JAKUTIEN-Splitter einer gescheiterten Reise

Ihr sucht ein Plätzchen, wo es sich gut Fliegenfischen läßt? Oder habt Ihr im Urlaub besonders gute oder schlechte Erfahrungen gemacht und möchtet diese weitergeben? Inklusive Salzwasser- (Süden-) Fliegenfischen.

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JAKUTIEN-Splitter einer gescheiterten Reise

Beitragvon Rattensack » 23.10.2011, 15:36

Liebe Freunde,

Aus meiner Reise dieses Jahr ist leider wenig geworden. Darum stelle ich hier anstelle eines Reiseberichtes ein paar blog-artige Eindrücke rein, die vielleicht trotzdem für manche von Interesse sind.
Das ganze kommt in mehreren Teilen, um die fehlenden Höhepunkte durch die Spannung was noch kommt aufzuwiegen ;-)

Teil 1 - Der Plan

Für den Herbst 2011 hatte ich eine ganz besondere Reise vorbereitet. Es sollte nach Jakutien gehen, ganz im Fernen Osten Russlands, östlich von Sibirien. Ich wollte mit dieser Reise das für mich Machbare ausloten, eine ambitionierte Bootstour mit langer Anreise und komplizierter Rückreise. Zudem wollte ich alleine aufbrechen – nicht nur um den Abenteuerfaktor zu maximieren, sondern vor allem auch deshalb, um für den Fall, dass etwas nicht wie geplant funktionieren sollte, nicht jemand anderen mit rein zu ziehen. Wie sich herausstellen sollte - eine weise Entscheidung.

Was die gewählte Tour besonders interessant machen sollte: Enorme landschaftliche Schönheit; die Gelegenheit, in einem Fluss (Judoma, Lenazubringer) eine typisch sibirische Fischfauna zu befischen (Taimen, Lenok, Äsche, Renke, Hecht, Aalrutte, Flussbarsch), im zweiten Fluss die anadrome Fischfauna eines Zubringers des Ochotskischen Meeres (Pazifiklachse, Saiblinge und die Ostsibirische Äsche); die Überquerung der kontinentalen Wasserscheide; die Gelegenheit, Rentiere züchtende Nomaden vom Volksstamm der Evenken zu treffen; eine Route auf den Spuren der frühen Entdecker nachzumachen etc.

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Im Vorfeld floss sehr viel Vorbereitung in die Reise. Es begann mit langen Überlegungen, welches Boot für diese Tour geeignet wäre. Das Herzstück der Reise bildet eine Bootstour auf dem Fluss Judoma (ca. 275 km). Dieser Fluss führt im Mittellauf über eine lange Schlucht mit kaum Fließgefälle. Hier wäre ein schnelles Boot aus Zeitgründen von großem Vorteil, es warten aber auch 3-4er Stromschnellen, die ein Wildwasser-taugliches Gefährt erfordern.
Dann folgt eine Portage zu Fuß über die kontinentale Wasserscheide, ca. 20 km Luftlinie. Mit einem sehr leichten Boot in einem Gang zu erledigen, weil die Vorräte zu diesem Zeitpunkt schon stark reduziert wären. Dann die Flüsse Ketanda und Urak, ca. 200 km. Hier wären zahlreiche Logjams und einiges Wildwasser zu erwarten. Eine wichtige Anforderung schließlich, dass das Boot Proviant für mehr als 3 Wochen tragen müsste.

Im Endeffekt habe ich mich für das etwas schwerere Grabner Explorer entschieden, weil ich in dieses Boot maximales Vertrauen in Hinblick auf Robustheit, Wildwassertauglichkeit und Reisegeschwindigkeit setze. Bei diesem Boot (Gewicht ca. 20 kg) in Kauf zu nehmen wäre, die Portage zweimal machen zu müssen, also total 60 km. 2 mal ca. 25-30 kg sind in weglosem Gelände tragbar, ein mal 50-60 kg auf gar keinen Fall. Das erforderliche Packvolumen wollte ich in dem schmalen Boot zusätzlich zu den Packsäcken im Bootsheck und auf dem Vorder- und Hinterdeck durch einen zusätzlichen Rucksack auf den Schultern erreichen.
Das Tragen von schweren Lasten habe ich durch Trainingseinheiten mit einem Rucksack, 30 kg Kies als Ballast, trainiert.

