbestände wissenschaftlich valide nachgewiesen. Wie gesagt, räume ich ein, dass das nicht die alleinige Ursache ist und dass wir sicher noch weiter forschen sollten. Aber auf der anderen Seite ist für mich klar, dass man an vielen Schrauben nicht drehen kann: Weder werden wir einen Rückbau der Wasserkraftanlagen erreichen, noch den Damen die Anti-Babypille verbieten oder die Kanalisation/Kläranlagen teilweise umgehen können, um wieder mehr Nährstoffe in unsere Gewässer zu bekommen. Ich weiß, das sind jetzt nur plakative und wissenschaftlich nicht haltbare Argumente, aber sie zeigen ganz gut, was ich meine.

Ein ordentliches Management der Prädatoren, ohne sie ausrotten zu wollen, hat aber (auch wissenschaftlich) erwiesenermaßen sehr, sehr positive Auswirkungen auf unsere Fischbestände, wo es erlaubt ist und ich will es mir nicht dauernd mit dem Argument verbieten lassen, dass vielleicht, vielleicht oder auch ganz sicher was anderes auch dran schuld sein könnte... wogegen man halt leider, leider aus rein faktischen Gründen nix machen kann. Eines will ich auch noch ausdrücklich klarstellen: Weder Kormoran, noch Fischotter oder Gänsesäger kann man bei den derzeitigen Beständen mit legalen jagdlichen Mitteln ausrotten!

Kurz zusammengefasst haben wir in Österreich und Bayern derzeit Prädatoren (wo ich eine Ahnung habe, aber sonst schauts nach meinen Infos von Zunftkollegen nicht anders aus), die auf jede Größe der Fische spezialisiert sind: Der Gänsesäger greift in die juvenilen Stadien massiv ein, der Kormoran und der Reiher in die subadulten sowie adulten und der Otter packt auch noch den Huchen mit einem Meter, wenn er ihn in der Fischaufstiegshilfe stellen kann... dass bei dieser Gemengelage wohl jedes Naturaufkommen im Keim erstickt wird, braucht niemanden wundern. Wir haben das auch wissenschaftlich für Strecken nachgewiesen, die morphologisch bestens intakt sind und von meinem Verein höchst nachhaltig mit Brutboxen bewirtschaftet werden. Auch Wassertemperaturen machen dort keine Probleme, weil Tiefenwasser aus einem Kraftwerk weit oberhalb kommt. Kein Schwall- und Sunkbetrieb.

Der wichtigste Punkt daran darf hier noch einmal wiederholt werden: An welchen Schrauben können wir denn mit unmittelbarer Aussicht auf Erfolg drehen? Was können wir gegen die Wasserkraft machen? Was gegen die Erwärmung der Gewässer? Was gegen den Eintrag von hormonellen oder anderen Wirkstoffen? Ja, ich bin dafür, dass hier an allem geforscht wird, ich bin dafür, dass man gesamtgesellschaftliche Mühen auf sich nimmt, um diese Probleme zu lösen. Ich bin bereit, dafür meine Steuern zu zahlen! Ja, ich bin für Atomkraft, wenn dadurch weniger C02 raus geblasen wird und sie in einem Land wie Deutschland oder Österreich steht, deren Verwaltungen und Überwachungen ich traue! Ja, ich bin für Windkraft, obwohl ich auf Juist weine, wenn ich sie überall sehe und keine Leitung nach Bayern geht (aufgrund von Bürgerinitiativen, die alle dafür sind, nur nicht bei ihnen) ... Ja, ich wäre für E-Autos, wenn deren Gesamtklimabilanz besser würde (zumindest besser, als die vom Diesel)! Bitte zerpflückt jetzt nicht meine provokanten Beispiele - wie immer völlig übertrieben und können natürlich auch anders gesehen werden, aber vielleicht eben plakativ. Von welchen Zeithorizonten sprechen wir da aber? Wann schaffen wir das?

Ich fürchte, dass die Fische diese Zeit nicht mehr haben!

