Hallo Markus,
nur weil ich anstatt einem doppelten Windsor (trägt man in der Arbeit schon zu genuüge) einen Tailing Loop gebunden habe heißt das noch nicht dass das flasch war!
Den Tailing Loop Krawattenknoten musst du mir mal beibringen ...
Aus vielen Erzählungen eines befreundeten Fischers der älteren Generation und seinem fischereilichen Nachlass, kombiniert mit meinen Erafhrungen, will ich mal versuchen das fischereiliche Wertesystem der 70'er bzw. 80'er und vielleicht noch bis in die 90'er Jahre in Mitteleuropa zu beschreiben.
Das hat werder Anspruch auf Richtigkeit oder Vollständigkeit und vielleicht sind hier noch Forenmitglieder die evtl. sogar aus erster Hand mehr dazu beitragen können:
Ich habe die ersten 10 Jahre meiner Fliegenfischerzeit (mitte der 80'er bis mitte der 90'er Jahre) ausschliesslich mit Trockenfliegen geangelt, ich habe weder Nymphen besessen, noch wusste ich damit umzugehen. Es lag wohl im wesentlichen daran, dass derjenige der mir das Fischen gezeigt hat, ein 100% Purist war (nach der Definition von Halford wohl ein Ultra-Purist).
Sinkvorfächer galten als Schweinefaden und das Fischen mit tiefgeführten Mustern auf Verdacht als minderwertige Methode ... Goldköpfnympfen waren gerade im kommen, aber als "echter" Fliegenfischer damit zu angeln natürlich völlig indiskutabel.
Die Effektivität der Methoden wurde nie bezweifelt, aber Effektivität war nicht das vorrangige Kriterium für die Einschätzung, ob es sich um eine "würdige" Angelmethode handelt oder nicht.
Die Zeiten in denen das Angeln zur Nahrungsbeschaffung diente, waren ja allgemein vorbei und selbst die älteren Fliegenfischer der Nachkriegsgeneration gehörten in der Regel einer Schicht an, die solche Sorgen so oder so nie hatte.
Man konnte es sich leisten (vielleicht sich auch gerade dadurch unterscheiden) nicht auf Teufel komm raus alles aus dem Fluss zu holen.
Obwohl es schon ganz ordentliche Kohlefaserruten gab, angelte man eher mit Gespliessten, wenn man was auf sich gehalten hat. Einigen Ultra-Puristen in Sachen Rute, war schon die Hülse zum zusammenstecken ein schlimmer Frevel der eine harmonische Rutenaktion mit Füssen tritt und so wurden von den ultra-Puristen einteilge gespliesste Ruten gefischt.
Ein gefangener Fisch war nur ein würdiger Fang, wenn er auch mit einer würdigen Methode überlistet wurde.
In den abendlichen Erzählungen, zählte eine möglichst Fachkundige Beschreibung über die Gegebenheiten am Fluss, eine genaue Beschreibung des Insektenaufkommen, worüber man die Wahl des imitatorischen Fliegenmusters begründete, die dann im Fang der vorher ausgemachten Forelle an dem besagten Standplatz mündete.
Ohne enthomologische Grundkentnisse wurde man kaum ernstgenommen.
Profanes prahlen mit Pfund- und Zentimeterangaben machte abends eher einsam und war der sichere Weg die Eingangstür zum erlauchten Kreis zu verschliessen.
Der exakten Bestimmung der Nahrungsinsekten mit dem Ziel der möglichst genauen Imitation, wurde sehr viel Bedeutung zugemessen. Magenlöffel, Insektennetze und kleine Alkoholgefüllte Glasbehälter zur Konservierung und späteren Bestimmung der Fliegen, waren durchaus in vielen Fliegenfischerwesten zu finden.Dazu natürlich das Bestimmungsbuch von Fritz Ossadnik.
Nymphenfischen war nicht gänzlich verpöhnt, aber genau wie beim Trockenfliegenfischen gab es eine gewisse Dogmatik über die richtige Methode beim Nymphen.