Auch die logistischen Herausforderungen waren gemeistert, ein Jakute gefunden der den 150 km langen Anritt in die Berge organisierte, auch der Inlandsflug Ochotsk – Khabarovsk und von dort über Moskau wieder retour. Der Zeitplan mit 30 Tagen (maximale Dauer eines Touristenvisums) – ambitioniert aber machbar.

Nach wie immer beruflich, privat und durch Reisevorbereitungen stressiger „Endphase“ ging es tatsächlich im August los. Sack und Pack wurde zum Flughafen in München gebracht, Flug über Nacht nach Moskau, Transfer vom Flughafen Sheremetevo zum Flughafen Vnukovo, 14 Stunden Wartezeit bis zum Weiterflug nach Jakutsk. Eine besondere Herausforderung bei der Anreise zu einer Solo-Bootstour ergibt sich dazu, dass man die ganze "bagasch" [russisch für Gepäck] nicht auf einmal alleine von A nach B tragen kann. Bei Ortswechseln muss entweder eine Hälfte hinten gelassen und nachgeholt werden, oder man spricht Passanten an, drauf aufzupassen oder gar mitzuhelfen. Man ist quasi mit seinem Gepäck verheiratet. Ohne positive Einstellung zu den Mitmenschen im fremden Land wärs kein Urlaub sondern reiner Stress.

Jedenfalls ist beim Aufbruch meine innere Spannung groß, die Vorfreude aber größer.

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To be continued…
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Re: Jakutien-Splitter einer gescheitert Reise

Beitragvon Rattensack » 23.10.2011, 15:38

Teil 2 – Die Anreise
Nach einer weiteren schlaflosen Nacht im Flug Moskau – Jakutsk komme ich in dieser Hauptstadt der Autonomen Republik Jakutien – oder Sacha, wie die Einheimischen sagen – an. Jakutien ist etwa so groß wie die Europäische Union exkl. Schweden, hat aber nur eine knappe Million Einwohner, die primär dem Volk der Jakuten angehören. Russen sind in der Minderheit, auch weitere Volksstämme wie die Evenen und Evenken. Es gibt im ganzen Land nur eine Hand voll Straßen, die meisten Gebiete sind am Landweg nur im Winter bzw. im Sommer auf dem Wasser- oder Luftweg erreichbar.

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Blick über die Lena auf Jakutsk im Landeanflug

Die wichtigste Aufgabe für meinen kurzen Aufenthalt in Jakutsk ist der Provianteinkauf – die gebunkerte Nahrung muss für ganze 4 Wochen reichen. In mehreren, teils ganz gut sortierten Geschäften arbeite ich meine Liste ab und fülle 2 Schachteln mit dem benötigten. Etwas schwer abzuschätzen, wie viel man wirklich braucht, in der menschenleeren Taiga im eigenen Raumschiff Boot, über so lange Zeit.

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Unter Russischen Trekkern beliebt und bewährt: Spirt, Wodka-Konzentrat mit 95% Alkohol. Ergibt verdünnt die 3-fache Menge an Wodka. Auch für meine Zwecke also perfekt – natürlich nur zu medizinisch-präventiven Zwecken ;-)

Am nächsten Morgen geht’s per Sammeltaxi zum Ausgangsort – etwa 750 km. Der verlässliche Uaz-Allradbus wird randvoll mit Menschen, Schachteln und Elektrogeräten angefüllt. Was die Fahrtdauer etwas unberechenbar macht sind die Flussquerungen – über die Flüsse Lena und Aldan gibt es keine Brücken, die Fähren verkehren nur in recht langen Intervallen. Zu Zeiten des Frierens und des Eisbruchs auf den Flüssen sind die riesigen Landstriche zwischen Lena und Aldan auf dem Landweg gar nicht erreichbar. Die Anlegestellen der Fähren lassen die herrschende Mentalität klar erkennen – es wird nicht mit enormem Beton-Einsatz versucht den Fluss zu bändigen, sondern man lebt (oder muss leben) mit den Gegebenheiten, die der letzte Eisstoß oder das letzte Hochwasser hinterlässt. Dazu wird eine Schubraube abgestellt, mit Hilfe derer immer wieder neu eine Rampe in den Ufersand geschoben wird.

