Ökologischen Durchgängigkeit unserer Fließgewässer

Hier geht es um wichtige Belange wie Naturschutz, sinnvolle Gewässer-Bewirtschaftung, schonender Umgang mit Umwelt und Kreatur, Ärgernisse (Schlagthemen) wie Klein-Wasserkraft & Kormoran und Rechtliches.

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Ökologischen Durchgängigkeit unserer Fließgewässer

Beitragvon trutta1 » 11.01.2021, 20:27

Liebe Fliegenfischer,

hier soll es in erster Linie um die Wiederherstellung der ökologischen Durchgängigkeit unserer Fließgewässer und die daraus resultierenden negativen Begleiterscheinungen gehen.
Auch ich bin absolut für eine Durchgängigkeit unserer Fließgewässer! Aber gerade in Kein- und Kleinstgewässer kann dies in einigen Regionen fatale Folgen für unsere Salmonidenbestände haben.
Noch vor 35Jahren kämpften wir regelrecht um den Erhalt der letzten Niederungsforellenbäche in Mitteldeutschland.
Feuchtgebiete wurden trockengelegt und aus herrlich mäandrierenden Wiesenbächen wurden kanalartige, tiefergelegte Abflussgerinne! Es wurden alle paar Kilometer Querverbauungen( Wehre/Siele) eingebaut, um den Wasserstand über diese regeln zu können.
Ein paar Jahre später fiel der Grundwasserspiegel durch die Trockenlegung der Feuchtwiesen um ca. einen Meter.
Teilweise wurden an den Bächen Pumpstationen errichtet, um die angrenzenden, trockengefallenen Felder wieder halbwegs zu bewässern.
Wir versuchten an den kanalartigen Fließen, durch Einbau von Strömungslenker, Findlingen und Kiesbänken den letzten Bachforellen halbwegs vernünftige Lebensbedingungen zu schaffen. Hunderte von Erlen wurden gepflanzt, um den Bach ausreichend zu beschatten und Unterstände zu schaffen.
25 Jahre später hatten wir trotz aller Umstände, stabile Bachforellenbestände, ohne Besatzmaßnahmen. Selbst Äschen, die lediglich 2x besetzt wurden, wuchsen durch das reiche Nahrungsangebot hervorragend ab. 4Jahre nach dem Erstbesatz konnten wir bereits die ersten Jungäschen beobachten.
Dann 2006 kam der schwarze Tod.....aber das ist ein anderes Kapitel!
Die Wassertemperatur hielt sich selbst in wärmsten Sommern unter 20 Grad. Sauerstoffmangel war auch niemals ein Problem. Die vorhandenen Wehrkolke waren immer Hotspots. Im Auslauf der Wehrkolke bildeten sich durch die erhöhte Strömung, große Kiesbänke, die hervorragende Laichplätze waren.

Heute, nach dem Entfernen der Querverbauungen und den letzten 3 Sommern, fiel der Wasserstand um mehr als die Hälfte. Bei einer durchschnittlichen Abflussmenge von MQ 0,5-2 in normalen Sommern, kann sich jeder vorstellen, wie es in den Bächen bei einer Halbierung dieser Daten aussieht.
Die wasserstandsregulierenden Wehre wurden zwar durch Solgleiten ersetzt, diese können aber das Wasser nicht ausreichend zurückhalten. Gleichzeitig versanden die letzten Kiesbänke, da kaum noch Strömung vorhanden ist.
Intensive Vieh-und Landwirtschaft tun ihr übriges zur negativen Gesamtsituation.

Sollten sich die niederschlagsarmen Sommer wiederholen, werden wir uns von den letzten Tieflandforellenbächen verabschieden können.
Abhilfe könnte eine komplette Rückverlegung in die alten Bachbetten, also eine sehr komplexe Renaturierung schaffen.
Die Bachläufe würden ihre Lauflänge mehr als verdreifachen.
Dadurch würden die trockengelegten Feuchtgebiete und auch der Grundwasserspiegel profitieren.

Momentan sieht es wieder etwas besser aus, da es in den letzten Wochen ausreichend Niederschlag gab.
Was meint ihr?
Sind die kleinen, sandgprägten Tieflandforellenbäche noch zu retten?

