Moin Thomas,
Du kannst das Fischen auf Meerforelle mit der 5er nicht nachvollziehen?
Warum nicht?
Ich schreib mal extra provokativ: Du hast keine Ahnung oder keine Erfahrung!
Vielleicht aber kann ich Dir das Ganze mal verständlich machen:
Ich hab vor gut 25 Jaren die erste Fliegenrute für die Meerforellenfischerei gekauft. Es war eine 9er Sportex mit einer Hardy-Marquis Lachsrolle bestückt. Warum? Weil damals keiner so richtig Ahnung davon hatte und die Meerforelle ein ja so kampfstarker Fisch sein sollte. Und weil man ja unbedingt gaaaaanz weit werfen musste. So die knappe vorherrschende Meinung in den späten 80ern.
Nach zwei Jahren Quälerei mit dieser viel zu schweren und ermüdenden Ausrüstung hab ich mir selbst eine 7er gebaut. Ab da ging das viel besser, weil auch die Fliegen durch selber binden kleiner wurden.
Und ich zog Mitte der 90er nach Flensburg um!!! Ein entscheidender positiver Einschnitt in meine Fliegenfischerkarriere. Denn 80% meiner Fische fange ich hier oben innerhalb der ersten 15m vom Strand, und da kommst Du mit jeder Rutenklasse hin. Mit meiner 5er Sage XP mit Einsteg-Salzwasserringen zusammen mit ner 5er Coastal leg ich bei Bedarf die Fliege genauso weit raus, wie andere mit ihrem 8er Schusskopfgerät. Aber das ist ja gar nicht nötig. Die Pirschfischerei in der ersten Wanne ist die bei weitem erfolgreichste Methode hier in Dänemark (natürlich gibt s reichlich Ausnahmen, aber insgesamt ist es so). Nach fast 20 Jahren hier oben mit 60-140 Fischen pro Jahr hab ich da glaub ich ne ganz gute Übersicht.
Und die Fischgröße? Ein Grund für stärkere Ruten? Niemals. Der Schnitt liegt bei nicht einmal 50cm. Die perfekte Größe für die 5er. Oder würdest Du im Bach ne 7er fischen, weil vielleicht irgendwann einmal die Uroma von 78cm beißen könnte? Wohl nicht. Und größere Fische? Auch kein Grund für stärkeres Gerät. Erstens kämpft die Meerforelle im Flachen, wo man ja fischt, zu 99% an der Oberfläche. Zweitens ist sie lange nicht so kampfstark wie meist besungen (das ist eher eine Heroisierung, nach dem Motto der Indianer: ist mein Gegner so richtig stark und besiege ich ihn, bin ich umso stärker, isn`t it?). Ein Dorsch ist bei gleicher Größe gerade im flachen Wasser bei weitem stärker als eine Meerforelle, das musst Du einem Ureinwohner vonner Küste nun mal glauben).
Nicht die Rutenklasse, sondern die Drilltechnik und die Drillerfahrung (!!!) bestimmen die Drilldauer. Ich hab nun in den Jahren etliche Meerforellen von über 4kg gefangen und erst eine von 6,4kg hat mehr als 50m Backing genommen (übrigens mit der 5er erlegt). Mehr als 20-25m Backing nimmt selbst kaum ein 4/5kg-Fisch. Und wenn einmal der Traumfisch von 8-9kg beißt, ist Ruhe und Drillerfahrung, zusammen mit 150m Backing viel wichtiger als ner 7er oder 8er Rute. Viele Leute verlieren eine richtig große Meerforelle mit ihrem starken Gerät, weil sie bei einer weit nach draußen geflohenen Meerforelle zu viel Druck machen und der Haken dann ausschlitzt.
Ich fische fast nur in Dänemark und dort gibt es inzwischen viele Leute, die mit einer 3er oder 4er aufMeerforelle gehen. Und das sind keine Anfänger oder Spinner, sondern (Wurf-) Genießer, mit vielen Forellen auf dem Buckel, die wissen, was sie tun. Ich hab selbst z.B. in Lappland mit einer 1er Orvis unzählige Äschen und Forellen von 45-50cm gefangen, wunderbare Erlebnisse. Wenn man das "wie" beherrscht, läuft der Drill genauso schnell ab, wie mit einer 5er, wichtig ist eben der Druck aus dem Handteil. Vielleicht noch ein Hinweis: ich hab viele sehr erfahrene Meerforellenangler als Freunde, die fast alle in den letzten Jahren auf eine 5er Rute runter gegangen sind. Nicht ohne Grund, weil die Ruten einfach schneller und stärker (vom Drill- und Wurfvermögen) geworden sind.
Wenn man mit einer schnellen 5er Rute umgehen kann, ist das die perfekte Rute auf Meerforellen, selbst bei ordentlich Wind von der Seite.
Eine 5er verhält sich zu einer 7er oder 8er wie ein Florett zu einem Schwert. Du magst der Schwertkämpfer sein, ich bin der Flinke mit dem Florett.
Aber jeder wie er mag !
Beste Grüße
Ralf
Angeln ist weit mehr als ein Hobby, es ist eine Lebensart.