Rückgang Insekten oder schon -sterben?

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Rückgang Insekten oder schon -sterben?

Beitragvon chrmuck » 05.10.2020, 09:10

Hallo Zusammen,

in diesem Jahr gab es bei uns an der Eifel-Rur (zumindest an den Tagen, an denen ich am Wasser war) selten einen konstanten Insektenschlupf - immer nur sporadische Schlupfphasen, meistens wenige Insekte, oftmals nur kurze Schlupfphasen. Ein Kollege und Freund berichtete ähnliches von der Kyll, ein anderer sagte, dass es auch an der Wisent in diesem Jahr (auch hier wieder einschränkend - in der Zeit des Besuches) nur einen sporadischen Maifliegenschlupf, nicht vergleichbar mit den früheren Jahren, gab. Also unterschiedliche Regionen, vermutlich auch unterschiedliche, witterungsbedingte Einflüsse, trotzdem gleichlautende Einschätzungen...

Was sind Eurere Beobachtungen? Sind das Einzelfälle? Wie waren Eure Beobachtungen an diesem Jahr und an Eurem Gewässer? Ist das bereits das durch Umweltverschmutzung, Schadstoff- und Düngeeintrag verursachte Insektensterben im Gewässer? Oder ist es einfach nur mal ein jahr, was aus dem "Durchschnitt" rausfällt?

Bin mal gespannt... Vielleicht gibt es ja sogar von einigen wissenschaftlichere Einschätzungen als meine laienhafte Beobachtung...

Besten Grüße,

Christian
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Re: Rückgang Insekten oder schon -sterben?

Beitragvon Emmo » 05.10.2020, 11:21

Da gab es doch vor einigen Jahren einen Artikel in der Fliegenfischen zu, seit den frühen 90gern seien 75% weniger an Insekten zu verzeichnen und ein atemberaubender Schlupf sei kaum noch vorhanden. Ich beobachte das ebenfalls.
Markus
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Re: Rückgang Insekten oder schon -sterben?

Beitragvon orkdaling » 05.10.2020, 19:10

Gute Frage,
also vor 20 Jahren musste ich noch mit dem PKW stoppen weil die Frontscheibe zu war, wann reinigt ihr heute eure Scheiben?
https://www.youtube.com/watch?v=_52mr7sNSlM
Und die Fischlein finden auch nichts mehr zu beissen!
Gruss Hendrik
orkdaling
 
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Re: Rückgang Insekten oder schon -sterben?

Beitragvon Magellan » 05.10.2020, 23:12

chrmuck hat geschrieben:Was sind Eurere Beobachtungen? Wie waren Eure Beobachtungen an diesem Jahr und an Eurem Gewässer?



Alles gut hier! Der übliche Schlupf der Gattung Heptageniidae und auch Baetis in typischer Abundanz dem Monat entsprechend. Auch Trichoptera und Plecoptera an Fließ und Stillgewässern.

Der musste jetzt sein \:D/
Magellan
 

Re: Rückgang Insekten oder schon -sterben?

Beitragvon Royal Coachman » 06.10.2020, 00:00

Hallo!

Der Rückgang ist merklich, bei uns einerseits durch das übertriebene Ausbringen von Gülle andererseits durch den starken Einsatz von Pestiziden zur Mückenbekämpfung.

Die Gülle kommt durch Entwässerungsgräben in die Bachläufe und setzt sich dort in den Flachwasserzonen ab.
Nur damit ihr euch ein Bild machen könnt, 6 mal im Jahr ist durchaus üblich. Dadurch verschwinden die Kleinfischarten und eben auch die Eintagsfliegen, Steinfliegen und was sonst noch aus dem Wasser kommt.
Gefahren wird immer unmittelbar vor einsetzendem Regen und auch noch währendessen.

Ich führe auch den massiven Rückgang der Elritze darauf zurück, Krebse sowieso Fehlanzeige.