TL, Frank
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Re: Ökologischen Durchgängigkeit unserer Fließgewässer

Beitragvon Beppo » 12.01.2021, 10:51

Hallo in die Runde, hallo Frank,
du hast doch eigentlich deine Frage schon selbst beantwortet. Solange es Fluss- und Bachbegradigungen gibt, das Wasser durch Drainagen so schnell wie möglich aus dem Einzugsgebiet befördert wird, solange wird es keine nachhaltige Besserung geben. Erst nachdem diese etwas anderen Verbauungen beseitigt sind wird sich eine Besserung einstellen. Natürlich sind diese Fließgewässer zu retten, nur ist dies ein sehr langer und schwieriger Weg. Davon kann ich ein Lied singen.
Gruß Beppo
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Re: Ökologischen Durchgängigkeit unserer Fließgewässer

Beitragvon chrmuck » 12.01.2021, 11:33

Hallo Frank,

Du und Ihr scheint mit sehr viel Sachverstand unterwegs zu sein, Ihr habt Euer Gewässer über einen längeren Zeitraum beobachten und deshalb die Veränderung wahrnehmen können. Und ich vermute, dass Du die wesentlichen Einflussgrössen (Rückbau der Querverbauungen, Reduzierung der Wassermenge) als Verursacher der kritisierten Umstände schon richtig lokalisiert hast. Wir haben einen ähnlichen, kleinen "Fluß" vor der Haustür. Viele Querbauwerke aus verschiedenen Gründen, hier im wesentlichen um die Fliessgeschwindigkeit zu reduzieren, also häufig nach Brückenbauwerken. Jedes Wehr ein kleiner Hotspot in diesem kanalartigen Einerlei. Bei uns diente dieser "Bach" ganz ursprünglich auch zur Entwässerung der angrenzenden Feuchtgebiete, später auch zum Abführen des Grundwassers, welches für den Braunkohlebergbau abgepumpt wurde.

Ich bin deutlich weniger in diesem Thema drin als Du, kann aber folgende Beobachtungen ergänzen: Die Kiesbänke hinter den Wehren verschlammen in den letzten Jahren zusehends, der Grund ist teilweise geradezu "verbacken" - kein lockerer, loser Kies. Vor den Querbauwerken in den langsam fliessenderen Bereichen immer mehr Verschlammung, Feinstoffablagerungen ohne Ende, nicht bewatbar, man versinkt und steckt fest! Ich vermute, dass sich hier Feinstoffe und Einträge aus der Landwirtschaft ablagern und den Flußdrund am Auslauf geradezu zusammenbacken und -kleistern, oberhalb einfach verschlammen und Sauerstoff ohne Ende verbrauchen. Außerdem gibt es kaum noch Hochwasserereignisse, welche diese und auch sonstige Ablagerungen mal abtransportieren könnten. Einerseits ein gutes Zeichen, offensichtlich hat man Hochwasserschutz und Überschwemmungsgebiete wieder besser im Griff, aber für den Bach ist dieser, über´s Jahr durchgeregelete Abfluß m. E. nicht gut. Und auch nicht die Tatsache, dass immer noch Felder "auf Kante", also bis an die Uferböschung bewirtschaftet werden. Gleiche Phänomene kann ich auch bei einem meiner anderen Angelgewässer beobachten; durchreguliert, sowohl was Wassermenge und auch Flußbett anbelangt, einzige Abwechslung Wehre oder Totholzeinträge, die erfreulicherweise liegen gelassen werden, aber auch hier zusammengebackener Flussgrund und insgesamt für die Flußgrösse viel zu wenig Unterstände, Abwechslung... In Summe keine Laichplätze, Kleinfischunterstände und -versteckmöglichkeiten, Sauerstoffreduktion durch Faulprozesse u. s. w.

