Schottland Anfang April

Ihr sucht ein Plätzchen, wo es sich gut Fliegenfischen läßt? Oder habt Ihr im Urlaub besonders gute oder schlechte Erfahrungen gemacht und möchtet diese weitergeben? Inklusive Salzwasser- (Süden-) Fliegenfischen.

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Re: Schottland Anfang April

Beitragvon Salmo.trutta » 13.04.2017, 15:16

Liebe Leute,

ich bin Euch einen Bericht schuldig, als Belohnung für Eure Hinweise und aufmunternden Kommentare. Der letzte Stand war ja, dass ich den Termin (10. Jänner) der Permitvergabe am Dam-Beat des Pitlochry Angling Club (http://www.pitlochryanglingclub.com/pac ... _home.html) verschlafen hatte und daher nur noch für Donnerstag den 6.4. eine Tageskarte erstehen konnte. Meine Idee war möglichst in der Nähe von Pitlochry zu bleiben und ausnahmsweise mal ganz ohne Mietwaagen durchzukommen. Neben einigen Optionen zum Forellenfischen stieß ich dann zunächst auf den West Haugh Beat (http://www.fonab.co.uk/Fishing_for_salmon_Pitlochry.php) dort bekam ich aber überraschenderweise nur noch eine Tageskarte für Samstag den 8.4. Um die drei Tage voll zu machen konnte ich dann für Freitag den 7.4. eine Erlaubnis für den East Haugh Beat bekommen (http://www.fishtummel.co.uk/detailsoffishing.htm). Alle drei Tageskarten unter 60 Pfund, wobei der East Haugh Beat zu Fuß vom B&B schon gut 50 Minuten entfernt liegt. Am Sonntag gibt es in Schottland sowieso kein Lachsfischen, also perfekt für die Heimreise.
Das war im Jänner. Es folgte: Lesen, lesen, lesen, im Netz. Ich brauche eine 15ft Zweihandrute, einen Schußkopf (floating und sinking), Tubenfliegen in Größen wie sie meine Lachsfischerei in Irland nicht im schönsten Hochwasser kennt. Eine 13ft Rute und eine Rolle mit schwimmenden Schusskopf konnte ich von einem Kollegen leihen. Eine günstige 15ft Rute wurde im März bei einem Händler geordert. Fliegen hab ich bei einem Freund in Irland bestellt. Zweimal war ich mit dem Gerät auf der Wiese und wurde als „Spinner“ identifiziert. Auch einen sinkenden Schusskopf habe ich noch bestellt. Im März wurden die Zug und Busfahrten gebucht und die beiden Ruten mit Kescher im Rutenrohr per Botendienst vorgeschickt. Zuletzt wurden Karten der jeweiligen Flussabschnitte und genaue Beschreibungen ausgedruckt.
Dann kam der April und zuerst die Arbeit und dann das Vergnügen. Montag Anreise nach Edinburgh. Dienstag und Mittwoch, Konferenz im Königlich Botanischen Garten! Sehr schön. Dann aber los. Zwei Stunden Zugfahrt, Bezug des Zimmers, nette Begrüßung durch den Hausherrn, gleich ein paar Infos zum Wasser, gut das meiste wusste ich schon. Dann ab zum Wasser. Wasserstand sehr niedrig für die Jahreszeit, eher sonniges Wetter. Im Sommer wäre ich sehr unglücklich damit, jetzt war es nicht ganz so schlimm, denn die Erfolgsaussichten schätzte ich mit insgesamt max. 30% ein und damit war ich in Summe relativ entspannt. Immerhin sah ich einige Fische springen und auch zwei Locals fischen. Wobei auch diese mit den Bedingungen nicht sehr zufrieden waren. Für den nächsten Tag stand die Fischerei im Abschnitt direkt unterhalb des großen Staudamms an und damit wahrscheinlich die Top-Chance auf Fischkontakt für den ganzen Trip. Entsprechend motiviert war ich am nächsten Tag schon beim Morgengrauen (wie erlaubt) noch vor dem Frühstück als Erster am Wasser zu sein. Das Wasser war eisigkalt, so dass es an den Beinen brannte. Trotzdem eine tolle Stimmung und relativ viele Fische waren zu beobachten. Gegen 9 Uhr (nun waren schon weitere Kollegen am Wasser) entschied ich mich dann zum Frühstück ins B&B zurückzugehen. Eine gute Stunde später, gestärkt von einem Full Irish, ach nein Scottish Breakfest war ich am Wasser zurück und hatte genau Nichts versäumt. Auf jeder Seite des relativ kurzen Flussabschnitts sollten drei Angler ihr bestes versuchen (allerdings war am gegenüberliegenden Ufer nur Einer unterwegs) und für 12 Uhr war dann der Seitenwechsel vorgesehen. Und tatsächlich, kurz vor 12 (meine beiden Uferkollegen waren schon zusammengepackt) sehe ich auf der anderen Seite unseren Kollegen mit gekrümmter Rute. Lachs von gut 15 Pfund – toll! Das war es dann aber auch schon wieder mit der Fischaction. Wir wechseln die Seiten, jetzt drei links Ich Fische so hart ich kann und überziehe die erlaubte Zeit (bis 17 Uhr) auch noch um gut 10 Minuten, ohne einen Fischkontakt. Trotzdem ein schöner Tag und vor allem waren einzelne Fische zu sehen die allein von der Größe wirklich beeindruckend waren. Die Wassertemperaturen (7 Grad) waren Phasenweise für längere Watstrecken relativ unangenehm.
