Guiding in Deutschland kritisch betrachtet

Wie der Name schon sagt: Vor der Haustür fischt es sich fast immer am besten. In Deutschland gibt es eine Vielzahl großartiger "Fliegenwasser". Habt Ihr Fragen oder wollt Ihr eine Empfehlung aussprechen?

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trutta1
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Guiding in Deutschland kritisch betrachtet

Beitrag von trutta1 »

Liebe Fliegenfischer,

beim durchstöbern des Internets müsste eigentlich jedem ausgebildeten FF- Instruktor und Inhaber einer FF-Schule der Geduldsfaden reißen!
Ich Fische nun seit ca. 43 Jahren mit der Fliegenrute, habe oder durfte in den Jahren schon vielen die Grundkenntnisse des Fliegenfischen vermitteln. FF- Instruktor ......davon bin ich weit entfernt!
Ich bin kein schlechter Werfer, aber mein größter Kritiker und lerne immer noch dazu!

Seit einigen Jahren gibt es einige ,,sogenannte Guides" die sich und ihre Dienstleistungen im Internet Preis geben.
Da ich einige von denen schon kennenlernen durfte, konnte oder musste, habe ich so meine berechtigten Zweifel ob der Seriosität. Zumindest was wurftechnische Fehlererkennung und praxisnahe Umsetzung dieser betrifft, habe ich da meine eigene Meinung.
Das man mit denen Spaß haben kann, möchte ich absolut nicht bestreiten, aber hier geht es ums Fliegenfischen. Um das Erlernen der komplexen Wurftechnik und deren Umsetzung in der Praxis.
Da werden Webevideos in sehr gut besetzten Privatstrecken gedreht und somit dem Konsumenten absolute Professionalität vorgegaukelt.
Das diese ,,Guides" in einem natürlichen Gewässer mit einem Wildbestand an Bachforellen selbst zur Maifliegenzeit wie angestochen von Steiger zu Steiger mit Kameramann hin und her hetzen, hat meine Meinung nur bestätigt.
Wenn mich dann ein Guide fragt, wie und wo ich meine Bachforellen zur Maifliegenzeit fange, finde ich das schon sehr bedenklich.
Da ich einige wirklich seriöse FF- Instruktoren kenne, die ausgezeichnete Arbeit leisten, würde ich sehr gern mal deren Meinung lesen!

Also Achim, Harald und Thomas...usw, traut Euch mal!

TL, Frank
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dreampike
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Re: Guiding in Deutschland kritisch betrachtet

Beitrag von dreampike »

Hallo Frank,

aus Deinem Beitrag geht hervor, dass es in Deutschlang gute Guides gibt und weniger gute. Ok. Womit genau hast Du jetzt ein Problem und was genau ist Deine Kritik am Guiding in Deutschland? Vielleicht lässt Du uns ja teilhaben an Deinen Vorstellungen, was gutes Guiding für Dich bedeutet und wie schlechtes Guiding aussieht. Was ist für Dich seriös, was ist unseriös? Sind alle unseriös und inkompetent, die zur Maifliegenzeit anders fischen als Du?
Wenn Dich ein Guide fragt, wie Du Deine Fische fängst, dann spricht das doch eher für ihn als gegen ihn. Ich würde auch unterscheiden zwischen einerseits einem Guide, der mich an einem unbekannten Gewässer zum Fisch bringt und von dem ich weiter nichts erwarte. Und andererseits ein Instruktor, der mir das Fliegenwerfen beibringt.

Wolfgang aus Ismaning
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DerRhöner
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Re: Guiding in Deutschland kritisch betrachtet

Beitrag von DerRhöner »

Hallo allerseits

Da ich schon auf der ganzen Welt mit Guides gefischt habe, kann ich dazu glaube ich was beitragen:

Ich würde unbedingt unterscheiden zwischen Guide (der den Fluss, die Fische, Standplätze, lokale Techniken kennt) und einem Wurflehrer. Idealerweise kommt das zusammen, ist aber nicht zwingend und ich finde auch, das kann man von einem Guide nicht erwarten. Ich erwarte, dass ein Guide selbst fischen kann (keine Selbstverständlichkeit, in Argentinien habe ich mal einen Guide erlebt, der eine FliFi-Rute nicht werfen konnte...) aber nicht zwingend, dass er pädagogische Fähigkeiten im Bereich Werfen mitbringt.

