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Extrem geteilte Ansichten zur Orvis Zero G

Verfasst: 24.01.2007, 14:08
von Hans.
HEY LEUTE,

ich muss das hier schreiben, um meiner Verwunderung Ausdruck zu geben!

Wenn man sich in Sachen Fliegenruten so durchgoogelt kann auffallen, das sich an der Orvi Zero G die Geister scheiden, egal ob als Mid-Flex oder Tip-Flex. Es ist doch so: Fast alle Ruten bekommen, auch von verschiedenen Werfern, in etwa die gleiche Beurteilung. Über die grundsätzlichen Eigenschaften herrscht oft Einigkeit, ganz unabhängig davon, ob die jeweilige Rute dem einen Werfer mehr liegt als dem anderen. Die Zero G ist hier die Ausnahme: Ich habe nie erlebt, dass bei einer Fliegenrute die Ansichten so weit auseinander gehen. Kritikpunkte sind die angeblich wenig flexible Spitze in Disharmonie mit einer weicheren Butt Sektion und das Feeling beim Werfen.

Hier zunächst zwei negative und eine positive Beschreibung der Rute:

“At first wiggle, the Zero G didn't feel that bad to me. But after comparing it to the …/…, you could feel that something was wrong... drastically wrong! It is almost as if this rod was designed backwards, with a stiff tip and a softer butt section. While fishing the rod at Nelson's, I couldn't get a smooth loop to form and the tip seemed like it created to many extra vibrations.” James Anderson, Store Manager and Fishing Guide, Yellowstone Anglers.

Auch George Anderson, Chef von Yellowstone Anglers, ist nicht begeistert. „For some unknown reason Orvis has usually designed rods with heavier, less flexible tips and slower, more parabolic actions. I suppose their thinking is that these designs are better for most anglers, especially less experienced anglers. Well, I think they are wrong. Fly casters from beginners to experts will get a lot more out of rods with medium fast action rods with softer tips.”

Aber dieser Werfer ist begeistert: “In our opinion, the Zero G is ideally suited to dry fly fishing on small to mid sized rivers such as The River Annan, Earn and Upper Tweed or for accurate dry fly work on small stillwaters. Mind you its so good you could do anything with it. The rods feel extremely delicate in your hand but has frightening power and control and it is easy to put out an entire fly line with a double haul. It is without doubt one of the finest fly rods I have ever used.” England Reeves, Professional Fishing Guide from Florida, Alba Game Fishing Scotland.

Auch in amerikanischen Internetforen, in denen sich ja in erster Linie der Otto-Normal-Werfer äußert, ist absolut keine Übereinstimmung zu finden. Von Begeisterung bis zu schwerster Enttäuschung reicht die Palette der Äußerungen. Ein Orvis-Fan wartet seit der Superfine auf eine wirklich neue, exzellente Rute der Firma.

Auch das Erfühlen der Rutenaufladung wird absolut gegensätzlich beurteilt. Die einen schreiben, sie hätten mit dieser Rute hinten Augen, die anderen schreiben, die Rute vermittelt gar nichts und liegt wie Tot in der Hand.

Hier in unserem Forum hat die Rute beim Test ein sehr positives Ergebnis erzielt. Ein Foto der Rute unter Belastung zeigt eine sehr schöne Biegekurve. Ich selber habe eine 5er Zero G jeweils als Mid-Flex und Tip-Flex bei einem Händler-Fliegenfischertreffen vorm Laden geworfen, also nicht am Wasser. Ein besonderes Erfühlen der Aufladung kann ich nicht bestätigen, aber das Wurfverhalten insgesamt hat mich begeistert. Ich kann es nur als eine „neue Leichtigkeit des Seins“ beurteilen, besonders mit der Mid-Flex. Keine meiner bisherigen Ruten (Diamond Back, Loop Green Line, Winston IBIS) kann da mithalten. Ich werde die Rute bei Gelegenheit mal mit anderen Top-Ruten vergleichen und bin gespannt, ob es mir dann so ergeht wie James Anderson.

Zum Schluss noch einmal, worum es mir geht: Die massive Kritik an der Rute geht weit über die Frage hinaus, ob einem eine Rute liegt oder eben nicht liegt. Es mag Fliegenfischer geben, denen eine BIIx zu weich oder eine XP zu hart ist; niemand würde aber auf die Idee kommen, deshalb eine Rute als solche gänzlich in Frage zu stellen. Bei der Zero G ist aber genau das oft der Fall.

Was meint ihr so zu dieser Orvis-Geschichte?

Grüße
Hans

P.S. Ich habe es hier im Forum schon einmal geschrieben: ich liebe Testberichte, mache mich aber nicht zum Sklaven derer und hüte mich vor einer Überbewertung des Ganzen. Ich finde sie aber höchst interessant und sehr unterhaltsam.