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Das Gebiet weist ein extrem kontinentales Klima auf. Im Winter herrschen oft wochenlang Temperaturen um minus 50 Grad. Im Klimadiagramm ist zu sehen, dass die mittlere (!!) Monatstemperatur von Dezember bis Februar bei etwa minus 45° liegt. Der Namensgebende Ort des ganzen Bezirks – Oijmjakon – gilt gar als kältestes ganzjährig besiedeltes Dorf weltweit. Hier wurde sogar die niedrigste Temperatur aller Zeiten gemessen – minus 71,2°C. Doch das Dorf in dem ich später landen soll noch kälter sein – mein Gastgeber zeigt mir voller Stolz folgenden Zeitungsartikel – aber lest doch selbst!

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Klimadiagramm von Oimjakon; Quelle: Wikipedia

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Bis zum Aldan ist die Landschaft flach und sumpfig, danach beginnt eine gebirgige Strecke. Der Straßenbau stellt hier wie dort eine große Herausforderung dar, nicht nur die extremen Distanzen, auch der sumpfige Permafrostboden macht für die Herstellung eines haltbaren Straßenfundaments enorme Massenbewegungen notwendig. Die Häuser in der Stadt werden auf Stelzen errichtet, damit die Abwärme nicht den Untergrund auftaut und die Bauwerke versinken.

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Beim Straßenbau ergeben sich Probleme durch Staubentwicklung und Erosionen

Wir sind auf der „Straße der Gebeine“ unterwegs, die über mehr als 2000 km von Jakutsk nach Magadan führt. Stalin ließ sie vor allem von Strafgefangenen unter unsäglichen Qualen und Verlusten errichten – man sagt, sie wäre auf den Gebeinen seiner Errichter gebaut. Ähnlich unvorstellbar: Unser Fahrer legt die gesamte Strecke ohne längere Pausen zurück, wir fahren insgesamt etwa 24 Stunden – auf einer Straße, die höchste Konzentration erfordert. Am frühen Morgen tauscht er den Seilzug des Gaspedals aus – eine Sache, die in 5 Minuten erledigt ist. Ein großer Vorteil des einfach konstruierten Uaz – er lässt sich recht einfach reparieren, oder zur Gänze auseinander nehmen. Ich überlege, wie der Transport im Winter hier funktionieren kann. Bei minus 60 Grad kann eine Panne wohl innerhalb weniger Stunden den Erfrierungstod bedeuten. Denn Dörfer gibt’s hier nur im Abstand von etwa 100 km.

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Spontane Reparatur in der Morgendämmerung

Schließlich erreichen wir den vereinbarten Treffpunkt mit dem Pferdeführer Semjon – die Brücke über einen kleinen Fluss. Trotz Hupens und einer Stunde Suchens ist dieser aber nicht aufzutreiben. Es bleibt nichts anderes übrig, als 60 km weiter zu fahren bis zum Dorf Jutchjugej [ausgesprochen als „Ifigei“], wo Angehörige von Semjon leben.

To be continued…
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Re: Jakutien-Splitter einer gescheitert Reise

Beitragvon Rattensack » 23.10.2011, 15:38

Teil 3 - Wartezeit
In dem kleinen Dorf Jutchjugej findet der Fahrer nach einiger Zeit herumfragen die Angehörigen des Pferdeführers Semjon, die über dessen Verbleib auch keine Informationen haben. Sie quartieren mich freundlich ein. Ich bin darüber einerseits dankbar, andererseits frustriert und verärgert, weil nach der bis jetzt so gut gelaufenen Anreise jetzt große Unsicherheiten über den weiteren Verlauf verbleiben.

Die Jakutischen Bauern sind gerade mit einer mehr als spärlichen Heuernte beschäftigt. In der weiten, nassen Talebene wächst Sumpfgras, das mühsam mit der Sense gemäht, zu Trocknen auf Holzstäbe aufgehängt und dann zu großen Heuballen gesammelt wird. Damit können die wenigen Haustiere – pro Familie meist eine Kuh, ein paar Ziegen und einige Pferde – über den langen und harten Winter gebracht werden.