Zweiter Tag – Wandertag. Heute war das ausgiebige Frühstück zuerst einzunehmen, dann ging es los ans Wasser. Nirgendwo in Österreich oder Deutschland würde ich in Wathose mit 15ft-Rute, Kescher und Rucksack auf Wanderschaft gehen ohne dass sich irgendjemand auch nur wundert. Über die Brücke, am Campingplatz vorbei, unter der Schnellstraße durch, den Hügel hinauf, Am Bauernhof vorbei, da muss es wo sein, aber wo? Noch ein Stück, jetzt rechts am Haus vorbei hinunter zum Fluss, durchs Gatter. Nirgends ein Schild oder ein Hinweis, aber das muss der gebuchte Abschnitt sein. Kein Mensch am Wasser. Mit der Flusskarte in der Hand gehe ich weiter, auf der Suche nach einem guten Pool. Und tatsächlich mach der Fluss eine scharfe Kurve, das muss Peg Legs Corner sein. Auf der Sandbank gibt es eine Sitzgelegenheit mit einer Feuerstelle. Ich war über eine Stunde unterwegs, bin total verschwitzt. Es ist noch sonniger als am Tag davor. Ich beginne den Pool durchzufischen, konzentriere mich wie in der Beschreibung vor allem aufs letzte Drittel. Tatsächlich sehe ich auch hier ab und an einen Fisch springen. Nicht so viele wie am Vortag, aber das war auch nicht zu erwarten. Wasser ist immer noch sehr kalt, aber stellt sich ein Gewöhnungseffekt ein. Hinter mir auf der Sandbank macht sich ein Fasan breit. Lustig wie wir uns gegenseitig beobachten, irgendwann ist er plötzlich am anderen Ufer und verschwindet. Mit keinen Pausen am Rastplatz erkunde ich die darüber und darunter liegenden Pools, aber diese scheinen nicht produktiv. Stattdessen faszinieren mich die Biberspuren. Ich schicke ein Landschaftsfoto an meinen irischen Freund (der mich mit den Tubenfliegen versorgt hat). Immer noch kein Mitstreiter zu sehen das wundert mich, aber ich beginne mal mit der ersten Mittagspause. Danach fische ich Peg-Legs ein zweites Mal und diesmal beziehe ich den Einlauf stärker mit ein. Am Ergebnis ändert dies nichts. Wieder eine Pause. Ich nehme mir vor Peg-Legs ein drittes und vorerst letztes Mal zu fischen. Am Einlauf mit einer noch etwas größeren Tubenfliege, weiter Hinten dann mit einer leichteren Fliege, das ist mein Plan. Immer wieder drehe ich mich um, weil ich jeden Moment erwarte das ein Fischer um die Ecke biegt und den von mir nun schon ausgiebig gefischten Pool beansprucht, aber niemand kommt. Stattdessen sehe ich gut 15 Meter vor mit im schnellen Wasser einen großen Fisch Head-Tail. Den Spot nehme ich mir besonders konzentriert vor. Wieder drehe ich mich um, um den vermeintlichen Fischer kommen zu sehen, da spüre ich…. den sachten Ruck in der Rute der nichts anderes sein kann als ein perfekter Take. Blick nach Vorne und… Blop, fällt doch tatsächlich die Spule von meine Rolle und vor mir ins seichte Wasser. Ich will sie aufheben und wieder anstecken, aber der Fisch nimmt Schnur und die Spule fällt wieder ins Wasser!!! Beim zweiten Anlauf klappt es. Raus aus dem Wasser!!! Rute aufrichten, GoPro einschalten. Trotz der tollen Vorbereitung hatte ich leider das Ladekabel zu Hause vergessen und so musste der verbleibende Akku für genau die folgenden Minuten herhalten. Der Fisch bewegt sich langsam und Tief. Die erste Flucht war eher kurz, aber ich war mir bereits sicher, dass dies ein etwas größerer Fisch sein musste. Auch eine zweite (und deutlich längere) Flucht verging ohne dass ich den Fisch gesehen hätte. Meine Zuversicht den Fisch zu landen aber wuchs von Minute zu Minute, vor allem weil der Pool zwar viel Platz aber wenig Hindernisse bot und daher eigentlich alles im „grünen Bereich“ war. Dann endlich zeigte sich der Fisch nahe der Oberfläche und ein Fluch entfuhr mir ungewollt, ein wirklich sensationeller Fisch (zumindest für meine bescheidenen Verhältnisse). Der Fisch war extrem brav und sprang nicht einmal aus dem Wasser! Dafür erinnerte ich mich an meinen wunderbaren Kescher, welcher sich noch am Rastplatz befand. Als der Fisch schon relativ müde im ruhigen Wasser seine Kreise zog verlängerte ich die Schnur bis an das Ende der Sandbank, nehme den Kescher auf und warf ihn mit einer Hand Richtung Ufer. Diese Prozedur musste ich einmal wiederholen, dann war der Kescher dort wo er von Anfang an hätte sein sollen. Trotzdem brauche ich unzählige Anläufe den Fisch in den Kescher zu bringen, da die extrem lange und relativ weiche Rute dem Fisch zu viel Spielraum bietet. Irgendwann klappt es aber doch und ich kann es gar nicht glauben, was für ein herrlicher silberblanker Frühjahrslachs am Ufer liegt. Da meldet sich mit einem bibibi, die GoPro bei mir ab, Akku leer, gutes Timing. Beim Hakenlösen sehe ich wie gut der Fisch weit Hinten im Maul gehakt war, gleichzeitig lässt sich der im Verhältnis niedliche Drilling recht leicht mit der Zange lösen, naja man kommt mit der Hand gut ins Maul würde ich sagen. Das Maßband geht bis 90cm, der Fisch hat noch ein paar Zentimeter Schwanzflosse. Es gibt dann noch ein Selfi mit Fisch und mit einem kräftigen Schwanzflossenschlag verschwindet der Fisch auch wieder im ruhigen Wasser. Ich gehe mit zittrigen Beinen zurück zum Rastplatz, hole eine Dose Guiness aus dem Rucksack und freue mich. Mein irischer Freund hat auf mein Landschaftsfoto geantwortet: „I got excited when I saw you message. I was praying the photo was a fish… “ Ich lache in mich hinein und schreibe: „Sorry Enda, did not know you want to see the other photo… “
Was soll ich noch schreiben. An dem Tag hab ich keinen Wurf mehr gemacht. Ich bin ins B&B zurückgegangen und hab unterwegs mit mehreren Menschen geplaudert (ein Fischer) welche mich rein zufällig gefragt haben ob ich was gefangen hab. Am Abend war ich im Pub und am nächsten Tag wieder am Wasser. Ich konnte zusehen wie ein noch etwas größerer Lachs gefangen wurde und holte mir einen leichten Sonnenbrand auf der Nase. Was aber bleibt ist der Fang eines Lachses, den ich nicht für möglich gehalten hätte, das Gefühl in dieser Sache alles richtig gemacht zu haben.
Vielen Dank an alle Ratschläge und Hinweise hier im Forum! Insbesondere Alex, Heiner und Jörg!
LG Tobias
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Re: Schottland Anfang April