Verfasst: 24.01.2007, 15:32
von Werner48
Hallo Hans,
ein Einwurf am Rande.
Ich glaube, dass sehr unterschiedliche Beurteilungen von Ruten oft stattfinden, ohne dass die Werfer ihren Wurfstil dazu in Bezug setzen.
M.E. ein häufig begangener Fehler.

Beispiel :

Ein Werfer wie Paul Arden, der nach einer langen Drift die Rute zum Vorwärtswurf sehr stark auflädt, wird eine eher semibarabolische Aktion als angenehm empfinden.

Ein Werfer, der im Gebetsroither Stil die Leinengeschwindigkeit mehr über den Zug erzeugt, wird die gleiche Rute wahrscheinlich als zu "schwippig"
charakterisieren.

Oder anders : Wenn man die Geschwindigkeit der Leine in einem langen Bewegungs-Ladeweg erzeugt, fühlt eine Rute sich anders an, als wenn man mit ihr kurze Wege mit schnellen Zügen "geht".

Verfasst: 24.01.2007, 16:07
von urs.wehrli
Hallo Hans

Ich habe mir letzen Juli die Rute gegönnt (ne 6er). Als Ergänzung zu meiner Sage SP #5 - vorallem aus dem Grund, bei breiteren Flüssen ein bissel weiter ans gegenüberliegende Ufer zu kommen und ab und zu auch mal mit einem etwas schwereren Wooly Bugger geschickt werfen zu können.

Ich habe beim Händler die Orvis und die Sage XP der Schnurklassen #6 geworfen - unser Händler hat ein wunderbares langgezogenes Becken mit Wasser wo man sich richtig austoben kann - einige hier im Forum werden wohl wissen, von wem ich spreche.

Zuerst die Sage - ja, nicht schlecht, sogar gut - wie gewohnt von einer Sage-Rute.
Und dann die Orvis - Hammer - das Ding zog und zog und zog. Es war einfach eine Freude mit dieser Rute zu werfen und zu sehen, wieviel Schnur sie aufnahm. Ok - Rute gekauft.

Dann in Urlaub auf Schottland und die Orvis gleich mitgenommen. Es war wirklich eine Freude mit dieser Rute zu Werfen - ich bin bis zum heutigen Tag begeistert von dieser Rute und empfehle sie jedem.

Mittlerweile benütze ich praktisch nur noch die Orivs, egal ob nun in einem kleinen Bächlein oder in einem breiteren Äschenfluss. Ich hatte noch meine Bedenken, mit dieser Schnurklasse auf die Äschen zu gehen. Ok, es bedingt ein echtes Drosseln des Schnurablegens aber nach kurzer Eingewöhnung konnte ich die ersten Äschen vermelden. Auch auf 0.08 Fluor.

In meinen Bildern siehst Du ein paar Erfolge mit der Orvis.

Als Flugschnur benütze ich die Orvis Wonderline G3 Klasse 6 und finde die Abstimmung eigentlich perfekt.

So, nun genug Werbung für die Zero G :)

Verfasst: 24.01.2007, 22:42
von Hans.
Hallo Urs, hallo Werner,

ich finde Eure Beiträge hochinteressant, so habe ich mir das vorgestellt, danke! Bin gespannt, welche Aussagen noch gemacht werden.

Grüße
Hans

Verfasst: 24.01.2007, 23:39
von Heinz
Hallo,
in den letzten Jahren ging der Trend zu immer leichteren, immer shnelleren und immer steiferen Ruten (zumindest bei den Kohlefasern). Bei den Gespließten kehrten sich einige bekannte Rutenbauer von ihrer ursprünglichen Philosophie ab. Die Modelle der letzten Jahre des leider kürzlich verstorbenen Walter Brunner (etwa Amabile, Fortuna) weisen gänzlich andere Eigenschaften auf als die ganz kurzen und sehr schnellen und harten Ruten aus der Ära Gebetsroither / Brunner. Er selbst hat anläßlich des Kaufes einer Fortuna zu mir gesagt: "Der Gebetsroither hätte mir die aus der Hand geschlagen." Wer diese Rute aber wirft und fischt, der wir ihre Eigenschaften bald schätzen und lieben. Bei den Kohlefaserruten haben je nach Wurfstil und Einsatzgebiet (erforderliche Weiten) sicher beide Modelle ihre Berechtigung. Nur könnte man meiner Meinung nach mit der Entwicklung: schneller, leichter, steifer langsam aufhören und sich vielleicht auf andere Eigenschaften einer Rute konzentrieren, weil mir die genannt Entwicklungsschiene vom Sinn her
ziemlich ausgereizt erscheint.