Einen ganz kleinen Bachlauf habe ich gepachtet, nur um die dort vorkommende Steinkrebspopulation zu schützen, und ich mußte schon mit Anzeigen drohen, denn er sollte mal schnell ausgebaggert werden.

Leider kümmert sich niemand um die Kleinstgewässer, doch findet man dort noch Fischarten von denen die meisten nur bei der Fischerprüfung gelesen haben, dass es die mal gegeben hat.

Wer hat denn schon mal einen Schlammpeizger oder eine Schmerle in der Hand gehabt?

tight lines
RC
Der immer auf Seiten der Fische steht!
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Re: Rückgang Insekten oder schon -sterben?

Beitragvon MahiMahi » 06.10.2020, 08:35

Hallo liebe Kollegen,
ich kann mich da nur an Royal Coachman anschliessen, so ist es auch vielerorts.
Fahr mal durch ein Weinbaugebiet und schau wieviel Insekten an der Windschutzscheibe kleben bleiben!
Aber es gibt auch in meinem Gewässer Grund zur Freude: Schmerlen, Koppen haben wir noch und der Elritzenbestand ist hervorragend.
Was in den letzten Jahren hinzu kam und jedes Jahr stärker wird ist die Maifliege.
Vor zehn Jahren hatten wir hier kaum welche und jetzt kannst du wirklich einen Schlupf erleben.

LG
Harry
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Re: Rückgang Insekten oder schon -sterben?

Beitragvon orkdaling » 06.10.2020, 10:05

Moin,
stimmt wohl das die Landwirtschaft einen Grossteil an Schuld trægt.
Ueberduengung mit Guelle aber auch chemische Duenger, gespritzt wird nicht nur Unkrautvernichter, nee alles møgliche gegen Insekten, Mehltau...
Grossflæchenwirtschaft, wo alles zu einer bestimmten Zeit blueht und danach finden die Insekten kein Futter mehr.
Keine Windschutzstreifen die die Bodenerosion verhindern, der wertvolle Humus fliegt weg und wieder zusætzlich Duenger drauf...
Keine Kleinstgewæsser, Gruenstreifen, aber dafuer alles schøn betoniert oder geschottert. Und dann ueber Hochwasser aufregen und anschliessend monatelang Trockenheit.

Aber die Landwirtschaft trægt nicht alleine Schuld. Seht euch Bauprojekte an wo entwæssert wird um jeden Preis. Magerwiesen gibt es fast nicht mehr, so wie es keine Sumpfgebiete gibt.
Nach wie vor gibt es gewaltige Mengen an Kohlendioxid, Schwefel... und und und - die Versæuerung læsst gruessen.
Ich lebe ja in einem Land mit nur 5% landwirtschaftlicher Nutzflæche, zieht man die Wiesen fuer Weidebetrieb ab sind es grad mal 3% fuer Ackerbau.
Und trotzdem verschwinden auch hier die Insekten, finden die Fische in den nahrungsarmen Seen und Bæchen kaum genuegend Nahrung.
Fluesse im Sueden des Landes und an der Westkueste bis ca Høhe Bergen muessen gekalkt werden.
Nun gibt es aber gar nicht so viel Landwirtschaft und auch nicht so viel Industrie/Verbrennung von fossilen Brennstoffen weil ja der Strom zu 98% aus Wasser kommt. Nun wird auch Windkraft Strom einspeist.
Rætsels Løsung, so wie der Golf- und Atlantikstrom die Plastiktueten entlang der Kueste bis zur Barentsee verteilt, so gibt es auch einen Nordstream (nicht zu verwechseln mit der Gasleitung) den die Vøgel auf ihrer Wanderung nutzen. Sogar Schmetterlinge. https://youtu.be/zo7itI0hnjU
Durch den Nordstream gelangen aber leider auch die Klimakiller in den Norden und sorgen fuer die Versæuerung.
Nur durch Kalkung gelingt es in vielen Bæchen und Seen den erforderlichen PH Wert zu erreichen das Forellen laichen und die Eier auch erbruetet werden kønnen. Nur dadurch gibt es eine Vielfalt an Wasserinsekten. Zahlreiche Bæche wo die Forellen ausgetoben waren konnten wieder neu besetzt werden.