Was in der Tat lästig ist ist, dass sich jeder Guide nennen darf. Der Wurfkönig und Hardcore Fischer genauso wie der lustige Possenreisser, dessen Kernkompetenz im SUV-Lenken und Bierflaschenöffnen besteht. Witziger Weise haben beide ihre Fans, manche kommen zum Hochleistungsfischen und wollen einen Trainer, die anderen kaufen sich einen Fishing-Buddy für einen Tag der ihnen die Fliegen anbindet und den Kescher hält.

Ich habe kulturell sehr unterschiedlich Konsensformen erlebt, was ein qualifizierter Guide ist. In British Columbia hat das System der kostenpflichtigen Guiding-Tageslizenzen dazu geführt, dass solche Guides einen gewissen Standard an Professionalität haben und zugleich jegliches andere Guding illegal ist. Ich glaube das ist das Maximum dessen, was ich an Professionalisierung kenne und dennoch habe ich gerade dort auch Enttäuschungen erlebt, denn Faulenzer mit Hangover (tatsächlich erlebt) gibt es auch da. Eine andere Sorte Guides sind die, die von einem Reiseveranstalter vorgehalten werden, die haben ein langfristiges Interesse, wollen die ganze Saison und viele folgende den Job machen und reisen oft genug den Saisons um die Welt hinterher. Das hab ich in Island bzw. Argentinien erlebt. Die wissen oft genug nicht, dass es sowas die FF-Instruktoren gibt, haben aber in der Wiege das Werfen und am Ufer das Laufen gelernt und sind damit tolle Guides. All diese Varianten bedingen eine zumindest saisonal permanente Beschäftigung und die Möglichkeit zumindest zu einem wesentlich Teil von dem Job zu leben.

Ich glaube da liegt die Krux in D: Wie viel Potential gibt es hier, vom Guding zumindest zu 50% zu leben? Und wie viele Gewässer gibt es, die eine Klientel anlocken, die bereit ist dafür ein ordentliches Honorar zu zahlen? Ich glaube Du findest 100 mal mehr Angler, die am Skeena, Rio Grande, Rio Gallegos, an den grossen isländischen Flüssen, auf Kola etc.... bereit sind gute Honorare zu zahlen als dass Du sie findest für einen Voralpenfluss, einen norddeutschen Niederungsbach (ohne Lachse und Meerforelle) oder einen Karpfensee im Aischgrund... Ich sage nicht, dass es dafür gar keine Interessenten gibt, aber nicht viele und die zahlen keine Unsummen. Und: Das Problem habe ich nicht nur in DACH, sondern auch in Tasmanien, Cook Inseln, Kanada etc... gesehen.

Ja, manche sollten sich schämen. Aber muss man jeden Beruf mit Ausbildungs- und Zertifikatzwang belegen? Ich persönlich finde nicht. Wer gute und schlechte Guides sind, sollte sich über Empfehlungen innerhalb der Community (dafür ist das Forum der perfekte Platz) rumsprechen und so selektieren. Aber ich finde jeder der ein Guding anbieten kann und will, sollte das tun können. Als Klient ist es auch irgendwo unser Job vorher rauszukitzeln, ob die Qualifikationen eines konkreten Kandidaten eher im Bierflaschenkühlen oder Kunstwerfen liegen. Ich glaube auch ich (wie viele von uns) wäre qualifiziert darin, an ein paar Heimatbächen einem Kunden zu zweigen, mit welchen Fliegen er in welchem Pool wie fischen muss, um gute Chancen zu haben. Könnte den Kescher halten, Bier kühlen und Sandwiches anreichen. Wenn einer kommt, der perfekt werfen kann und nur jemand mit Ortskenntnis (am Fluss und im Getränkemarkt) sucht, wäre ich keine schlechte Wahl. Sollte ich mir damit gleich anmassen eine Guiding-GmbH mit Website und Fanartikeln aufzumachen? Eher nicht. (Würde ich das überhaupt wollen? Gott bewahre! Denn ich weiss dass Klienten Nervensägen sein können - und nehme mich da nicht aus.)