Grüsse
Heinz

Verfasst: 25.01.2007, 08:17
von urs.wehrli
Hallo Heinz

Du schreibst "vielleicht auf andere Eigenschaften einer Rute konzentrieren" ?

Was meinst Du mit "anderen Eigenschaften" ?

Grüsse Urs

Verfasst: 25.01.2007, 10:36
von Heinz
Hallo,

mit anderen Eigenschaften meine ich z.B. solche, die den Drill von Fischen
erleichtern, d.h. Fluchten besser abfedern (also nicht zu harte Spitzenaktion) und noch komfortableres Werfen (gespließtenähnlich) ermöglichen, Verbesserungen im Gebiet der Dämpfung (Nachschwingen)das vermehrte Anbieten auch längerer Ruten mit kurzer Teilung (da meine ich Ruten in den Klassen 5/6/7 in Längen 10 ft / 11 ft)
und Transportlängen (incl. Rohr) unter 65 cm . Und da meine ich schlußendlich z.B. eine Verbesserung der Bruchfestigkeit durch abgehen vom reinen Kohlenstofffetischismus. Ich weiss schon, dass es z.B.auch Ruten mit beigemischten Borfasern gibt, aber auch auf dem Gebiet Kohlenstoff/Thermoplaste gibt es sicher noch Entwicklungsmöglichkeiten und wahrscheinlich auch bei anderen Modifikationen des Grundmaterials.
Natürlich sollten die Ergebnise für die Kunden wirklich etwas bringen und nicht pure Marketinggags sein. Vielleicht sollten wir Fliegenfischer auch selbst an die Firmen und deren Entwicklungsabteilungen herantreten mit unseren Wünschen-so man auf uns hört. Einige Firmen sind ja auch bereit, Sonderanfertigungen durchzuführen.

Grüsse
Heinz

Verfasst: 25.01.2007, 11:04
von sedge111
Heinz hat geschrieben:....Natürlich sollten die Ergebnise für die Kunden wirklich etwas bringen und nicht pure Marketinggags sein....... Vielleicht sollten wir Fliegenfischer auch selbst an die Firmen und deren
Hallo Heinz,

das ist genau der Punkt! Jedes Jahr blättere ich die schönen Hochglanzkataloge der diversen Rutenhersteller durch, und muss mit einem Schmunzeln wundern, dass auch in diesem Jahr mit der aktuellen Neuserie das Rad wiedermal neu erfunden wurde..... :wink:

Besonders fällt mit da der Marktführer Sage auf. Aktuell der Wechsel vom Topprodukt XP zu der Axis Serie nach dem Motto"Eigentlich dachten wir, wir hatten schon mit der XP schon das Nonplusultra, aber es ist uns "widererwartend" doch gelungen, uns mit der Axis-Serie nochmals zu steigern!!!"

Grüße!

Tom

Verfasst: 25.01.2007, 12:45
von urs.wehrli
Ich geb Euch allen vollständig recht - der Glaube, dass alles Neue immer besser ist, ist meist falsch.

Unter dem Strich ist es aus meiner Sicht jedoch so, dass jeder für sich selbst seine eigenen Präferenzen hat und seine eigenen Vorstellungen einer resp. seiner Traum-Rute hat. Und deshalb schadet es auch nicht, mal ab und zu die neuen Produkte auf dem Markt anzuschauen und eine dieser magischen neuen Ruten (gem. Anpreisung der Hersteller) mal selber zu testen. Blind eine Rute aufgrund der Beschreibung des Herstellers zu kaufen, machen wohl die wenigsten. Immerhin ist jedenfalls meine Absicht, eine Rute mind. für die nächsten 5-10 Jahre mit Freude zu fischen.

Und wenn ich mal die Absicht habe, eine neue Rute zu kaufen, dann geh ich einige Ruten zum Testen werfen und wenn ich darunter eine finde, die mir persönlich liegt, dann kauf ich mir diese Rute.

Ich denk der Thread-Eröffner Hans ist momentan am Sondieren einer möglichen neuen Rute für sich. Und deshalb geb ich Dir einfach den Rat, schau Dir Dien Budget an, nimm Dir ein paar Stunden Zeit, geh zum Händler und versuch einfach ein paar Ruten aus. Ich würd mir auch ein paar letztjährige Modelle, die meist durch die neuen Rutenserien vom 2007, runtergeschrieben sind, auch anschauen. Und dann entscheidest Du dich selbst nach Deinem Gefühl.

Und btw. auch ich habe schon etliche Fehlkäufe gemacht, die ich heute bereue, ob das nun Watschuhe waren oder Zangen mit jensten Utensilien dran, die aber dann im Praxisgebrauch nicht verwendbar waren - einfach weil ich mich von den "unglaublichen Fähigkeiten" gem. Werbung hab blenden lassen. Das ist wohl jedem schon so ergangen und dagegen ist man nie ganz gefeit.