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Am nächsten Tag machen wir uns auf den Weg, um nach Semjon zu suchen. Die Verwandten meinen, wir würden ihn an einem bestimmten Punkt nahe des ursprünglichen Treffpunkts finden, er hätte sicher auch die Pferde bei sich und ich könnte meine Tour dort starten. Also verfrachte ich das gesamte Gepäck wieder in den Uaz-Geländebus und wir fahren die 60 km Strecke zurück. Der Fluss führt viel Wasser, daher müssen wir dort das Gefährt unweit der Straße stehen lassen und 6 km weiter in den Wald marschieren. Unser Ziel ist eine Anlage, in der im Winter Rentiere geschlachtet werden.

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Wir finden dort tatsächlich ein rauchendes Zelt, in dem wir Semjon sowie einen weiteren Jakuten und dessen Frau antreffen. Die Geschichte die er erzählt ist leider nicht sehr ermutigend. Er hätte vor einigen Tagen per Autostopp an der Straße unten einen kranken Freund zur Behandlung in den nächsten größeren Ort bringen müssen. Als er zurück kam, waren die Pferde weg! Auch selbst leide er unter einer Augenentzündung. Also bleibt nichts anderes übrig, als wieder zurück zu marschieren und gemeinsam nach Jutchjugej zu fahren. Semjon meint, dass wir uns dort von Nachbarn andere Pferde leihen können.

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Am nächsten Tag macht sich Semjon auf, um dessen Pferde zu suchen. Jakutische Pferde laufen im Sommer frei herum, erst im Winter kommen sie in die Dörfer. Sie werden nicht nur als Reittiere gehalten, sondern auch deren Fleisch wird geschätzt.

Als “Ersatzbefriedigung” bleibt für mich, am nächsten Tag in paar Kleinfische aus dem Dorfbach zu fischen. Es handelt sich einerseits um die normale Elritze, die ein erstaunlich großes Verbreitungsgebiet besiedelt – von Spanien bis Chukotka, dem östlichen Ende der Russischen Föderation. Aber auch eine zweite Elritzenart finde ich, die Sumpfelritze (auf Russisch: See-Elritze), die eher als die gewöhnliche Elritze stehende Gewässer besiedelt; auch diese Art kommt lokal bis Nordosteuropa vor.

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Gewöhnliche Elritze (Ph. phoxinus, oben) und Sumpfelritze (Rhynchocypris percnurus, unten)

Der knapp 80 jährige Großvater der Familie fischt erfolgreich mit einem Kiemennetz, das er mit einer Holzstange weit in den Bach schiebt. Jeden Morgen holt er das Netz ein und findet meist ein paar Äschen in den Maschen. Am größten ist der Fangerfolg im Frühsommer, wenn die Äschen aus dem größeren Fluss Angajakan zum Laichen in den Dorfbach herauf ziehen. Jetzt im August sind die meisten größeren Äschen bereits zum Überwintern wieder stromab abgezogen, weshalb Iwan die Netzfischerei im Lauf den nächsten Tage für dieses Jahr beendet.

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Am Abend kommt Semjon zurück, mit der schlechten Nachricht, dass auch die Pferde des Nachbarn nicht auffindbar sind. Allerdings erwartet die Frau eines anderen Nachbarn ihren Mann aus den Bergen zurück, der mit Pferden dort unterwegs ist.

Ich überlege fieberhaft ob sich meine Tour zeitlich noch ausgehen kann, rechne Tagesetappen mit dem verkürzten Zeitbudget aus, setzte mir als deadline für den Aufbruch den 6. Wartetag, nein, als ultimative deadline den 7. Tag nach meiner Ankunft im Dorf. Wenn ich dann aufbrechen würde, könnte ich mit einer sehr straffen Tageseinteilung mein Ziel – den langen Ritt, die die langen Bootsetappen und die Überquerung der Wasserscheide – noch schaffen. Zeit fürs Fischen würde dann kaum mehr bleiben, allenfalls zur kurzen Nahrungsbeschaffung.