Aber auch mich würde sehr interessieren, was Leute dazu sagen, die auf der andren Seite des Keschers stehen...

Gruss

Christian
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MahiMahi
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Re: Guiding in Deutschland kritisch betrachtet

Beitrag von MahiMahi »

Hallo,
ja mit den Guides das ist so eine Sache.
Es gibt halt Gewässer wo du ohne nicht fischen darfst, siehe Cuba und noch ein paar mehr Destinationen in der tropischen Welt.
Da kommen am Tag mal schnell 200-300 Dollar zusammen pro Guide und wenn man bedenkt wie der Durchschnittslohn in den Ländern aussieht.
Ich war auch schon mal da mal da und habe keinen Guide aufgezwängt bekommen oder gebraucht. Ein Gewässer wo so was vorgeschrieben ist, befische ich nicht
und ich brauche auch keinen der mir den Fisch keschert oder wie erwähnt mich mit Getränken und sonst noch was bedient!
Ein FF-Instruktor ist in meinen Augen was ganz anderes. Bei dem buche ich einen Wurfkurs und keinen Fangkurs.
Ich habe auch schon einigen Menschen das Fliegenfischen angepriesen und mache die Erfahrung, dass ich schon werferische Kenntnisse habe und einem was zeigen kann.
Aber die Physik des Wurfes zu erklären ist eine ganz andere Angelegenheit nämlich sehr anspruchsvoll und nicht einfach.
Da gibt es durchaus ein paar sehr gute Videos in Youtube wo man sich was abschauen kann.

Allzeit tight lines
Harry
orkdaling
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Re: Guiding in Deutschland kritisch betrachtet

Beitrag von orkdaling »

Moin,
Christian - du hast es schon passend in deiner Einleitung beschrieben.Auch fuer mich sind das 2 verschiedene Dinge.
Man kann in einer Schule oder Verein das werfen erlernen, auch die unterschiedlichen Stile. Es ist aber auch da schon schwierig bei EH von Trocken ueber Nymphenefischen, bei DH von Skagit, Scandi, Spey oder gar was die wenigsten beherrschen Trad.Spey /Long Belly Technik alles zu vermitteln.
Aber es soll wohl schon gewisse Unterschiede geben, ich erinnere mich an eine Episode wo jemand berichtete das er mit einer #9 das Wedeln erlernte !
Sowas kommt auch in anderen Branchen vor, gibt halt weltweit gute und weniger gute Ausbildungen.
Das sollte sich rum sprechen, das muss der Markt bereinigen.
Keiner dieser lehrmeister muss sich vor Ort auskennen, kann gar nicht die lokalen und zeitweiligen Unterschiede vermitteln.
Wandersalmoniden halten sich nun mal nicht an Ferienplæne und man kann auch keine Pools besetzen um Werbevideos zu drehen.

Vergleiche hinken immer, aber ich sags mal so , fuer mich sind es 2 verschiedene Dinge wie Theorie und Praxis.
In einer Schule kann ich das 1x1 erlernen, auch einen Kurs fuer Fortgeschrittene besuchen aber so richtig erlerne ich alles erst unter den Bedingungen vor Ort.
Also nicht auf der Wiese sondern da wo mir die Strømung meinen Anker vertreibt . Oder da wo ich keinen Platz zum wedeln habe und die Rute parallel zu Oberflæche fuehren muss um unter einen hængenden Baum zu kommen.

Zu den Wurfweltmeistern, Gurus oder wie wir sie immer bezeichnen, naja ich sags mal so - braucht kein Mensch.
Oder wie mein Grossvater immer zu Fernsehwerbung sagte, wenns was taugen wuerde brauchten sie die Verarsche nicht.

Was ganz anderes ist es wenn man Guiding vor Ort betreibt, damit Werbung macht, dann muss man wissen zu welcher Zeit was geht, wo die Wanderwege und die Einstænde sind.
Man muss ich mit den (ørtlich sehr verschieden) gængigsten Fliegenmustern auskennen. Man muss wie hier und anderswo auch die Auswirkungen der Gezeiten kennen, das ist zwar ueberall auf der Welt so aber doch in jedem Fluss auf grund des Profils/Gefælle verschieden.
All das erwarte ich von jemanden der sich Guide und nicht Lehrer nennt - egal ob in D, CH, N oder NZ, CND...