L.G.
Hans
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Re: Zustand der Fischfauna in der Isar

Beitragvon Butenbremer » 19.06.2019, 09:49

Lieber Hans,

Du benennst viele wichtige Punkte, die ich in sehr weiten Teilen genauso sehe (bis auf die Atomkraft :mrgreen: ). Am Ende des Tages muss man sich die Frage stellen - warum haben wir Angler keine Lobby? Wer bezweifelt, dass dies das Problem ist, der soll sich bitte mal die aktuelle Situation um den Wolf ansehen. Wir haben in Deutschland aktuell um die 350 Wölfe (nagelt mich nicht drauf fest), und mir scheint, die Politik kümmert sich sehr aktiv um die Lösung dieses angeblichen Problems. Angstgetrieben und hysterisch, weil einige Weidetierhalter und Jäger hier die Lokalpolitiker erfolgreich auf ihre Spur gesetzt haben. Ich will ihnen die Existenzsorgen im Einzelfall nicht absprechen - jeder Tierhalter, der Verluste durch den Wolf hat, soll von mir aus großzügig entschädigt werden - aber die Diskussion ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Warum schaffen wir es nicht ansatzweise, den Kormoran vergleichbar auf die Agenda zu setzen? Letztlich ist das Problem absolut das gleiche: wir leben in einer dichtbesiedelten Kulturlandschaft, in der die Menschen mit bestimmten Tierarten früher oder später in Konflikt geraten, wenn die Population nicht kontrolliert wird, siehe auch Wildschweine.
Zunächst müssten wir uns wahrscheinlich ehrlich machen und uns nicht länger hinter dem Deckmantel des Artenschutzes verstecken. Anglerverbände wirken nicht unbedingt glaubwürdig, wenn sie behaupten, es gehe ihnen in erster Linie um den Erhalt der Salmoniden. Jeder Naturschützer kann darauf bequem reagieren: dann stellt doch die Befischung ein. Die Tierhalter sagen, der Wolf ist ein Problem, weil er unsere Schafe frisst. Die Angler sollten den Mut besitzen, auch öffentlich zuzugeben, dass wir die Salmoniden erhalten möchten, *um sie zu beangeln*. Es ist ein Interessenkonflikt zwischen Mensch und Tier, und die Angler sollten selbstbewusst ihre Interessen vertreten, denn es geht um das Hobby und die Erholung von vielen Menschen.

Das mal von mir als Denkanstoß

TL Bernd
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Re: Zustand der Fischfauna in der Isar

Beitragvon Hickey » 19.06.2019, 11:16

Ein exzellenter Denkanstoß! Ich sehe das ganz genauso. Jäger und Angler sind freilich Naturschützer - aber in erster Linie aus Eigennutz. Und da ist NIX verwerfliches dran!
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Re: Zustand der Fischfauna in der Isar

Beitragvon pehers » 19.06.2019, 12:10

Servus alle und vor allem Bernd!

Perfekt geschrieben! Sehe das genauso!

Hier wird in das Fischereirecht, als eigentumsgleiches Recht und die soziale Funktion des Angelns als Erholung für große Teile der Bevölkerung massiv eingegriffen. Es wird dabei auch noch mit völlig unterschiedlichem Maß gemessen. Es ist völlig anerkannt, dass Abschusspläne von allen Schalenwildarten bei - auch überschaubaren - Waldschäden angehoben werden und deren Populationen zu dezimieren sind. Das passiert sogar in Österreichischen Nationalparks, weil es eben keine abgeschlossenen Systeme sein können. Die Kulturlanschaft verlangt einfach regulierende Eingriffe! Die Fiktion, dass auch in Europa, in dicht besiedelten und intensiv genutzten Gebieten, die selben Grundsätze zu gelten hätten, wie in der unberührten Wildnis, ist eben genau das: Fiktion und Wunschgedanke einer extrem lauten Minderheit, die Unterstützung von ahnungslosen Städtern und Grün-Wählern findet, weil sie glauben, der Sauerbraten kommt in der Vakuumverpackung zur Welt bzw. es gäbe einen Popcorn-Baum.

Es ist mir wirklich ein Rätstel, warum sich die heutige Politik von Mini-Minderheiten vor sich her treiben und in Geiselhaft - zu lasten der Allgemeinheit - nehmen lässt. Das führt dann zu negativen Folgen für breite Teile der Gesellschaft. Versteht mich nicht falsch: Ich will hier keine Minderheitenrechte beschneiden oder Minderheiten diskriminieren, aber eine Abwägung, wer oder wie große/kleine Teile von gewissen Maßnahmen profitieren können, wäre doch manchmal eine sinnvolle Entscheidungshilfe.

