Hallo,
@Jürgen: ich will nicht das von dir beschriebene Verhalten des Fischers verteidigen, das kann wohl keiner hier gutheissen. Darum geht es mir und auch wohl den anderen gar nicht.
Nur wenn du mir schon die ganzen Verordnungen und deren Verantwortlichkeiten um die Ohren haust (die mir übrigens alle bekannt sind), dann hättest du deinen Gast schon nach dem Zusendung der Fotos und der Kenntniss über das Zurücksetzen des Fisches die Ohren langziehen müssen. Wofür, ein Fotoverbot? Maßige Fische sind umgehend und ausnahmslos abzuschlagen und danach kann er sich doch gerne noch 2 Stunden von allen Seiten mit dem Exemplar selbst ablichten, solange er ihn danach einer sinnvollen Verwertung zuführt?
Jürgen Gaul hat geschrieben:Sorry, aber zu einer ordnungsgemäßen Bewirtschaftung eines Gewässers gehört nun mal die Abschöpfung des natürlichen Ertrags. Und eine Bachforelle über 50 cm gehört entnommen, weil sie mehr Schaden anrichtet als Nutzen oder Produktivität bringt. Bitte jetzt nicht mit dem Argument kommen, dass es sich dabei doch um einen besonders wertvollen Laichfisch gehandelt hat. Die Gelegenheit, sich zu vermehren hat er schon seit etlichen Jahren gehabt. In unseren Strecken wird Jahr für Jahr eine nicht unerhebliche Fischmenge entnommen, ohne dass dies auf den Bestand an kapitalen Fischen eine negative Auswirkung gehabt hätte. Diese 53er BF war in diesem Jahr beileibe nicht der einzige Fisch über 50 und mir wurden auch schon wieder sehr viele Fische zwischen 40 und 50 gemeldet.
Und da liegt der Unterschied in der Sichtweise:
Das ein 50cm Fisch der im Gewässer natürlich abgewachsen ist, als reiner Störenfried empfunden wird, der dem kurzfristigen Ertrag nicht mehr dient, ist schon eine sehr wirtschaftliche Sichtweise.
Das du den Bestand von kapitalen Fischen "seit etlichen Jahren" als Beweis anführst, will mich nicht ganz überzeugen. Es geht mir nicht um die Quantität sondern vielmehr um die Qualität der Fische bzw. die Erhaltung der genetischen Qualität.
Die natürliche Selektion nach der Evolutionstherie von Darwin ist keine Sache von wenigen Jahren. Auf Dauer setzt sich nach eurer Praxis nicht mehr das Erbgut der stärksten und überlebensfähigsten, sondern das der durchschnittlich abgewachsenen Fische überproportional durch. Für die kurzfristige Sichtweise eines Gewässerbewirtschafters kein Problem, für den langfristigen Fortbestand bzw. das Überleben autochtoner Fischstämme auf Dauer ein Rückschritt. Viele tuen so, als wären die Fische nur noch Statisten die man jedes Jahr beliebig nachbesetzen könnte und vergessen dabei, dass es auch eine genetisch lokale Vielfalt gibt, die in der reinen "Hege" leider kaum noch Beachtung findet. Warum werden denn in Zuchtstationen vornehmlich die Starken und großen Fische zur Nachzucht verwendet?
Vielleicht sollten wir deutschen mal Nachhilfe bei den vielgesscholtenen Slowenen nehmen, die mit einem unvergleichbaren staatlichen Programm und viel Sachverstand zeigen wie moderne Hege aussehen kann. Da ist auch nicht alles Gold was glänzt, aber manchen Ansätzen wie z.B. dem Program zum Erhalt der Marmorata-Forelle sollte man vielleicht mal Beachtung schenken.
Ich will dir in sofern kein Unrecht tun, als das ich nicht weiss, ob und wie ihr Fische nachbesetzt. Aber nach den heutigen Gesetzen muss man in Deutschland alle maßigen Fische ausnahmslos abschlagen, in den meisten Gewässern die ich kenne werden aber reine Zuchtforellen nachbesetzt, also Bachforellen mit verkrüppelten Flossen oder gleich Regenbogenforellen. Ich will es gar nicht an Äusserlichkeiten festmachen, zumindest meist keine Forellenstämme die aus der lokalen Gewässerregion kommen. Diese Praxis ist ein Teufelskreis, der heimische Forellenstämme zwangsläufig ausrotten wird bzw. oft schon hat.
Selbst mit eigenem Bruthaus, WV-Boxen und viel Sachverstand konnten wir in dem letzten Verein dem ich angehörte diese Entwicklung nur schwerlich aufhalten.
Bei der Äsche brauchen wir uns ja kaum Gedanken zu machen, das haben die Naturschützer mit dem "Vogel des Jahres" wohl bald für uns erledigt.
Ich könnte auch gut damit leben, wenn deutlich weniger Fische in den Flüssen wären. Nach den maximen von Ertrag und Produktivität wird aber Jahr für Jahr ordentlich nachbesetzt und wieder "abgeschöpft". Das bleibt nicht ohne Folgen, da nach meiner Erfahrung eigentlich fast nie die gleiche Qualität nachbesetzt wird, wie die die abgeschöpft wird.
Für mich sind die Flüsse ein natürlicher individuell einzigartiger Lebensraum, der in seinem ganzen Umfang erhaltenswert ist. Nicht jeden maßigen Fisch als Beute zu entnehmen, sondern ggf. auch mal alternativ nur ein (verträglich erstelltes) Foto von einem Ausnahmefisch zu machen - das halte ich für erwägenswert. Ich will Fische nicht allein nach Nutzen und Ertrag einordnen ...
Wenn wir unsere Gewässer heute immer noch, nach Ertragsgesichtspunkten bewirtschaften (wofür ja überhaupt keine Notwendigkeit besteht), sind wir nach meiner Meinung auf Dauer schlecht beraten. Und ich bin mir sicher (oder hoffe) das da in Zukunft auch in Deutschland ein Umdenken stattfinden wird.
Ich meine das nicht böse und verstehe auch das man mit den heutigen Gestzen da oft keine Wahl hat, aber Verordnungen werden halt nur geändert, wenn sich auch die Überzeugung ändert.
LG,
Olaf