Gruss Hendrik

Ach einer geht noch denn es geht auch anders rum!
Ich (kein lehrer oder Guide) hab mehrfach erlebt das Gæste nicht høren wollten. (Wir vom Verein bieten Kartenkæufern eine Einfuhrung vor Ort an)
Da kannst du reden und reden, nein diese Ausruestung hat mir ... perønlich zusammengestellt, die habe ich bei... gekauft der schon 20 Jahre das Geschæft betreibt, da ist das Neuste was es auf dem Markt gibt ... usw.
Nur diese selbst ernannten Experten waren noch nie hier vor Ort , vielleicht mal alle paar Jahre fuer 2 Wochen.
Der Fluss verændert sich jæhrlich, Sandbænke verlagern sich, Wasserstænde wechseln extrem usw.
Und wenn dann die gestressten Nichtsfænger aus dem Fluss steigen, auf das Wetter , die Abzocke .... schimpfen, dann mach ich mir den Spass und steige noch mal hinter ihnen rein um zu zeigen das doch Fisch da ist. Klappt nicht immer aber meistens.
Das sollte ein gute Guide aber auch drauf haben.
Zuletzt geändert von orkdaling am 31.07.2021, 09:49, insgesamt 1-mal geändert.
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trutta1
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Re: Guiding in Deutschland kritisch betrachtet

Beitrag von trutta1 »

Hallo Wolfgang und Christian,

gegen einen lokalen Guide, der mir ein Gewässer eröffnet, habe ich natürlich gar nichts.
Der muß, wie Christian beschrieb, auch kein Virituose mit der Fliegenrute sein. Viel wichtiger ist da die Orts- und Gewässerkenntnis!
Obwohl eine Fehlererkennung beim Wurfablauf oder der Fliegenpräsentation mit anschließenden Korrekturen, das Optimum darstellen würde.

Ich habe etwas gegen sogenannte ,,Guides" die sich als Instruktoren darstellen, aber nicht über diese Fähigkeit verfügen!
Bei den aufgerufen Preisen, wäre mir schon wichtig, an einen FF-Instruktor zu kommen, der sein Handwerk versteht!
Und davon haben wir ja in Deutschland auch einige. Leider eben aber auch einige ,,schwarze Schafe"!
Da reicht es meiner Meinung nach nicht, einfach nur lustig rüberzukommen!
Das man bei einem FF-Lehrgang auch Spaß haben kann und auch sollte, behindert natürlich ganz sicher nicht die Lerneffizienz.

TL, Frank
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Trockenfliege
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Re: Guiding in Deutschland kritisch betrachtet

Beitrag von Trockenfliege »

Für mich sind Guiding und Wurfkurse auch 2 unterschiedliche Dinge.
Vom einen erwarte ich sehr gute Gewässerkenntnisse mit allem, was dazu gehört.
Und er muss auf mein Wurfvermögen eingehen können, es aber nicht während des Tagesguidings verbessern.

Vom Wurflehrer erwarte ich ein besseres Wurfvermögen als ich es habe und er muss Wege aufzeigen können, mit denen ich meine Wurfvermögen verbessern kann.
Dazu muss der Lehrer keinen Instruktorschein haben.

Es gibt vielleicht Wurflehrer, die nur Anfänger unterrichten, da sie einem Fortgeschrittenen nichts so viel zu bieten haben. Das ist für mich ok, solange sie dies auch komunizieren.

Allerdings sollten beide Gruppen mir auch ein "Mehr" bieten können.
Und dieses "Mehr" ist vom Kunden abhängig.

In den USA zB. haben viele Guides Kunden, die noch nie eine Fliegenrute in der Hand hatten.
Diesen müssen sie die Grundwürfe zeigen können und zu einem 1. Fisch verhelfen.
Für einen amerikanischen Anfänger sind 1-2 kleine Rebos während eines Bootstrips mit Sandwich und Softdrinks für 500,-$ ein erfolgreicher Tag.

Entsprechend gibt es eine Anzahl an Guides, die wahrscheinlich keinem von uns genügen würden.