Nur mal ein kleines Beispiel, was eigentlich jeder machen kann der ein Stueck Garten hat. Insektenhotel aufstellen, (das www ist voll davon)
Ich hab vor 10 jahren angefangen fuer jeden Enkel/in einen Obstbaum zu pflanzen. (andere haben wir ja genug, hahaha)
Anfangs mæssiger Ertrag, war auch skeptisch ob das was mit Insektenhotels bringt. Seit drei/vier Jahren hab ich solche aufgestellt und die Pflaumen und Kirschen (ja die wachsen auch hier) , die Stachel- und Johannisbeeren hængen so voll das die Nachbarkinder pfluecken kommen.
Und nun gibt es sogar Leute die bezahlen dafuer das man ihnen einen Bienenkorb in den Garten stellt!
Finde ich persønlich die Insektenhotels besser da dort eine Vielzahl verschiedener Insekten lebt.

Achja, die lieben Bauern. Heute haben die kaum noch Silos fuer Gærfutter. Es ist viel einfacher Rundballer herzustellen , diese zu lagern und (was viele nicht wissen) gleich Gærsalz bei zu mischen. Habt ihr mal so einen Lagerplatz das Jahr darauf gesehen bzw wann dort wieder Gras wæchst.
Die Dinger sind ja nicht 100% wasserdicht, Rehe, Hirsche, Elche beissen sich durch um an Futter zu kommen.
Die Folge, die Gærsaure geht mit jedem Regen in Richtung Bach.
Liegen die Dinger nun in Bachnæhe (weil die Bauern ja einen Schutzstreifen errichten sollen damit Duenger und Spritzmittel nicht eingetragen werden)
so gelangt soviel Nitrat konzentriert mit einen mal in die Gewæsser das Fische und Insekten sterben.
Die vom Gestzgeber vorgeschriebenen 10m Schutzstreifen sind also viel zu wenig. Man kann aber auch mit den Bauern reden ob sich nicht ein anderes Plætzchen findet. Ich sag ihnen einfach, vergiftest du deine Fische dann kannstè auch keine Karten verkaufen.
Ok, es ist natuerlich etwas einfacher wenn man mit eigenem und seinem Enkel fischen geht , aber das sollte wohl auch anderswo møglich sein.

Ich hør mal lieber auf sonst lande ich noch bei der Renaturierung eines Entwæsserungsgraben, wo schon 2-3 Baggerschaufeln mal links, mal rechts, ein paar grøssere Steine..., schon im næchstem Jahr fuer viele Wasserinsekten und Einstænde sorgen.

Ein bisschen haben wir wohl selber in der Hand, nur jammern (ist berechtigt) hilft aber wenig.
Gruss Hendrik
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Re: Rückgang Insekten oder schon -sterben?

Beitragvon chrmuck » 08.10.2020, 10:30

Hallo Zusammen,

erst mal vielen Dank für Eure Einschätzungen. In Summe scheinen sich Eure Beobachtungen, was die Insektenvielfalt und vor allem -menge anbelangt, mit meinen zu decken...

Und gleichzeitig gibt es wieder ehemals seltene Arten... bei uns sind es Biber, mittlerweile häufg vorkommend auch wieder Ringelnattern und Elritzen (gut, die hat unser fleissiger Gewässerwart angesiedelt) sowie Neunaugen... Aber die ganz normale Insektenfauna geht vor die Hunde... absurd!

Auf der anderen Seite - wenn die Insekten futsch sind, wird´s mit dem ganze anderen, wieder eingebürgerten oder wieder heimgekehrten Getier bald auch wieder vorbei sein, zumindest soweit ich das mit Nahrungspyramide u. ä. verstanden habe...