Bei dem ersten Gewässer hat man etwas weiter unten mit einer großen Renaturierungsmaßnahme dem Fluß sein "altes Bett" wiedergegeben bzw. besser rekonstruiert. Viele Schleifen winden sich durch einen "Auen-" Wald, die eingeleiteten Wassermengen aus dem Braunkohleabbau sorgen für konstant viel Wasser. Insgesamt keine schlechte Maßnahme, aber der Fluß hat in Bereich dieser Renaturierung ein ganz anderses Gesicht als weiter oben. Die eingeleiteten Wassermengen rauschen und drücken teilweise regelrecht durch diese Kehren, die Rückströmungen verschlammen aber in für mich erstaunlich schneller Zeit, weil Unmengen an Feinstoffen sich ablagern. Das ganze modert vor sich hin und wenn Du mit dem Watschuh einsinkst, kommt eine Faulgaswolke hoch, dass es einem den Atem verschlägt. Vielleicht ist die Renaturiereung einfach nicht konsequent gut gemacht, vielleicht sind aber auch andere Einflußgrößen, hier vor allem Feinstoff- und Nähreinträge Schuld an diesen unschönen Begleitumständen...

Ich bin immer wieder erstaunt, wie unsere Nachbarn diese Themen anpacken und obendrein noch erfolgreich sind. Die Dänen haben in den 90ern Ihre Bäche renaturiert und haben wieder Lachs- und Meeforellenaufstiege, die Niederländer haben ganz pragmatisch Dutzende Entwässerungskanäle und Polder ohne Ende und trotzdem ist viel Leben drin... C & R können nicht alleine dafür verantwortlich sein. Wir müssen uns mit Worten, Händen und Füßen gegen das nächste Wasserkraftwerk wehren und es werden sehr aufwendige Renaturierungsmaßnahmen gemacht, die ohne in ein Gesamtkonzept eingebettet zu sein, versanden und versumpfen - irgendiwe schade! Die besten Maßnahmen waren bei uns an dem oben beschriebenen Fluß die alten Querverbauungen aus Ziegelstein, die teilweise einfach dem Wasserdruck nicht standgehalten und in Teilen eingebrochen sind - auf einmal gab´s neue Strömungen, trotzdem Anstauungen oberhalb und Durchgängigkeit war trotzdem hergestellt...

Vielleicht gibt´s hier ein paar Leute, die zu dem Thema mehr beitragen können als ich, der ich lediglich interessierter Laie bin. Würde mich freuen, ich bin gespannt!

Herzlichen Gruß

Christian
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Re: Ökologischen Durchgängigkeit unserer Fließgewässer

Beitragvon Dominikk85 » 12.01.2021, 14:30

Das Problem am Renaturieren begradigter Abschnitte ist das man dazu Land braucht. Auch wegen Hochwasserschutz wäre eine entgradigung sinnvoll, aber das funktioniert nur wenn man Flächen zum überschwemmen hat und diese werden halt sehr oft landwirtschaftlich oder baulich genutzt (und Bauland am Wasser ist oft besonders wertvoll).

Daher werden solche renaturierungen vermutlich nur lokal begrenzt passieren können (in öffentlichen Flächen, Wäldern etc), da man sonst erst Mal jede Menge privates Land zurückkaufen müsste.
Dominik
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Re: Ökologischen Durchgängigkeit unserer Fließgewässer

Beitragvon Beppo » 12.01.2021, 16:06

Ergänzung:
Da kann man nur auf die Umsetzung der WRRL hoffen. Da diese bis 2027 umgesetzt werden soll, dazu also nur noch 6 Jahre Zeit bleiben, kann man davon ausgehen, dass die Frist zum vierten Mal nach hinten verschoben wird.
In diesem Sinn - Gute Nacht!
Gruß Beppo
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Re: Ökologischen Durchgängigkeit unserer Fließgewässer

Beitragvon MarkusZ » 12.01.2021, 18:27

Hallo,

grundsätzlich nicht schlecht, wenn durch EU-Vorgaben Druck auf die Behörden gemacht wird, die Gewässerökologie zu verbessern oder zu erhalten.

Könnte allerdings auch dazu führen, dass dann die fischereiliche Nutzung mancher Gewässer nicht mehr zulässig sein wird.

Da ist ja im Moment bezüglich Biodiversität2030 scheinbar einiges im Busch.