Ich habe viele solcher Bootsguides erlebt an Gewässern, die ich watend befischt habe. Der Kunde warf im 180° Scheibenwischer seine Nymphe an der übergroßen Pose ähh Bißanzeiger.
Das Boot und Bißanzeiger wurden einfach treibend gefischt und ab und zu biß ein Fischlein und der Kunde war happy.

Das Gute ist, dass diese Guidingtouren meistens nur bis 17.00 gehen, danach hatte ich das Wasser für mich allein während der Besten Zeit der Abenddämmerung.

LG
Reinhard
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pitt
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Re: Guiding in Deutschland kritisch betrachtet

Beitrag von pitt »

Moin

Auch für mich, wie für viele andere hier, sind es 2 Paar Schuhe und auch aus meiner Sicht ist es wichtig zu wissen, was ich als Kunde erwarte und erreichen bzw. erleben möchte. Nur dann kann ich eigentlich beurteilen ob der Guide meinen Ansprüchen genügt (hat) oder nicht.

Mein Vorstellung von einem Guide, oder besser gesagt von seinen Fähigkeiten, ist ziemlich klar vordefiniert. Er muss das Gewässer in und auswendig kennen, er muss wissen wo der Fisch zu finden ist und mich dahin führen, er soll die Gezeiten kennen und sich zwischen den Gezeiten sicher bewegen können. Er soll wissen worauf die Fische aktuell ansprechen und wie sie aktuell, ob das die Fliege oder die Präsentation sind, zu überlisten sind. Auch erwarte ich, dass der Guide sich auf meine Fähigkeiten schnell einstellen kann und mir auch Tipps gibt, wie ich meine Angelei verbessern kann und warum. Ich möchte schlussendlich besser werden und jedes Mal dazu lernen. Das wäre für mich, so zu sagen, die Grundlage für einen erfolgreichen Tag am Wasser mit einem Guide.

Und es gibt auch Super-Guides, von denen ich bis jetzt 2 erlebt nhabe, und diese zwei waren jeden Dollar wert, die ich ausgegeben habe. Das waren wirklich versierte Jungs, die sich als erstes akribisch meine Fligenboxen angeschaut haben und erst dann haben sie entschieden worauf und wo wir fischen werden. Die haben sich sogar meine Vorfächer in die Finger genommen und mir Tipps gegeben haben, wie ich diese anpassen sollte und warum, inkl. Hinweise auf zu klobige Knoten die evtl. einen picky Fisch vergrämen könnten. Diese zwei haben mir in den Pausen viele nützliche Tipps zu DIY gegeben und diese zum Teil sehr ausgiebig erklärt. Es war für mich klar eine höhere Stufe des Guidings. Nach so einem Tag, und dem gemeinsam erlebten, sitzt das breite Grinsen in allen Gesichtern und auch das Trinkgeld sehr locker in der Tasche.

Ich habe noch nie eine Guidingtour inkl. Wurfkurs gebucht, ehrlich gesagt habe ich so ein Angebot noch nie in Betracht gezogen, ich habe auch nie einen Guide in DACH gebucht, daher kann ich solche Events nicht aus Eigenerfahrung beurteilen.
Zuletzt geändert von pitt am 31.07.2021, 13:37, insgesamt 1-mal geändert.
“I’d rather make a bad cast to the right fish than a perfect cast to the wrong one.”
Gruss
pitt
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Re: Guiding in Deutschland kritisch betrachtet

Beitrag von Achim Stahl »

Moin,

trutta1 hat geschrieben: Also Achim, Harald und Thomas...usw, traut Euch mal!
Also ich weiß eigentlich nicht wirklich, was ich mich hier trauen soll. Das Guiding an der Ostseeküste betreibe ich inzwischen seit über einem viertel Jahrhundert. Damit gehöre ich wohl nicht zu der Gruppe von Guides, auf die du in deinem Beitrag abziehlst...

Ein Guide ist nicht zwingend ein Instruktor oder umgekehrt. Das ist auch nicht das, was meine Kunden zwingend erwarten. Ich kläre immer gerne in einem Vorgespräch ab, ob ich zu der Werferei etwas sagen soll oder nicht. Manche wollen das, manche wollen das nicht.

