Entnahme

Hier geht es um wichtige Belange wie Naturschutz, sinnvolle Gewässer-Bewirtschaftung, schonender Umgang mit Umwelt und Kreatur, Ärgernisse (Schlagthemen) wie Klein-Wasserkraft & Kormoran und Rechtliches.

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Entnahme

Beitragvon flo staeuble » 29.05.2020, 09:09

Liebe Experten,

in der neuen Fliegenfischen gibts zu obigem Thema nen Artikel von Herrn Arlinghaus, in dem er dafür plädiert, die größten Fische im Bach (wir reden von Bachforellen) zu schonen, da sie mit Abstand den stärksten, gesündesten und damit wertvollsten Laich produzieren.
Das leuchtet ein.
Gleichzeitig stell ich mir immer zusätzlich die Frage, wie viele kleinere und mittlere Fische dieser sehr große Fisch frisst. Denn Fliegen nehmen tut die alte Mutti eigentlich nur zur Maifliegenzeit.
Wie seht ihr diese Abwägung? Und würdet ihr auch dazu tendieren, die wirklich alten Fische zu schonen?
Und zuletzt: Ists nicht auch eine Überlegung, zu sagen "der ist riesig, der wird irgendwann mal an Altersschwäche sterben - soll ich den nicht vorher essen?":-)

Liebe Grüße vom Flo
flo staeuble
 
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Re: Entnahme

Beitragvon Royal Coachman » 29.05.2020, 11:24

Hallo Flo!

Gezielte Entnahmen schaden dem Bestand auf keinen Fall, denn die Größe einer Bachforelle hängt entscheidend vom Standplatz und damit vom Futterangebot ab. Ein kapitaler Fisch braucht einen exzellenten Standplatz mit ausreichendem Futterangebot, denn die Größe bei der das Wachstum eingestellt wird hängt vom Futterangebot ab.

Ein ausgezeichneter Standort wird umgehend binnen meist weniger Stunden vom nächststärksten Fisch in Beschlag genommen, es gibt aber nur eine begrenzte Anzahl solcher Stellen in einem Revier.

Was nun die kannibalischen Neigungen betrifft, so ist die Sache ziemlich komplex.

Innerhalb autochtoner Bestände ist das überhaupt kein Problem, wenn jedoch Besatz eingebracht wird, greifen die großen Bachforellen gnadenlos an.
In meinem Bach schwimmen einsömmrige Bachforellen neben 50iger Kalibern her und werden nicht attakiert.

Wenn allerdings aus oberhalb liegenden Fischteichen kleine RB entkommen, haben die nur eine geringe Überlebensquote.

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PS: ich beobachte genau ob Vergreisungen eintreten: Verlust der Fähigkeit der Farbanpassung an den Untergrund oder Veränderung der Körperfülle wie größerer Kopf in Verhältnis zum Körper.
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Re: Entnahme

Beitragvon chrmuck » 29.05.2020, 12:48

Hallo Flo, hallo Zusammen,

in unserer Gewässerordnung ist ein solcher "Schonpassus" für grössere Fische, hier; Bachforellen, ausdrücklich und aus den den von Dir genannten Gründen vorgesehen (zu klein < Entnahmefenster < zu groß) und ich finde diese Regelung grundsätzlich sinnvoll. Ob die kleineren Fische von Artgenossen, dem Komoran oder sonstigen Fischfressern weggeputzt werden, macht für den kleinen Fisch wenig Unterschied, oder? Eine gesunde Population (Stichwort Alterspyramide) wird m. E. nicht von den wenigen grossen Fischen auf- bzw. weggefressen. Ich bin für so eine Regelung, solange die Bestandsentwicklung nicht andere Lösungen fordert.

Grüsse

Christian
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Re: Entnahme

Beitragvon Beppo » 29.05.2020, 16:39

Hallo in die Runde,
was hier gemeint ist nennt sich "Küchenfenster", manche sagen auch "Entnahmefenster". Bei diesem Entnahmemodell haben Fische nicht nur ein Mindestmaß sonder auch ein Höchstmaß. Alle Fische die in diesem "Fenster" zwischen dem Mindestmaß und dem Höchstmaß liegen, können entnommen werden. Es gibt Befürworter eines solchen "Küchenfensters", sie versprechen sich davon positive Auswirkungen auf den Fischbestand. Die größeren, angeblich wertvolleren Fische, werden geschützt und können für Nachwuchs sorgen.
Gruß Beppo
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Re: Entnahme

Beitragvon Royal Coachman » 29.05.2020, 21:06

Hallo Freunde!

Das andere Modell wäre ein Zwischenschonmaß, z.b. zwischen 35 und 45 cm, je nach Gewässer kann das massiv varieren, damit bleiben immer starke Laichfische im Gewässer.

Zwischenschonmaß braucht aber sehr faire Fischer, denn messen und messen sind zweierlei Stiefel.

Wichtig sind aber starke Fische für das Laichgeschäft insbesonders für Grubentiefe und Wiederzumachen der Laichgruben, sonst graben diverse Laichräuber wie Rutten, Mühlkoppen oder auch Enten den Laich umgehend wieder aus.