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Zuletzt geändert von Rattensack am 09.05.2013, 12:37, insgesamt 7-mal geändert.
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Re: Jakutien-Splitter einer gescheitert Reise

Beitragvon Rattensack » 23.10.2011, 15:38

Teil 4 - Fischereiversuche
Nach weiteren Warte-Tagen ist die Frist abgelaufen. Der andere Nachbar ist aus unerfindlichen Gründen mit seinen Pferden nicht zurückgekehrt. Meine Traum-Tour ist jetzt nicht mehr machbar. So, hiermit ist auch klar wie die Reise gescheitert ist – sehr unspektakulär eigentlich (ich hoffe ihr seid nicht allzu enttäuscht).

Ich sitze jetzt hier in diesem abgelegenen Dorf, mit einer Menge Proviant und schwerem Gepäck, und überlege fieberhaft, wie das Beste aus der miesen Situation zu machen sei. Erschwerend kommt hinzu, dass der Rückflug über Ochotsk und Khabarovsk gebucht ist – dort kann ich jetzt unmöglich hinkommen. Der Rückweg muss über Jakutsk führen, ein neues Flugticket gekauft werden. Ich überlege Ersatztouren, etwa eine Trekkingtour ins Gebirge, oder eine einwöchige Bootstour auf der Indigirka bis Ust-Nera. Leider fehlt mir für die entsprechenden Touren Kartenmaterial und der Bootsrucksack wäre für eine lange Trekkingtour denkbar schlecht geeignet.

Schlussendlich entscheide ich mich, noch einige Tage im Gebiet zu bleiben um zu Fischen, dann aber rasch über Jakutsk und Moskau heim zu reisen, um die wertvolle Urlaubszeit für künftige, lohnendere Ziele zu sparen. Daher lasse ich mich zurück zum Suntar Fluss bringen, den ich bei der Herfahrt von der Brücke aus schon ausgiebig bewundert habe.

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Dieser Fluss sieht wunderschön aus – seine felsigen Steilufer erinnern mich an den Chuluut in der Mongolei. Der Suntar ist ein Zubringer der Indigirka – des großen, ins Nordpolarmeer mündenden Flusses zwischen der Jana und der Kolyma. Das Verbreitungsgebiet des Taimen erreicht an der Jana, etwas östlich der Lena, seine Grenze, diese attraktive Fischart kommt hier also nicht vor, wohl aber Äsche und Spitznasen-Lenok.

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180° Schlinge des Suntar

Der Fluss schaut dermaßen viel versprechend aus, dass ich voll motiviert fische – allerdings mit mehr als mäßigem Erfolg. Ich kann mit Trockenfliegen nur ein paar kleine Äschen fangen; es handelt sich laut Weiss et al. 2006 um die ostsibirische Äsche, Thymallus arcticus pallasii, die auch vom Lena-Delta bis zur Kolyma und in Zuflüssen des Ochotskischen Meeres vorkommt. Leider fange ich keine großen Exemplare, anhand derer Färbungsmerkmale schön erkennbar wären. Auch nicht mit Nymphen, Streamern und an weiter von der Straßenbrücke entfernten Plätzen.

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Endständiges, stark bezahntes Maul – Typisch für alle Formen der Arktischen Äsche

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Junge Ostsibirische Äsche (Thymallus arcticus pallasii)

Größere Fische sind überhaupt nicht zu fangen. Der Grund? Die Flüsse in dieser eiskalten Gegend frieren im Winter über weite Strecken bis zum Grund. Die Fischbestände ziehen zum Überwintern in die großen Mittel- und Unterläufe, um nicht einzufrieren. Diese Wanderung haben die größeren Fische offensichtlich bereits vollzogen. Ob die Jungfische teils in den Oberläufen verharren, oder einfach später abwandern?

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Blick über die alte Trasse der “Road of Bones”. Ganz weit im Hintergrund, rechts, wären bei vergrößerter Ansicht die bereits schneebedeckten Berge des Suntar-Gebirges zu erkennen.

Zum Glück liegt der „Ylyy“ – See nur wenige Kilometer entfernt, wo sich weitere fischereiliche Herausforderungen finden. Am nächsten Tag werde ich diesen aufsuchen. Das Wetter ist noch immer ausgezeichnet – es wäre perfekt für den geplanten Trip gewesen. Auch der Blick auf die im Hintergrund, fast 100 km weit entfernt liegenden Gipfel des bis knapp 3000 m hohe „Suntar-Khayata Gebirges“ ist nicht gerade geeignet, meine Frustration zu verringern.