Dass sich in Deutschland jeder Guide nennen darf, der sich dazu berufen fühlt, ist natürlich nicht unproblematisch. Besser wird es aber auch nicht dadurch, dass irgendwelche Fliegenfischerorganisationen eine Guideprüfung anbieten, bei der man einerseits den Umgang mit einem (am Wasser selten vorhandenen) Defibrillator beherrschen muss, es aber keine Rolle spielt, wie gut man das Gewässer kennt, an dem man guidet. Bitte nicht falsch verstehen - dass man bei einem Unfall seinem Kunden kompetent helfen kann, ist natürlich unbedingt Vorraussetzung, aber gebucht werde ich als Guide, weil meine Kunden einen ortskundigen Führer haben wollen. Da liegt auch der Hase im Pfeffer. Ich kenne Leute, die in Norddeutschland leben und für ein beträchtliches Honorar Guiding in Bayern anbieten. Ich kenne auch Leute aus Süddeutschland, die hier bei mir an der Küste "guiden". Das halte ich Beides für ziemlich fragwürdig. Ein guter Guide muss meiner Meinung nach genau wissen, wo die Standplätze in seinem Gewässer sind, welche Strukturen es hat, welche Nahrungstierchen gerade dominant sind, was an dem Gewässer an den letzten Tagen los war und alles das, was ein ortsunkundiger Kunde zum erfolgreichen Fischen gerne erfahren möchte.

Die meisten Fliegenfischerguides in Deutschland, zumindest von denen, die ich persönlich kenne, machen aber einen ziemlich guten Job, und die, die einen guten Job machen, werden meistens auch entsprechend weiterempfohlen. Also einfach mal googeln oder im Bekanntenkreis rumfragen. :wink:


Viele Grüße!


Achim
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Re: Guiding in Deutschland kritisch betrachtet

Beitrag von webwood »

Servus

früher habe ich auch geguidet. Als es bei uns im Verein noch Gastkarten gab, war ich mit so manchem Freund an der Ammer unterwegs. Natürlich ohne dafür Geld zu verlangen. Klar kenne ich die Ammer und die Hotspots daher besser als jemand, der zum ersten mal an der Ammer fischt. Hotspots sind indes kein Hexenwerk. Jeder der ein Gewässer halbwegs lesen kann, findet diese. Bei 17 km Vereinsstrecke macht das mit Guide vom Fußmarsch her, dann schon einen Unterschied von wo man startet.
Frühjahr mal ausgenommen, macht man nichts verkehrt irgend eine Nymphe (z.B. Red Tag) im Kehrwasser zu verwenden, an flachen Rieselstrecken fängt man mit Glück ein jagende Großforelle mit dem Streamer und wenn die Fische steigen natürlich trocken. Wenn z B. was kleines braunes in der Luft rumwuselt, nehme ich eine ungefähr passende Fliege. Ob die Fliege nun 2 oder 3 Schwanzfiebern hat, scheint den Fischen egal und mir auch. Hauptsache so grob ungefähr. Daher finde ich einen Guide, welcher die Fliegenbox seines Gastes akribisch untersucht einfach lächerlich.

TL Thomas

Sorry an die Bindeprofis hier bei uns. Eure Kunst ist absolut bewunderswert, doch mit meinen groben "so irgenwie ähnlich" fange ich wohl genau so gut. Angemerkt sei, die Ammer ist ein Gebirgsfluss. Bevor ein Fisch die Perfektion eines Abschlussknotens bewundern kann, ist sie schon längst aus seinem Sichtfeld. Ergo : Je schneller das Gewässer, desto schlechter kann der Fliegenbinder sein.
Angler sterben nie, die riechen nur so.
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Re: Guiding in Deutschland kritisch betrachtet

Beitrag von Harald aus LEV »