Wir sollten daher wirklich auch mit mehr Selbstvertrauen darauf bestehen, dass es ein (unser), durch Verfassung (Ö) bzw. Grundgesetz (D), aber auch beispielsweise die EMRK (Europa) geschütztes Recht ist, die Wildtier- und Wildfischbestände im Rahmen von Jagd- und Fischereirechten nachhaltig zu nutzen und eben auch zu schützen! Und nicht nur das, was überbleibt, wenn alle anderen Lebewesen satt sind!

Also Bernd, kurz zusammengefasst: Du hast vollkommen recht!!!

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Re: Zustand der Fischfauna in der Isar

Beitragvon Royal Coachman » 20.06.2019, 00:10

Hallo Freunde!

Die Angelvereine und -verbände verpassen die besten Gelegenheiten um sich in der Öffentlichkeit in Szene zu setzen.

Beispiel: Volksbegehren rettet die Bienen.

Nabu und Co setzen Gewässerstreifen durch, von Angelseite: oja, da sind wir auch dafür.

Dass mehr als 50 % der Insekten aus dem Wasser kommt, hat sich noch nicht rumgesprochen.

Das Hauptargument von Nabu für die Gelsen ist: sie schlecken an den Blüten und bestäuben dadurch die Pflanze?

So ein Schwachsinn, sie sind die Hauptnahrung für Kleinfischschwärme in den Schilfzonen.

Während der ganzen Debatte vor der Abstimmung und auch jetzt höre und lese ich von unserer Seite kein einziges Wort außer:
ja, ja wir sind auch dafür!

Fachbeiträge bzw. Diskussionsbeiträge in den Medien (die sind doch geil darauf, speziell in Talkshows): FEHLANZEIGE!

Da kommt einfach nix!

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Re: Zustand der Fischfauna in der Isar

Beitragvon flo staeuble » 20.06.2019, 08:26

Hi Gebhard, mit deinem Hinweise auf im Wasser schlüpfende Insekten hast du sicher recht.
Aber ich denke auch, dass wir niemals weiterkommen, wenn wir uns gegenseitig exkludierendes um die Ohren werfen / wenn Naturfreunde an interenen Kleinkriegen zerschellen.
Sind Insekten wichtig, weil sie Pflanzen bestäuben? JA
Ist Gewässerschutz wichtig, weil die Gewässer die Insekten hervorbringen? JA.

Sind das konkurrierende Argumente oder Prioritäten?? NEIN - warum auch??

Grüße vom FLo
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Re: Zustand der Fischfauna in der Isar

Beitragvon Royal Coachman » 20.06.2019, 10:24

Hallo Flo!

Du hast mich missverstanden, ich bemängele die mangelnde Präsenz unserer Vertreter,
nur wer oft in den Medien präsent ist, wird gehört.

Hier wurde wieder einmal eine großartige Präsentation in den Medien versäumt, die wir dringend nötig hätten um endlich vom
"Bierkastensitzfischer Niveau" weg zu kommen.

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Re: Zustand der Fischfauna in der Isar

Beitragvon flo staeuble » 21.06.2019, 09:47

Das stimmt natürlich, aber das ist das altbekannte Problem.
Nabu tritt einheitlich mit einer starken Stimme auf.
Angler: oh mei oh mei.
:-)
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Re: Zustand der Fischfauna in der Isar

Beitragvon Beppo » 21.06.2019, 17:21

Hallo in die Runde,
Angler haben keine Lobby und genau dies wird ihnen eines Tages auf die Füße fallen. Jeder der versucht den Anglern in irgendeiner Weise nahe zu kommen, wird als Feind betrachtet. Man sieht seine Pfründe davon schwimmen. Solange man sich aber keinen Millimeter auf andere zubewegt, stur auf seine Meinung besteht, solang wird sich an diesem Zustand nichts ändern, werden wir hier immer und immer wieder über dieses Problem diskutieren.
Da sich die Angelverbände mehr schlecht als recht in wichtige Entscheidungen zu Naturschutzbelangen einbringen, oder sich über Themen die sie direkt betreffen streiten, wird über ihre Köpfe hinweg entschieden. Sie sind quasi nur Befehlsempfänger.
Gruß Beppo
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