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Re: Entnahme

Beitragvon Michl » 30.05.2020, 10:06

Moin.
Wir bewirtschaften einen Mittelgebirgsbach in BW im Sandsteingebiet, seit etwa 25 Jahren.
Es kommen neben Kleinfischarten wie Koppen, Schmerlen, Neunaugen und Elritzen nur Bachforellen vor.
Die maximale erreichbare Größe auf der Strecke liegt um die 50 cm.
Diese ist, genau wie RC schreibt, aber nur an ganz bestimmten Stellen erreichbar.
Die ersten Jahre haben wir vorgestreckte Fische besetzt, später nur noch Brut, die letzten 5 Jahre gar nicht mehr.
Anfangs haben wir Fische ab 40 entnommen, zur Schonung der Jungbestände.
Sei etwa 5 Jahren entnehmen wir die großen Fische nicht mehr, eben mit dem Gedanken an den vitaleren Laich.
Durch das RP wird eine jährliche Bestandsaufnahme an einer Referenzstrecke durchgeführt, insofern können wir, eingeschränkt durch äussere Einflüsse, die Entwicklung recht objektiv beurteilen.
Und diese ist eindeutig positiv.
Die Anzahl der Fische um 30 cm ist gestiegen, die Alterspyramide passt.
Die früher entnommenen Fische hatten in den seltensten Fällen kleine Forellen im Magen, wenn die Struktur und der Bestand zusmmenpassen ist das kein Problem.
Auch die große Forellen fressen kleine Insekten........
Ab 60 aufwärts mag das, zumindest bei Bachforellen, anders sein.
Alle Fische die sich nicht "artgerecht" verhalten werden natürlich trotzdem sofort von den größeren attackiert, es kommt öfter vor das nach dem Haken einer kleinen eine größere den Fisch packt, mein Kollege konnte sogar mal beide landen......
Aber das ist im Sinne des gesunden Bestandes ja natürlich und gut.

Meine Meinung ist also, es macht Sinn die größeren im Hinblick auf vitalen und genetisch gesunden Laich zu schonen, aber eine entsprechende Besatzpolitik und eine insgesamt mäßige Entnahme gehören dazu, Einzelmaßnahmen sind nicht in gleichem Maße zielführend.

Es gibt natürlich auch Nachteile, das möchte ich nicht verschweigen:
Eine 45er Forelle zu haken ist nicht mehr so leicht wie früher, da muss man sich schon sehr bemühen und einen guten Tag erwischen, sonst siehst Du den Fisch zwar als Nachläufer, aber dann zeigt er Dir die Stinkeflosse. :(
Ist aber auch ein Ansporn an sich zu arbeiten......

Gruß Michl
Die Beute ist unwesentlich, entscheidend ist nur das Gefühl.
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Re: Entnahme

Beitragvon MarkusZ » 30.05.2020, 17:51

Hallo,

Michl hat geschrieben:Meine Meinung ist also, es macht Sinn die größeren im Hinblick auf vitalen und genetisch gesunden Laich zu schonen, aber eine entsprechende Besatzpolitik und eine insgesamt mäßige Entnahme gehören dazu, Einzelmaßnahmen sind nicht in gleichem Maße zielführend.


Vielen Dank für die Schilderung deiner Praxiserfahrungen.

Das deckt sich mit den Studien, die ich zu diesem Thema gelesen habe.

Bei Vorliegen der richtigen Voraussetzungen kann das eine Bewirtschaftungsmaßnahme sein, die eine anglerische Nutzung von Gewässern verbessern kann.

Würde mich freuen, wenn sich diese Erkenntnis irgendwann auch bei den Bewirtschaftern und Fischereifachberatungen durchsetzen würde, damit sowas auch bei uns an passenden Gewässern legal möglich wäre, wenn die Voraussetzungen stimmen.
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Re: Entnahme

Beitragvon Royal Coachman » 30.05.2020, 20:42

Hallo Markus!

Dein Wort in Gottes Ohr und natürlich in das der Bewirtschafter!
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Re: Entnahme

Beitragvon Stephen86 » 01.06.2020, 16:05

Moin zusammen!

Ich habe zum Thema selber nicht viel beizutragen, da gibt's klügere Leute die da mehr drüber wissen als ich. Das die großen Fische aber keine Insekten/Larven und andere kleine Häppchen zu sich nehmen ist falsch. Mit groß meine ich in diesem Fall Fische über 60cm, auch die fressen sehr viel dieses kleinzeig. Natürlich müssen die da mehr zu sich nehmen als wenn sie Fischchen jagen aber man darf nicht vergessen das diese Jagd sehr viel mehr Energie kostet als das einfache einschlürfen von treibenden Insekten und das nicht nur zur Maifliegenzeit, vielleicht steigen sie nicht alle, klar. Aber ganz sicher fressen sie das Kleinviehzeug. Zudem auch Forellen mit 30 oder 40cm können genauso gut ihre Artgenossen fressen. Daher ist das in meinen Augen kein Grund zu sagen "deswegen müssen die großen raus".

