Casten mit langen Einhandruten

Fliegenwerfen - wie geht das eigentlich? Wie kann ich meine Leine effektiver ausbringen und Fehler ausmerzen? Was hat es mit den AFTMA-Klassen auf sich? Was sind Spezial- und Trickwürfe? Fragen über Fragen! Hier könnt Ihr Euch gegenseitig helfen.

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Re: Casten mit langen Einhandruten

Beitragvon Trockenfliege » 09.12.2020, 21:29

So, der Versuch ist abgeschlossen:

Der Endring war schnell gebastelt und dann konnte es losgehen.

Mit der 4-teiligen Ausführung kam ich wie beim letzten Mal auf 20,5m.

Dann die 3-teilige, also ohne die Spitze geworfen, sie war dann 2,08m lang:
Das Endergebniss vorweg: Ich konnte nicht soviel Schnur in der Luft halten, sondern kam nur auf ca. 18,5m, also sogar weniger als mit der 1,75m langen Hans Privat ( 19,5m).

Es konnte also nicht an der Länge oder dem Arbeitsweg liegen.
Es lag auch nicht an einer Überlastung des HTs, da habe ich noch viel Reserve gespürt.

Aber die Eigendynamik der Rute hat sich drastisch verändert: Der Ruteninterne Arbeitsweg - also die Biegung - hat sich drastisch reduziert und ihre Rückstellung wurde irre schnell.
Lange bevor die Schnur sich hinten oder vorne ausgerollt hat, war die Rute schon wieder gerade.
Dadurch musste ich das, was durch die Entwicklung der Biegung und ihre Rückstellung beim Werfen bewirkt wird, durch die Rutenhand ausgleichen.
Kleinste timing-Ungenauigkeiten fielen deutlich ins Gewicht, unsaubere Schnurführung, die sonst durch die Rutenbiegung ausgeglichen wird, macht sich deutlicher bemerkbar.
Eine extremere Rutenführung nach hinten -unten, die vielleicht etwas ausgleichend hätte sein können, war wegen der Hindernisse nicht möglich, die Schnr musste über der Waagerechten bleiben.

Diese drastische Kürzung von oben war also meinem Ziel, mehr Schnur in der Luft halten zu können/weiter werfen zu können abkömlich. Zumindest unter diesen Rückraumumständen.

Ich werde den Versuch mal mit einer weniger drastischen Spitzenkürzung wiederholen.
Dazu werde ich mir 2 baugleiche günstige blanks suchen, oder einen mit Ersatzspitze, um dann einmal die normale Rute und dann eine Variante mit vielleicht 25cm gekürzter Spitze (statt 75 cm wie im Versuch oben) zu vergleichen.

Gleichzeitig habe ich noch eine gerade bekommene Germania Glasrute, 2,4m Klassenangabe 5/6 mit der 6er DT geworfen.

Auch hier kam ich im Garten auf ca. 20m in der Luft gehaltener Schnur.

Und das verstärkt eine Vermutung, die ich bez. des Fliegenfischens schon länger habe und die durch Wissen aus anderen Angelbereichen hinterlegt wird:
Das der Werfer viel mehr den Ausschlag macht, als man denkt. Wenn ich mit so vielen verschiedenen Ruten immer auf sehr ähnliche Ergebnisse komme.
Ist hauptsächlich die Führung der Rutenhand und die Ausführung des Zuges verantwortlich für die Wurfweite mit einer Schnur xy?

Wieviel macht denn wirklich die Rute aus?
Natürlich gibt es Unterschiede zwischen langsameren und schnelleren Ruten. Die schnelleren lassen sich beim Weitwerfen angenehmer werfen, aber wieviel weiter wirft man mit ihnen tatsächlich?
Oder wird die langsamere Rutengeschwindigkeit durch die Schnurhand ersetzt?

Kleiner Exkurs in andere Angelarten, ihr verzeiht:
Karpfenruten sollen häufig auch zum sehr weiten Werfen gedacht sein.
Dafür werden sie heutzutage alle gleichartig beringt: Fast alle Stangenruten werden mit übergroßen Ringen und dem Chema 5 + 1 beringt - 5 Laufringe ab Größe 50 + Spitzenring.
Ich habe dagegen alle meine Karpfenruten mit 8+1 oder 9+1 aufgebaut und beginne meistens mit einem 30er Ring. Außerdem habe ich keine harten Weitwurfprügel sondern fische eher semiparabolische Ruten.

Ich werfe mit all meinen Ruten sagen wir mal ca. 100m - aber auch mit Original "Weitwurfruten" mit nur 5 großen Ringen werfe ich die 100m.
Ein guter Weitwerfer in unserem Verein, der das Weitwerfen viele Stunden auf der Wiese geübt hat, wirft mit MEINEN Ruten auf Anhieb 15-20m weiter - ähnlich weit wie mit seinen eigenen Weitwurfruten. Dies ist ein eindeutiges Ergebniss: Es ist das Wurfvermögen, die Wurftechnik, die weit wirft und nicht die Rute oder die großen Ringe.