Aber das muss dann halt ggf. azeptieren, wenn man für Gewässer- und Naturschutz ist.
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Re: Ökologischen Durchgängigkeit unserer Fließgewässer

Beitragvon trutta1 » 12.01.2021, 20:01

Danke erst einmal für die Antworten!

Das die WRRL bis 2027 durchgesetzt wird, davon gehe ich mal aus. Nur um dies dann auch termingerecht abzuschließen birgt die Gefahr auch nur auf die barrierefreie Durchgängigkeit zu bauen.
Ich finde es auch sehr wichtig, dass alle unsere kieslaichenden Fische zu ihre ursprünglichen Laichplätzen aufsteigen können.
Dies ist aber meiner Meinung nach nur möglich, wenn wir die Durchgängigkeit unserer Bäche als gesamtökologisches Projekt angehen.
Natürlich müssen dazu Wiesenflächen angepachtet werden!
Dies wäre bei uns sogar machbar, weil viele Teilflächen Brachland sind bzw. nicht bewirtschaftet werden.
Aber wer bezahlt den kompletten Rückbau in das alte Bachbett?
Ein Teilstück eines Bachs wurde vor ca.15 Jahren renaturiert.
Leider wurden dabei nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft.
Man entschied sich, wie leider fast immer, für eine billigere Alternative. Die komplette Verlegung in das alte Bachbett war zu kostenintensiv.
Die eigentlich angestrebte Eigendynamik des Bachs konnte somit kaum stattfinden.
An vielen Stellen dieses Abschnitts wurde tonnenweise Kies eingebracht. Durch die fehlende Wassermenge und Strömungsgeschwindigkeit versanden leider immer mehr dieser Kiesbänke.
Das anfängliche Interesse der Medien und FH/UNI scheint auch versiegt.
Was dieses Projekt gekostet hat, weiß ich nicht.
Aber wenn man schon einmal die Bagger am Bach hat, sollte man etwas weitsichtiger denken!
Ich will keinem etwas unterstellen, aber manchmal erscheint mir die Erstellung einer Studie, das wichtigste.
Irgendwie stand ich schon immer mit Wasserwirtschaft und Wasserbau auf dem Kriegsfuß!
Die Bezeichnung ,,Revitalisierung " kannte ich in Verbindung mit der Renaturierung eines Gewässersystems auch noch nicht.
Aber ich lerne immer wieder dazu!

TL, Frank
Zuletzt geändert von trutta1 am 18.01.2021, 15:12, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Ökologischen Durchgängigkeit unserer Fließgewässer

Beitragvon Royal Coachman » 12.01.2021, 21:43

Hallo!

Ich stehe mit der Wasserwirtschaft ebenfalls auf Kriegsfuß, es werden einfach die Querbauten weggerissen, ohne dass ein vernünftiges Bachbett angelegt wird.

Nachher ist da eine Rieselstrecke, ohne Unterstände meist ohne Beschattung und alle gehen zufrieden nach Hause, der Bach ist aber restlos kaputt, kaum Nymphen unter den Steinen, keine Flachwasserzonen für Jungfische oder Kleinfischarten, nicht einmal mehr der Reiher kommt im Winter.

Da werden Wehre mit einer Fallhöhe von 1 m geschliffen, weil hier angeblich die Fische nicht drüberkommen, da kann ich nur lachen, wer einmal gesehen hat wie Regenbogen ein 2m50 Wehr überwinden, der kann nur noch den Kopf schütteln.

Außerdem wird alles sofort herausgenommen, da darf auch kein kleines Holzteil sich irgendwo verfangen,
oder Büsche am Gewässerrand stehen deren Zweige ins Wasser ragen.

Dafür kommt dann der Bagger und "reinigt" die Zulaufgräben, damit der Odl schneller in den Hauptbach gelangt.

Mir stinkt es schon lange!