Lg Urs

Verfasst: 25.01.2007, 14:49
von Mountain Angler
Grüezi Hans,

diese geteilten Meinungen zu der ZeroG haben mich nicht erstaunt.
Bin Besitzer einer #6 9`TipFlex und mir läuft es immer noch kalt über den Steiss, wenn ich an meine letzten Einsätze damit denke.War einfach super!!
Diese Rute hat soviel Rückrat, womit die parabolfreaks aus den Staaten wohl nicht zurechtkommen.
Da ich viel auch mit schwereren Nymphen fische, liebe ich diese Aktion, vorallem für den "Load Cast".
Aber mal abgesehen von der Wurfdynamic, ist diese Rute von der Baukunst her ein wahres Prachtstück. Der Rollenfuss mit der dem Schraubrollenhalter ist wunderschön und mit der weinroten Lackierung haben sie ins schwarze getroffen(meiner Meinung!).
Ich finde es toll eine solche, "non conforme" Rute zu besitzen wie diese und kann es nicht erwarten, wenns wieder losgeht.
Mich freuts, wenn die Leute und Freaks sich das Maul über sie zerreissen, ich weiss was ich an diesem Bijoux habe und das ist das wichtigste.

"über die Lippen am Gaumen vorbei, freu dich oh Magen, das Zeug eilt herbei"
in diesem Sinne, Prost , euer René

Verfasst: 25.01.2007, 14:56
von sedge111
Hallo,

nur noch eine kleine Anmerkung. Ich selbst fische keine zero G, jedoch ein Freund von mir.

Was mir bei dieser Rute sofort auffiel, dass der Korkgriff auch gespachtelt war. Bei einer derartig hochpreisigen Rute hätte ich einen ungespachtelten Korkgriff erwartet. Ist aber sicherlich kein spezifisches Orvisproblem, sondern leider ein allgemeines Problem fast aller Hersteller!

Grüße!

Tom

Verfasst: 28.01.2007, 16:23
von tackletour
Hallo,

auch mich erstaunen die geteilten Meinungen zur Zero Gravity....

Ich habe die Zero Gravity von Orvis in #5 und #8 ausgiebig gefischt und bin begeistert.

Auch seitens Verarbeitung im Vergleich zu manch einer "Topmarke" fand ich die Zero Gravity von Orvis einfach Weltklasse.

Zum Schluß bleibt vieles bzgl. Wurfeigenschaften sicher subjektiv, aber ich kenne auch persönlich niemanden (bisher zumindest), welcher die Zero Gravity von Orvis geworfen oder gefischt hat und nicht begeistert war. Ich kenne sogar eingefleischte Sage und Winston Fans, welche sich die Orvis Rute gekauft haben, obwohl Sie eigentlich "Ihren" Marken nie mehr abschwören wollten...

Soviel zu meinen Erfahrungen...

Beste Grüße
Florian

Verfasst: 29.01.2007, 16:04
von Hans.
Liebe Schreiber,

ich danke euch für eure Aktivitäten hier. Vielleicht liegt es wirklich am Wurfstil der Amerikaner, dass die Orvis Zero G so gegensätzlich beurteilt wird. Bei einem groß angelegten Test von Flyfishing Insider (2006) kam die T3 von Orvis auch nicht gut weg, die Begründungen waren genau die gleichen. Hier im Forum haben sich T3- und auch Zero G-Tester, -Probewerfer und -Besitzer eigentlich nur positiv geäußert.

Nebenbei noch ein Blick auf andere Marken: die neue Winston BIIt (nicht die BIIx !!) wird in den USA durch die Bank hoffnungslos verrissen, im Gegensatz zu allen anderen Winston-Ruten. Die Sage Z-Axis scheint den Geschmack der Amerikaner voll getroffen zu haben, die Begeisterung rauscht in Stürmen durchs Land („wow-rod“).

Ich denke, wir lassen es jetzt gut sein. Rutentests und andere Informationsquellen sind als Orientierung, was der Markt so bietet, durchaus eine feine Sache. Wer vor einem Kauf dann ausprobiert, wirft und selber entscheidet, findet auf jeden Fall seine Rute. Ein bisschen Selbstbewusstsein gehört auch dazu, sollen sich die ANDEREN doch, wie René so schön schreibt, das Maul zerreißen über meine Rute, ICH weiß, warum ich sie gekauft habe.

Schöne Grüße
Hans

Verfasst: 29.01.2007, 16:40
von Mountain Angler
Yo Hans, meine Rede,

wünsch dir viele Wasserstunden.

Euer Wathosenpupser
René \:D/