Ich bin auch der Meinung, dass man zwischen Guides und Instruktoren unterscheiden muss.
Ich kann von mir behaupten, dass ich meine Flüsse gut kenne, aber niemals auf die Idee kommen würde, dort zu guiden.
Der Grund ist der, dass ein Gast i.d.R. beim Guiding zumindest einen Fisch fangen will. Die Hauptaufgabe des Guides ist es, den Gast zum Fisch zu führen! Und das kann ich an "meinen" Gewässern nicht garantieren. Der Grund ist, dass es hier in der Region im Grunde zu viele Fischer für zu wenig Fische in zu wenigen Gewässern gibt. Unsere Gewässer werden nicht wie ein fließender Forellenteich oder mit Trophyfischen besetzt. Selbst eingefleischte Fischer legen nicht selten einen Schneidertag hin. Da ist Frust vorprogrammiert. Wenn dann noch schlechtes Wetter oder andere Widrigkeiten hinzukommen, ist das Ganze ein Reinfall. Den möchte ich weder dem Gast noch mir zumuten.

Was ich hingegen mache ist, dass ich dem Teilnehmer zeige, an welchen Stellen sich grundsätzlich Fische aufhalten können und erkläre warum sie unter diesen Umständen dort stehen. Ich zeige, wie solche Stellen befischt werden können und erkläre das Fischverhalten/Standplätze bei unterschiedliche Gegebenheiten wie Wasserstand, Strömungsdruck, Sonneneinstrahlung (Schattenwurf, Auswirkungen von Erwärmung)...
So wie sich das Wasser und die direkten Gegebenheiten ändern, ändert sich das Verhalten der Fische (OK, der tiefe, schattige Pool ist wahrscheinlich immer ein guter Standplatz, aber so oft gibt es den hier auch nicht). Somit ist der Teilnehmer in der Lage jedes Fließgewässer zu lesen und entsprechend zu befischen. Er weiß wo und warum der Fisch dort steht, und nicht an der Stelle, an der er unter anderen Bedingungen gestanden hat.

Auch muss man (bei mir) unterscheiden, ob es sich um einen reinen Einsteigerkurs, einen Fortgeschrittenenkurs oder einen komplett individuell gestalteten Kurs handelt.
Beim Einsteigerkurs gehe ich von null Vorkenntnissen aus. Es kommen immer wieder Teilnehmer, die natürlich schon Vorkenntnisse haben, aber häufig höre ich, dass es gut war, bei Null anzufangen, das sie so ein viel besseres Verständnis für die Wurfabläufe und Zusammenhänge bekommen haben. Gerade im Einsteigerkurs wird das Hauptaugenmerkt auf Wurfabläufe und Timing gelegt. Jedoch werden auch erste Sequenzen von aktivem Fischen geübt und Infos über Insektenkunde und Gerätearten vermittelt.
Der Fortgeschrittenenkurs ist schon stark auf die Vorkenntnisse des Teilnehmers orientiert. Es werden weitere Wurfarten vermittelt und vor allem das effektive Werfen geübt. Dabei wird bereits aktiv gefischt.

Was ich persönlich befremdlich finde ist das, was Achim erwähnt hat. Das nämlich jemand der im Binnenland wohnt, Guidings z.B. an der Ostsee durchführt. Da würde ich persönlich immer einen Guide suchen, der dort vor Ort wohnt und die Möglichkeit hat tagtäglich im Meer zu stehen und die Verhältnisse dort kennt. Ebenso würde ich in den Alpen einen Guide bevorzugen, der dort lebt und nicht an der Küste.

Bei mir ist es so, dass ich, wenn ich fische, wirklich fischen will. Dann habe ich bei einer Tagestour eigene Verpflegung dabei. Das reicht mir. Ich brauche und möchte kein Outdoordinner, das von einem Guide auf der Kiesbank des Flusses zelebriert wird. Grundsätzlich ziehe ich es vor, ein neues Gewässer auf eigene Faust kennen zu lernen als mich guiden zu lassen. Natürlich versuche ich im Vorfeld adäquate Infos zu bekommen. Wenn dies aus Zeitgründen nicht möglich ist, oder wenn ein Guide vorgeschrieben ist, würde ich jemanden mit profunden Gewässerkenntnissen bevorzugen. Einen Entertainer brauche und möchte ich nicht. Ein Vorbild sind hier die englischen, schottischen und irischen Ghillies. Die weit mehr Aufgaben haben, als Gäste zu guiden. Sondern sich allumfänglich um das Gewässer kümmern. Und bezeichne nie einen Ghillie als Guide :)

Gruß
Harald
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Re: Guiding in Deutschland kritisch betrachtet

Beitrag von Royal Coachman »

Hallo Freunde!