RC
Der immer auf Seiten der Fische steht!
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Re: Ökologischen Durchgängigkeit unserer Fließgewässer

Beitragvon trutta1 » 12.01.2021, 22:50

Und genau darum geht es mir RC!
Um meine Sorgen zu veranschaulichen, stelle ich mal ein paar Bilder ein.
Der zu sehende
Wehrkolk ist ca.1,6 -1,8 m tief.
20200628_163841.jpg

Selbst bei Flachwasser ist das Oberwasser von 30cm Bachforellen locker zu erreichen, da max. 0,7m zu überwinden sind.
Das zweite Bild zeigt den Auslauf des Wehrkolks.
20200628_163902.jpg

Die 2 anderen Bilder zeigen den noch sehr natürlich verlaufenden Oberlauf. Sollte das Wehr nicht vernünftig zurückgebaut werden, sehe ich für den Oberlauf schwarz!
20150515_104715.jpg
P1060357.jpg

TL, Frank
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Re: Ökologischen Durchgängigkeit unserer Fließgewässer

Beitragvon Köcherfliegenlasse » 13.01.2021, 01:22

Hi in die Runde. Ich schaue mir die Umsetzung der WRRL ebenfalls schon länger an und kenne über meine Eltern einige Wasserbauer und Ingenieurbüros die sich mit dem Thema befassen.

Aus meiner Sicht liegt ein großer Teil des Problems in überholten und unsinnigen Planungsmaßnahmen. Die Planung einer Fischtreppe oder eines Wehrrückbaus dauert sehr lange (mehr als 5 Jahre idr), so dass neuere wissenschaftliche Erkenntnisse häufig gar nicht einfließen können. So ist auch zu erklären, dass Fischtreppe gebaut werden, und nach 2 Jahren wieder die Bagger Anrollen um eine neue (funktionierende) hinzubauen. Die Durchgängigkeit muss dabei immer anhand der schwimmschwächsten Fische definiert werden. Daraus leitet sich ab, dass Forellen natürlich eine 30cm Schwelle überspringen können, aber da die Durchgängigkeit bspw auf die Elritze ausgelegt wird kommt halt die Schwelle weg, im übertragenden Sinn. Ein einfaches Schleifen der Wehr ist fachlich totaler Schwachsinn und wird eigentlich auch nicht mehr gemacht (kann hier nur für Thüringen /Sachsen sprechen). Um eine Absenkung des Grundwasserspiegels zu vermeiden wird das Gefälle normalerweise auf mehrere kleine Sohlschwellen oder eine raue Rampe/Sohlrampe verteilt. Eine "echte" Renaturierung eines Baches oder Flusses ist meistens so teuer, dass eher die prestigeträchtigen Projekte angegriffen werden (zBsp Isar, Wupper, Lippe). Im Zuge der WRRL werden sicher nicht hunderte schwer geschädigte norddeutschen Tiefland Bäche renaturiert.

Ich behaupte mal, das bei fachkundiger Ausführung eine Verschlechterung des ökologischen Zustands nicht passieren dürfte, aber mir ist bewusst das da in der Vergangenheit viel schiefgelaufen ist.

Für mich ist die WRRL stark reformbedürftig. Allein durch den Bewertungsmaßstab dürfte eine Erfüllung (unabhängig der Investitionen) in den nächsten 10-15 Jahren unmöglich sein.

@Frank wenn du mir ein paar Detail-Infos zum Gewässer per PN zukommen lässt würde ich das mal von meinen "Bekannten" zuspielen um hier ein paar Infos zu geplanten wasserbaulichen Maßnahmen und deren Bedeutung rauszufinden. Kann aber nichts versprechen

Viele Grüße
Lasse


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Re: Ökologischen Durchgängigkeit unserer Fließgewässer

Beitragvon Gammarus roeseli » 13.01.2021, 01:59

Servus!

Und hier auf der Karte (Ökologischer Zustand der Fließgewässer in Deutschland )
-> https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/daten_ ... _Karte.pdf
kann/ könnte man sich schon mal anschauen, in welcher Verfassung sich der entsprechende Bach oder Fluss aktuell (nicht wirklich aktuell..... es gab ja Verschlechterungen..... ) in D. befindet....