Beitragvon BergLutz » 13.04.2017, 15:44

Danke Tobias
Toller Bericht , spannend wie ein Krimi. Ich war dort mal wandern - ohne Getackel. Tolle Gegend. Wir hatten in Crieff gewohnt.
Dickes Petri zu dem Lachs.

Gruß
Lutz
Auch Flöhe und Wanzen gehören zum Ganzen...
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Re: Schottland Anfang April

Beitragvon AlexWo » 13.04.2017, 17:20

Gratuliere, toller Fisch!

LG

Alex
"salmonfishing is not distance, its control...." H.M.
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Re: Schottland Anfang April

Beitragvon Noellgen, H » 13.04.2017, 19:01

Hallo Tobias,

herrlicher Bericht, wunderbarer Fisch.
Du bist wirklich "a lucky man. "

Tight Lines,

Heiner
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Re: Schottland Anfang April

Beitragvon Rene Königs » 13.04.2017, 19:32

Hallo Tobias,

=D> =D> =D> =D> =D> =D> =D> =D>

LG
Rene
„Wir leben alle unter demselben Himmel, aber wir haben nicht alle denselben Horizont.“ Konrad Adenauer
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Re: Schottland Anfang April

Beitragvon Jörg aus Duisburg » 15.04.2017, 12:20

Wirklich spannend geschrieben. Und wir hat dir Schottland im Vergleich zu Irland gefallen?
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Re: Schottland Anfang April

Beitragvon Magellan » 15.04.2017, 15:33

Tobias,

tolle short story, danke für´s mitnehmen!

Gruss
Heiko
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Re: Schottland Anfang April

Beitragvon fly fish one » 18.04.2017, 13:29

Dankeschön!!!

Dein Frank
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