Der Guide muß kein Wurflehrer sein, aber ein Berater in Sachen Fliegenfischen.

Ihr glaubt ja gar nicht, mit was für Zeug da angekommen wird.
Besonders die Verbindung Flugschnur Vorfach, da sieht man schon mal zwei dicke Dreifach-Schlaufen.

Vorfachlängen, Spitzenstärken usw. in diesem Bereich sehe ich eine guten Guide, einen Fachmann halt, der überdies das geguidete Gewässer bestens kennt.

tight lines
RC

PS: das mit den Guides aus dem Norden in den Alpen und umgekehrt ist einfach Quatsch.
Der immer auf Seiten der Fische steht!
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Re: Guiding in Deutschland kritisch betrachtet

Beitrag von webwood »

am Rande bemerkt:
Da fällt mir gerade ein, RC also Gebhard war zwar nicht mein Wurflehrer, gelernt habe ich dennoch von ihm einiges. Früher, als es den Münchner Stammtisch noch gab, trafen wir uns zuvor auf einer Wiese. Rutentauschen, fachsimpeln und so. Dabei durfte ich Gebhards Brunner Amabile mal werfen. Ich also volles Rohr, Doppelzug und mal sehen, wie weit man mit diesem filigranen Bambusstöckchen so werfen kann.
Gebhard war dann etwas blass im Gesicht, doch die Rute hat meine Grobmotorik zum Glück locker weggesteckt.

TL
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Re: Guiding in Deutschland kritisch betrachtet

Beitrag von trutta1 »

Hallo Achim,


Ein Guide ist nicht zwingend ein Instruktor oder umgekehrt. Das ist auch nicht das, was meine Kunden zwingend erwarten. Ich kläre immer gerne in einem Vorgespräch ab, ob ich zu der Werferei etwas sagen soll oder nicht. Manche wollen das, manche wollen das nicht.


...aber Du könntest es! Harald und viele andere gute Instruktoren oder professionelle Fliegenfischer, die Theorie und Praxis sehr gut vermitteln, können es auch!
Leider können das nicht alle, obwohl sie damit ihr Geld verdienen bzw. verdienen wollen!

Auch ich nehme mal den ein oder anderen guten Freund mit und zeige ihm die Bäche die ich kenne.
Da ich mich dort sehr gut auskenne, kann ich Ihnen gute Stellen zeigen und auf bestimmte Schwierigkeiten und Gegebenheiten aufmerksam machen. Auch über die Gerätzusammenstellung wird gesprochen. Dies kann man vielleicht schon als Guiding sehen, aber ich sehe es eher als ein Freunschaftsdienst, der natürlich nichts kostet!
Genauso freue ich mich, wenn mich ein ortskundiger Fliegenfischer an seinem Heimgewässer mit den dortigen Gegebenheiten vertraut macht.
In diesen Gewässern dürfte ich auch nicht professionell Guiden, da es sich um Verbandsgewässer handelt!
Daran scheinen sich aber immer noch einige nicht zu halten!
Auch immer noch ein Grund, warum die Bode im Harz an WE einem Jahrmarkt gleicht!

Im Endeffekt wird sich eh die ,,Spreu vom Weizen" trennen! Die alteingesessenen FF-Schulen, professionellen Wurflehrer und Guides , die gute Arbeit leisten und zufriedene Kunden hinterlassen, werden sich durchsetzen!
Nur muß man auch sagen dürfen, dass nicht alle die gleiche Qualitätsstufe haben!
Das die nicht allein vom Zertifikat abhängig ist, ist natürlich auch klar!

Das war auch der Grundgedanke des ,,Fadens" allen, die auf der Suche nach einem professionellen Guide oder einem guten Wurflehrer sind, sich nicht allein auf die Angebote im Netz, vor allem bei ,,YouTube" , zu verlassen!

TL, Frank
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Re: Guiding in Deutschland kritisch betrachtet

Beitrag von webwood »

Wer in den USA einen Guide sucht, der Mann ist erste Wahl

https://www.youtube.com/watch?v=qhL0-2zBuqY

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