Ich habe auch mal extremere Wurfversuche bez. Ringgrößen im direkten Vergleich gemacht: Um nicht alles erklären zu müssen, hier der Link mit Bildern über diese Versuche.
Hat nichts mit Fliegenruten zu tun, aber kann dazu dienen, vielfach Behauptetes - große und wenige Ringe werfen weit - mal zu hinterfragen.

http://rutenbauforum.de/rodbuilding/thr ... ggr%F6%DFe



LG
Reinhard
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Re: Casten mit langen Einhandruten

Beitragvon Michl » 13.12.2020, 19:55

Tach,
sehr interessante These.
Der Werfer hat eine ihm eigene Wurfweite, das Gerät hat nur marginalen Einfluss.
Deshalb werfe ich mit teuersten Komponenten nicht wirklich weiter als mit dem alten (allerdings gut abgestimmten) Geraffel.
Gefällt mir die These, ist was dran.
Aber gefällt sicher nicht allen. :mrgreen:
Gruß Michl
Die Beute ist unwesentlich, entscheidend ist nur das Gefühl.
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Re: Casten mit langen Einhandruten

Beitragvon Hans. » 16.12.2020, 12:55

Hallo allerseits,
eine deutliche Erfahrung meinerseits: Ein mir bekannter Flifi fischt aus Prinzip nur mit Ruten, die unter 100 Euro kosten. Obwohl er einer der besten Werfer ist, die mir persönlich bisher begegnet sind, war ich doch am Stillwasser erstaunt, wie er die (preisgünstige) Schnur auf für mich unerreichbare Weiten brachte. Am Forellenfluss nahm er mal meine Superfine in die Hand, und, verglichen mit meiner Werferei, schien sich die Rute schlagartig in einen Zauberstock verwandelt zu haben :shock: :shock: :shock:. Nee, es war die gleiche Rute, nur ER war der Zauberer :wink: .
Just my two cents
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Re: Casten mit langen Einhandruten

Beitragvon Thomas E. » 16.12.2020, 20:02

Hans. hat geschrieben:Ein mir bekannter Flifi fischt aus Prinzip nur mit Ruten, die unter 100 Euro kosten. Obwohl er einer der besten Werfer ist, die mir persönlich bisher begegnet sind


Hallo Hans,

ich weiß nicht, wen Du schon so alles gesehen hast... :-k

Das gute Werfer/ Fischer so preisgünstiges Material benutzen, kann ich nun garnicht bestätigen.
Als Gag für eine Demo nur sah ich das vereinzelt.
Gruß
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Re: Casten mit langen Einhandruten

Beitragvon Hans. » 16.12.2020, 22:22

Hallo Thomas,
Deine Frage ist berechtigt. Auf Messen sah ich die "üblichen" Verdächtigen, die Master Caster mit Rang und Namen. Und vor langer Zeit schenkte mir meine Familie einen Privatkurs mit einer dieser Größen. Von diesem Tag profitiere ich bis heute. Also meine ich beurteilen zu können, ob jemand wirklich gut werfen kann oder nicht. Mein Bekannter nun ist meilenweit dichter an diesen Größen der Scene heran als ich es je sein werde.
Ich wollte eigentlich nur die hier geäußerte Feststellung aus meiner bescheidenen Sicht bestätigen, dass das Können des Werfers ausschlaggebend ist für alles, was mit Rute und Schnur geschehen soll, egal ob es um Weite oder sonst etwas geht. Das mein Bekannter nun die Marotte mit seinen preisgünstigen Ruten pflegt, sei ihm gegönnt. Er fängt nicht einen Fisch weniger und wirft mit diesen preiswerten Stöcken einfach wie Sau.
Gruß,
Hans
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Re: Casten mit langen Einhandruten

Beitragvon Thomas E. » 16.12.2020, 23:22

Hans. hat geschrieben:Auf Messen sah ich die "üblichen" Verdächtigen, die Master Caster mit Rang und Namen.


Natürlich, nicht nur die sind gut.
Manche wollen Ihre Ruhe haben, Fischen und sich nicht dauernd präsentieren (müssen).

Mich hat einmal ein TT- Spieler ohne Schläger besiegt, nur mit der Hand ! 8)

Günstige Ruten tun Ihren Dienst...nur sind auch die Anbauteile wie Kork, Ringe etc. überwiegend nicht sehr hochwertig.
Darum baue ich meist selber auf, oder sogar um.
Gruß
Thomas Ellerbrock
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Re: Casten mit langen Einhandruten

Beitragvon chrmuck » 06.01.2021, 14:02

Zitat:
"Dann so: welche adäquate Technik ist einem hilfreich beim ermüdungsfreien Schnur ausbringen mit einer 10 Fuß Einhandrute ohne Zuhilfenahme der zweiten Hand, weil wir ganz bewusst darauf verzichtet haben den Ruten griff zu verlängern und auch nicht mit "cheater-Schnüren", Schußköpfen integriert und auswechselbar, arbeiten :D"


Hallo Heiko,

Die übliche Technik ist doch - würde ich mal sagen - der Doppelzug, unabhängig von der Rutenlänge. Oder möchtest Du die zweite Hand auch zum Halten und Ziehen der Schnur nicht verwenden und statt dessen in der Jackentasche wärmen? ;)

Selbst habe ich eine Meerforellenrute in #7 als 9 Fuß- und als 10-Fuß Rute, zwar nicht das gleiche Modell, aber relativ ähnlich von der Aktion. Nach meinem Eindruck kann ich mit beiden Ruten und jeweils gleicher Schnur mit meinen durchschnittlichen Wurfkünsten relativ ähnliche Wurfweiten erreichen. Zumindest so ähnlich, dass ich kein Aha- oder Enttäuschungserlebnis beim Rutenwechsel habe. Allerdings fische ich die 10-Fuß Rute mittlerweile weniger, weil ich abends spüren kann, dass mein Wurfarm deutlich stärker ermüdet als bei Verwendung der kürzeren Rute. Trotzdem ist die lange natürlich manchmal von Vorteil, z. B. wenn man ninten nicht immer mit der Fliege auffe´ Steilküste aufsetzen möchte...

Herzlichen Gruß und einen guten Start ins neue Jahr für alle

Christian
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