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Spiegelung im Ylyy-See

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Blick auf den See in der Abenddämmerung

Dieser glasklare See weist traumhafte Kiesufer auf. Trotz starken Windes gelingt hier, einen sinkenden Schusskopf mit einem Wooly Bugger weit hinaus zu befördern. Der See liegt direkt neben der Straße, kein Wunder dass ich auf ausgelegte Kiemennetze stoße. Einerseits nicht gerade motivationsfördernd beim Fischen, andererseits ein guter Plan B, um zumindest zu sehen welche Fische man hätte fangen können, falls es mit der Fliegenrute nicht klappt.

Tatsächlich, ein ganzer Tag fleissiges Fischen bringt keinen einzigen Biss. Weder an der Oberfläche noch in bis zu etwa 5 m Tiefe mit dem Sinker. Also entschließe ich mich, eines der Kiemennetze zu plündern. Das stellt sich als lohnende Idee heraus, denn darin hängt nicht nur dieser Saibling ..

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Sondern auch nachstehender, wunderschöner 50 cm Prachtkerl. Mit einem Boot ein paar Tage gezielt auf diese Viecher zu fischen wäre durchaus lohnend gewesen.

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Es handelt sich bei dem ersten Exemplar um die normalwüchsige Form des Arktischen Saiblings, Salvelinus alpinus, von den Einheimischen auf russisch „golets“ genannt. Das kommt vom russischen „goly“ (nackt) und spielt auf die unsichtbar kleinen Schuppen der Saiblinge an. Das zweite Tier ist die großwüchsige, räuberische Form, von den Heimischen „Top“ genannt. Diese Form kann viele Kilogramm schwer werden. Beide sind nahe Verwandte unseres Seesaiblings (neuerdings Salvelinus umbla). Auch das – für Saiblinge typische – Ausbilden von verschiedenen Lebensformen tritt hier also auf (in den Alpenseen: Tiefen-, Normal-, Wildfangsaibling).

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Durch Permafrost geprägte Landschaft am See

Mittlerweile treten starke Nachtfröste auf, und die Taiga beginnt sich schön herbstlich zu verfärben. Unter der Lärchen-Taiga wachsen unzählige Preisel- und Krähenbeeren. Auch Moltebeeren, die wohl viele Leser aus Skandinavien kennen, ist häufig.

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Moltebeere

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Preiselbeeren

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Warten auf den Rücktransport an der Suntar-Brücke

Fischereilich wenig Grund also, noch länger hier zu bleiben. Der Rückweg klappt ebenso reibungslos wie die Anreise, als schwächstes Glied in der Kette hat mir bloß die Sache mit den Pferden die Reise verpatzt. Ich schließe mit Aufnahmen des Sonnenuntergangs, geschossen auf der Aldan-Fähre.

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Das wars, mehr gibts leider nicht. Im Erfolgsfall hätte es zu einem 4-teiligen Reisebericht mit allem drum und dran gereicht, aber wollte halt nicht sein.

Danke für euer Interesse,
Clemens
Zuletzt geändert von Rattensack am 06.11.2011, 18:38, insgesamt 9-mal geändert.
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Re: JAKUTIEN-Splitter einer gescheiterten Reise

Beitragvon FlySlave » 23.10.2011, 17:54

Hallo Clemens,

mach bloss hin mit den anderen Teilen! Das hört sich dermassen spannend an, ich kanns kaum erwarten!

Gruss, Carsten
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Re: JAKUTIEN-Splitter einer gescheiterten Reise

Beitragvon Rattensack » 23.10.2011, 18:03

Hallo Carsten,

Danke, bitte erwarte nicht zu viel, sonst wirst du enttäuscht. Siehe Titel.
Werd ca. eine Woche brauchen den 2. Teil mal zu machen.

Bis dann,
Clemens
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Re: JAKUTIEN-Splitter einer gescheiterten Reise

Beitragvon Jan Haman » 23.10.2011, 19:05

- Respekt, Clemens !