Aber es ist doch schon bemerkenswert, dass es ein regional übergreifendes Phänomen ist!

Beste (trotzdem!) Grüße

Christian

PS: Noch in den 90ern mussten wir bei Motorradtouren jeden Stopp nutzen, um das Viesier zu reinigen, soviel Zeugs war in der Luft!
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Re: Rückgang Insekten oder schon -sterben?

Beitragvon Sigi » 08.10.2020, 11:29

Moin

hier noch eine, wie ich finde, recht interressante Studie zum Thema.

https://www.senckenberg.de/de/ueber-uns ... weiter-an/

vg Sigi
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Re: Rückgang Insekten oder schon -sterben?

Beitragvon dreampike » 09.10.2020, 10:29

Der Rückgang der Insekten ist wie beschrieben vielerorts spürbar. Dass die Windschutzscheiben nicht mehr so mit toten Insekten zugekleistert sind, könnte ein Indiz dafür sein. Bei mir ist es so, dass ich in den letzten Jahren deutlich langsamer fahre als früher, dadurch bleiben auch weniger Insekten kleben. Zudem haben sich Form und Winkel der Frontscheiben geändert, vielleicht hat das auch eine Auswirkung.

An dem von mir häufig begangenen Ismaninger Speichersee bei München hat sich in den letzten 25 Jahren bezogen auf die Insektenfauna Erstaunliches getan. Der See war früher durch den Eintrag von vorgeklärtem Abwasser aus München stark eutrophiert und überdingt, an Insekten waren vor allem die Chironomiden in unglaublicher Anzahl präsent, das Wasser war meist trüb und voller Wasserflöhe. Im Sommer an windstillen Abenden war die Luft erfüllt von einem Brausen und die Fliegen hingen in großen Schwärmen über den Bäumen, das sah aus, als würden die Bäume rauchen. In der Mitte der 90er wurde die Münchner Kläranlage modernisiert und durch eine zweite Anlage entlastet. In der Folge wurde das Abwasser immer sauberer, Eutrophierung und Überdüngung gingen zurück, das Wasser des Sees wurde immer klarer. Dadurch hatten es zunächst die Kormorane sehr leicht, die im See früher reichlich vorkommenden Rotaugen, Rotfedern und andere Kleinfische bis auf kleine Restbestände zu dezimieren. Dann kamen durch das klarere Wasser vermehrt Wasserpflanzen auf, mittlerweile bedecken die Pflanzenteppiche im Sommer beinahe den ganzen See. Die Chironomiden gingen zurück, die Brachsen und Renken starben aus. Dafür kamen nach und nach immer mehr Eintagsfliegen, Köcherfliegen, Libellen und Maifliegen. Die vorher Wasserflöhe sind verschwunden, dafür wird der See von Bachflohkrebsen besiedelt. Inzwischen sind die Maifliegen im Juni und Juli so zahlreich, dass große Trupps von Möwen, Schwalben und sogar Rotfußfalken sich an dem reichlich gedeckten Tisch bedienen. An manchen Tagen ist es gegen Abend unmöglich, am See entlang zu gehen, da sich Massen von kleine weißen Eintagsfliegen auf einen stürzen und sich häuten. Im Einlaufbereich habe ich sogar schon große Steinfliegen beobachtet. Die Fischarten sind dank der Pflanzen besser vor den Kormoranen geschützt und es gibt reichlich Fischnachwuchs. Leider sind die Brachsen und Renken nicht zurückgekehrt, die kommen mit den vielen Wasserpflanzen nicht so gut zurecht.
Auch sonst erlebe ich in den Gewässern um München herum reges Insektentreiben, insbesondere in der Sempt sind langanhaltende Schlupfe von Maifliegen an der Tagesordnung.
Wolfgang aus Ismaning
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