Beste Grüße
Stephen
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Re: Entnahme

Beitragvon Dominikk85 » 01.06.2020, 16:29

Kleine brutfische bis 5-6cm kann ja selbst ne 20er Forelle fressen, aber ne 50er kann halt auch größere Fische bis 15cm verspeisen. Wieviel das jetzt für einen Bestand ausmacht kann ich nicht sagen.

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Re: Entnahme

Beitragvon MarkusZ » 01.06.2020, 19:24

Hallo,

Dominikk85 hat geschrieben:Wieviel das jetzt für einen Bestand ausmacht kann ich nicht sagen.


Weil das eben nur theoretische Überlegungen sind.

Deshalb finde ich es ja so interessant, wenn Leute wie michl da praktische Erfahrungen von ihren Gewässern beisteuern.

Wird man zwar nicht 1:1 auf alle Gewässer übertragen können, zeigt aber trotzdem, dass es funktionieren kann, wenn die Rahmenbedingungen passen.
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Re: Entnahme

Beitragvon Beppo » 03.06.2020, 09:45

Hallo in die Runde,
hier noch einmal ich. Wahrscheinlich geht es hier einigen genauso wie mir. Eine Studie über dieses Entnahmefenster ist mir nicht bekannt. Vermutlich ist der Erfolg einer solchen Bewirtschaftung von Gewässer zu Gewässer sehr verschieden. Da spielen sicherlich die Größe des Gewässers, dass Nahrungsangebot, die Lage des Gewässers, ob im Tiefland oder Gebirge, eine entscheidende Rolle.
Dies zu verallgemeinern ist nicht zielführend, da hilft wahrscheinlich eher der Spruch - "Learning by doing" - weiter.
In diesem Sinn
Gruß Beppo
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Re: Entnahme

Beitragvon Royal Coachman » 03.06.2020, 10:19

Hallo Freunde!

Entnahmefenster oder Zwischenschonmaß, beides hat Vor- und Nachteile.


Es geht immer um den vernünftigen Umgang. Wenn beim Entnahmefenster zuviel entnommen wird, tritt an der Spitze der Pyramide nach einigen Jahren zwangsläufig Vergreisung ein, da nichts mehr nachkommt, was zum Zusammenbruch der Population führen kann.

Das Zwischenschonmaß hat das Problem, dass kleinwüchsige Fische nicht entnommen werden und immer wieder ihre Gene weitergeben, was in der Folge zur Verbuttung des Bestandes führt.

Beides sind Auswirkungen, die sich erst nach 7-8 Jahren frühestens bemerkbar machen.

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Re: Entnahme

Beitragvon MarkusZ » 03.06.2020, 11:18

Hallo,

Beppo hat geschrieben:Eine Studie über dieses Entnahmefenster ist mir nicht bekannt.


Könnte daran liegen, dass im deutschsprachigen Raum da wenig veröffentlicht wurde. Außer von Arlinghaus ist da wenig bekannt, und der hat das ja auch hauptsächlich an Hechtgewässern beschrieben.

In den angelsächsischen Ländern ist das aber m.W. schon seit vielen Jahren in diversen Gewässern bei unterschiedlichen Fischarten fischereiliche Praxis, auch bei Salmoniden.

Beppo hat geschrieben:Vermutlich ist der Erfolg einer solchen Bewirtschaftung von Gewässer zu Gewässer sehr verschieden.
.

Da würde ich Dir zustimmen. Das trifft m.M.n. allerdings allgemein für die Gewässerbewirtschaftung zu.

Nicht alles was in Gewässer A funktioniert, muss deshalb auch in Gewässer erfolgreich sein.

Beppo hat geschrieben:Dies zu verallgemeinern ist nicht zielführend, da hilft wahrscheinlich eher der Spruch - "Learning by doing" - weiter.


Wer nichts Neues probiert, wird sich nicht weiterentwickeln.

Leider scheitert der Einsatz moderner Bewirtschaftungsmaßnahmen oft an behördlichen Vorgaben.

In der Bürokratie halten sich alte Zöpfe oft viel länger als in der Wissenschaft.

Royal Coachman hat geschrieben:Es geht immer um den vernünftigen Umgang.


Wahre Worte. Die besten Maßnahmen nützen nichts, wenn die betroffenen Angler nicht kooperieren.
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Re: Entnahme

Beitragvon Beppo » 03.06.2020, 11:43

Hallo "MarkusZ",
wahre Worte!
Nicht nur die Behörden, auch viele Angler stehen einer solchen Maßnahme sehr skeptisch gegenüber. Man stelle sich bloß vor, da steht eine 50`er Bachforelle in einer Ecke und ich darf sie nicht fangen, weil das obere Schonmaß 45 cm ist. Das geht ja nun gar nicht, da ist der Kochtopf und ein Foto näher, wie solch ein Bewirtschaftungsmodell.
Wenn man das Ganze so betrachtet ist es nicht einfach. Deshalb gehen viele Vereine den Weg des geringsten Widerstandes.
Gruß Beppo
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