Auf den Spuren der alten Entdecker und Naturwissenschaftler ist immer ein ehrbares und spannendes Unternehmen.

Die Gegend, die Du Dir in Jakutien ausgesucht hast, ist aufregend und vielfältig. Von den Fischarten, der Landschaft und der Naturbevölkerung. Aber schon die Flugplätze und die Wartezeit in Moskau sind immer eine Tragödie....

Vielleicht planst Du die Expedition das nächste Mal doch mit einem "Alten Haudegen" zusammen. Danke für diese Bezeichnung von Dir, klingt doch besser als ein "Alter Esel", für den man mit 50 auch schon mal gehalten werden kann.

Die Landessprache ist dort ganz wichtig, Durchsetzungsvermögen auch, aber vor allem viel Zeit und Reserven mitbringen.....


Herzliche Grüsse nach Österreich,

Jan
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Re: JAKUTIEN-Splitter einer gescheiterten Reise

Beitragvon Rattensack » 23.10.2011, 22:00

Hallo Jan,

danke!

Kenntnisse der Landessprache sind vorhanden, Durchsetzungsvermögen glaub ich auch. Mit Pech hilft beides nichts.
Der Frust ist jetzt verdaut, die Begeisterung ist zurück - darum gibts Teil 2 sofort.

Bis später,
Clemens
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Re: JAKUTIEN-Splitter einer gescheiterten Reise

Beitragvon AStar » 23.10.2011, 22:14

hallo clemens,

ich will es mal so sagen, wenn ich morgen abend von der arbeit komme ist teil 3 online! sonst gibts ärger! :wink:

ein sehr schöner bericht, bin mal gespannt wie die reise scheitert.

gruß alex
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Re: JAKUTIEN-Splitter einer gescheiterten Reise

Beitragvon Jan Haman » 26.10.2011, 08:09

Clemens, - wo bist Du ?

Ganze Generationen von neugierigen Lesern warten gespannt auf Deine Fortsetzungen !
Ich weiß, Du mußt auch arbeiten, wie wir alle. Wir wollen Dich nur bei der Stange halten
und freuen uns auf den nächsten Teil....

Herzliche Grüsse und bis bald wieder,

Jan
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Re: JAKUTIEN-Splitter einer gescheiterten Reise

Beitragvon Rattensack » 26.10.2011, 20:51

Hallo Alex & Jan,

danke für euer Interesse, werd erst nächste Woche dazu kommen den nächsten Teil zu schreiben.

Bis dann,
Clemens
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Re: JAKUTIEN-Splitter einer gescheiterten Reise

Beitragvon Siegfried. » 27.10.2011, 11:54

Hallo Clemens,
als großer Fan deiner Berichte und Bewunderer deines Orginsationstalents warte ich wie die anderen, aber eher in banger Erwartung auf alles, was dir begegnet sein mag.

Lieben Gruß

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Re: JAKUTIEN-Splitter einer gescheiterten Reise

Beitragvon Michael Römer » 27.10.2011, 12:45

Hallo Clemens,

auch mir geht es wie meinen Vorpostern. Ich freue mich schon sehr auf
den nächsten Teil. Es ist einfach grandios von so einem Vorhaben und
den entsprechenden Planungen zu lesen vor allem wenn man selber glaubt,
dass die jährlichen 2 Wochen Dänemark schon viel Planung verlangen.
Also lass Dir Zeit mit dem Bericht, Ich freu mich schon drauf auch
wenns ein paar Tage länger dauert.

Gruß
Michael
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Re: JAKUTIEN-Splitter einer gescheiterten Reise

Beitragvon Rattensack » 03.11.2011, 00:20

Hallo Siegfried & Michael,

danke auch euch für die netten Worte.
Teil 3 ist jetzt online, recht kurz.
Teil 4 kommt bald, da gibts dann sogar ein paar Fische zu sehen ...

Danke für euer Interesse,
Clemens
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Re: JAKUTIEN-Splitter einer gescheiterten Reise

Beitragvon Siegfried. » 03.11.2011, 01:12

Hallo Clemens,
danke schon mal fürs Schreiben. Gelesen wird später, jetzt erst mal ins Bett.
A guats nächtle

Siegfried
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