Grüße Christian
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Re: Ökologischen Durchgängigkeit unserer Fließgewässer

Beitragvon chrmuck » 13.01.2021, 13:10

Hallo Zusammen,

im vergangenen Herbst war ich am Oberen Neckar zum Fliegenfischen. Dort ist ein Tel der Strecke renaturiert worden, ganz gut wie ich finde: Man hat den relativ gleichmässig und gerde verlaufenden Fluß im wesentlichen belassen (in diesem Abschnitt gibt es keine Sohlschwellen oder Querverbauungen, soweit ich das überblicken kann), man hat jedoch an einigen Stellen (flache) Verbreiterungen angelegt. Zudem wurde Totholz eingebracht, teilweise als "Insel", so dass drumherum neue und vielseitige Strömungen entstanden, teilweise an den Rändern als Jungfischhabitat. Zusätzlich wurden ein paar Bereich vertieft oder vorhandene Altarme etwas erweitert. Insgesamt, wie ich finde, relativ moderate und "kleine" Eingriffe, die aber viel Wirkung zeigen (man sieht viele Jungfische, es gibt Einstände für grössere Fische). Ich sehe das Gewässer nur einmal pro Jahr, finde die Maßnahmen insgesamt aber gelungen. Dagegen ist die Renaturierung, von der ich oben geschrieben habe, ein Monster (Platzbedarf, Kosten) - und am Ende irgendwie doch fehlgeschlagen, weil sich viele Negativeffekte einstellen.

Ich persönlich schliesse für mich daraus, dass nicht immer die "große" Lösung die bessere ist, zumal es dabei viele Umsetzungshindernisse gibt. Manchmal würde das Einbringen von ein paar großen Steinen, Totholz (oder das Belassen von Totholzeinträgen), der Teilabbruch einer Querverbauung oder das Umschichten verbackener Kiesschichten vielleicht viel weniger aufwendig aber ökologisch trotzdem wirksamer sein, oder?

Beste Grüße

Christian
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Re: Ökologischen Durchgängigkeit unserer Fließgewässer

Beitragvon FlyandHunt » 13.01.2021, 15:15

Hallo zusammen,

meiner Meinung nach macht die Vielfalt oft den Unterschied.
Beispiele:

1)Habe eine Privatstrecke die ein sehr kleiner Mittelgebirgsbach ist. Dieser hat neben Trockenlegung von Feuchtgebieten auch in den letzten Jahren durch allgemeine Trockenheit gelitten.
Trotzdem kann man seine 20 Forellen in 2 Stunden fangen (natürlich viel untermaßig und C&R)
Ein Teil der Strecke verläuft relativ flach, mit natürlich angestautem Wasser. Dort ist natürlich eine erhöhte Sediment Ablagerung, Teils Kiesel aber auch richtiger Schlick und Wassertiefe knapp Hüfthoch.
Hier fällt auf: Deutlich größere Menge an Forelle als auf allen anderen Stücken, Durchschnittsgröße 10cm mehr als sonst und andere Fisch wie Döbel und Barsch haben sich hier "niedergelassen". Die Forellen steigen quasi zu jeder Jahreszeit.
Das Futterangebot ist deutlich höher / vielvältiger.

2) Ich war zum Elektrofischen an einem Mühlgraben, der leer gemacht werden musste aufgrund von Wartungsarbeiten an einer Turbine. Der Mühlgraben verläuft erst über reine Stein / Betonplatten mit Wiesenüberhang.
Schon hier waren im Schnitt Pro 5 Meter 1 Forelle über 20cm und nochmal 2-3 Jährlingsfische. Weiter unten Verlief der Mühlgraben dann ein wenig natürlicher mit einer Anstauung. Was hier beim E-Fischen an Tageslicht kam, war für mich kaum in Wort zu fassen. Durchschnittsgröße der Forellen war 35cm+ bis über 50cm. auf 20m waren es über 25 oder mehr Forellen. Dazu kamen Döbel, Barsch und viel Kleinzeug. Hochinteressant auch das wir über 100 Stichlinge dort hatten.
Der Mühlgraben verläuft dann 300 Meter durch einen Stollen. Kein Tageslicht. Dort wurden nochmal 50-60 Fische alle über 40cm. Bach, Regenbogen Forellen, Döbel, Barben, Nasen. Hinzu kam ein 95cm Wels. Wir hatten über 15 verschiedene Fischarten dort.
Als der Mühlgraben dann oben leer war, konnte man den Grund sehen. Der schlammige Boden war am zappeln und am Leben voller Larven, Würmer und Insekten aller Art. Ich würde sagen hier ist das Futterangebot 500fach so hoch wie im Normalen Bach.
(Der Mühlgraben gehört zu einem Mittelgebirgsbach mit etwa 7-10m Breite.)