Als Nymphenfischen wurde das Fischen mit der unbeschwerten Nymphe upstream auf Sicht propagiert. Fischer wie z.B. Wolfgang Schuhmacher (einigen vielleicht noch aus zahlreichen Reiseberichten in "Der Fliegenfischer" bekannt) waren als Meister in ihrem Fach anerkannt und auch unter Trockenfliegenpuristen geachtet. Der Biss wurde entweder am geöffneten Maul der Forelle, oder dem Ausscheren des Fisches von seinem Standplatz zur herannahenden Nymphe erkannt. Ich brauch wohl nicht zu erwähnen das Bissanzeiger, womöglich noch in Bunten Farben verpöhnt waren.
Man muss natürlich dazu sagen, das diese "puristische" Methode des Nymphens nach Skues, auch wieder an südenglichen Kreideflüssen entstanden ist. In vielen deutschen Gewässern hat man leider selten die Chance eine Forelle beim nehmen der Nymphe so genau zu beobachten.
Aber noch heute steht auf der Jahreskarte meines ehemaligen Angelvereins im Sauerland als Reminiszenz auf die Methode nach Skues: "Das Fischen mit überschweren Nymphen ist nicht erlaubt". Zumindest ist das meine Deutung, da ich der Vorsitzende auch aus der oben beschriebenen Generation stammt. Die praktische Auslegung was einen "überschwere" Nymphe ist und was nicht, hat sich natürlich mit der Zeit sehr stark gewandelt ...
Der Streit zwischen Puristen und nicht-Puristen im Fliegenfischen ist mindestens so alt wie Halford und Skues. Ich denke es hat viel mit der Fragestellung zu tun, ob man eine Methode ausschliesslich wegen ihrer Effektivität anwendet, oder vielleicht noch weitergehende Kriterien die das Fliegenfischen ausmachen miteinbezieht.
Wenn es nur um Effektivität geht und ein gewisser Purismus gänzlich auf der Strecke bleibt, geht nach meiner Meinung sehr viel vom Reiz beim Fliegenfischen verloren und wenn man das auf lange Sicht betrachtet ist das mit sicherheit eine Sackgasse. Keiner hat lange Spass daran - alle Fische zu jeder Zeit nach belieben zu fangen - und wenn dann alle zu jeder Zeit jeden Fisch nach belieben fangen können, dann ... (kann sich ja jeder selber ausmalen).
Eine sehr effektive Methode habe ich vor einigen Jahren in Amerika beobachtet: Ein Fliegenfischer hat seinen Guide mit Trockenfliege steigende Fischen anwerfen lassen, die Fische waren sehr heikel und als der Guide nach ca. 1 Stunde eine Forelle gehakt hatte, übergab er die Rute an seinen Clienten und rief voller Freude "Wow. Super, you catched a trout on dry-fly!!".
Vielleicht schütteln jetzt einige mit dem Kopf: "... das ist ja kein Fliegenfischen, die Ammis mal wieder". Aber genauso haben sehr viele Fliegenfischer vor 25 Jahren mit dem Kopf geschüttelt, wenn sie gesehen haben, dass es Fischer gibt die mit beschwerten Goldkopfnymphen im Fluss rumpitchen und sich auch noch rühmen damit Fische zu fangen.
Goldköpfen könnte man ja vielleicht noch eine gewisse imitatorische Wirkung zuschreiben, nämlich der Gasblase als Aufstiegshilfe von hydropsyche Puppen. Aber selbst diese Theorie (aufgebracht 1981 von Gary LaFontaine in seinem Buch "Caddisflies") ist heute praktisch wiederlegt.
Na ja egal, schaut man heute in die durchschnittliche Fliegendose, sind wir mittlerweile bei Neon-Zonkern, Glow-bugs und Pink-Pussy Fliegen. Und kaum eine Fliegendose die einen nicht mit glitzer, gold, silber und neon erschlägt. Alleine dafür lohnt es schon eine gute Polbrille zu besitzen. Als wenn heutzutage im Fluss nur noch Glühwürmchen und deren verstrahlte verwandte schlüpfen ...
da sag ich nur - mehr Mut zu Purismus!! Mal für einige Tage wieder die gestylte Loop large-abor Rolle mit der hochmodulierten Kohlefaserrute gegen eine alte Hardy mit der lauten Knarre und einer Shakespear Fieberglasrute oder wenn man kann einer Gespliessten tauschen ...
LG,
Olaf