3) unter Punkt 1) erwähnter Bach hat eine Begradigung von ca. 70m. An den Seiten wurde aus Basalt ein Wand / Mauer gebaut. Senkrecht. Nach nun vielen Jahren und Hochwassern verfällt alles.
Seit ich denken kann (15 Jahre )sind dort immer gute Forellen anzutreffen. Aus den Mauern lösen sich die Steine und bieten Top Unterstände.


Was ich im Gesamten damit sagen will:
Wenn etwas nicht natürlich ist, muss das nicht immer heißen, es ist schlecht für den Fluss. Mir ist klar, wenn ich einen begradigten Fluss über mehrere Kilometer habe, dass das nicht gut ist.
Ich sehe allerdings in Teilabschnitten, die einfach anders sind als der Fluss Vorteile für den selben. Die Durchgängigkeit sollte allerdings immer gegeben sein.

PS: Sofern man die Natur lässt, holt diese sich einfache "unnatürliche" Eingriffe schneller zurück als man Denkt.

Grüße
Ferdinand
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Re: Ökologischen Durchgängigkeit unserer Fließgewässer

Beitragvon trutta1 » 13.01.2021, 19:57

Danke nochmals, für Euere Beiträge zu diesem Thema!

Danke Lasse, aber mir liegt das Gewässerentwicklungsprojekt bereits längere Zeit vor.
In diesem wird der Zustand unserer Bäche sehr gut beschrieben.
Vom Ersteller des Projekts wird für alle Bachsysteme eine Rückhaltung des Oberflächenwassers in den Feuchtgebieten (Quellmoore/ Feuchtwiesen) empfohlenen.
Natürlich hat auch hier der Hochwasserschutz oberste Priorität.
Auch gegen die Vorschläge, wie Querverbauungen entfernt und durch Solgleiten ersetzt werden sollen, habe ich nichts.
Leider sieht es in der Praxis anders aus!
Da wird in den meisten Fällen die billigste Variante gewählt!
Prestigeprojekt wie Lippe, Ruhr oder die Nebel in MV werden Medienträchtg genutzt, was natürlich auch legitim ist.
Diese Projekte kosteten Millionen und standen unter ständiger Beobachtung.
Das Ergebnis kann sich in den genannten Fällen wirklich sehen lassen.
Wobei Lippe und Ruhr über ein riesiges Wassereinzugsgebiet verfügen und mit Kleingewässer in Mitteldeutschland nicht vergleichbar sind.
Die Nebel wird durch einen Seeauslauf gespeist und hat
deshalb immer einen relativ konstanten Wasserstand.
Falls nicht, berichtigt mich bitte...war schon länger nicht dort.
Das auch Forellenbäche die ihr Wasser aus Seen beziehen mit Wassermangel kämpfen, kenne ich vom Rheinsberger Rhin. Dort wird das Wasser scheinbar für den Kanubetrieb zurückgehalten, denn ab Mitte Juni (Beginn der Kanusaison) ist immer reichlich Wasser im Rhin.

Leider ist man bei der Umsetzung der theoretischen Vorgaben in die Praxis nicht immer vor Ort.
Werden die Vorgaben des Gewässerentwicklungsprojekts nicht richtig umgesetzt, nützt den Fischen die ökologische Durchgängigkeit auch nichts mehr.

TL, Frank
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Re: Ökologischen Durchgängigkeit unserer Fließgewässer

Beitragvon trutta1 » 15.01.2021, 23:26

Hallo Lasse,

da Du, bzw. Deine Bekannten sich mit Bauvorhaben der Wasserwirtschaft in Thüringen auskennst, würde mich mal interessieren, wer für die katastrophalen Baumaßnahmen an Apfelstädt und Ilm verantwortlich waren.
Michael hat schon die beiden Probleme in anderen Beiträgen
( Zerstörung unserer Fließgewässer) angesprochen.
Vielleicht würde es Michael auch interessieren!

TL, Frank
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