Hallo Alex,
ja da fange ich doch gleich mal an!
Der Drowes ist für mich ein faszinierender Fluss (nicht nur weil ich dort vor Urzeiten meinen ersten Fliegenlachs gefangen habe). Er entwässert Lough Melvin, eines der besten Forellengewässer der Insel. In seinem nur ca. 8 km langen Lauf beginnt der Drowes seine Reise mit gutem Gefälle. Am Oberlauf (Lareen Park) ist er durch zahlreiche quer gesetzte Steinaufschüttungen in breite, aber flache große Pools mit moderater Strömung eingezwängt. Diese "Verbauung" geht auf die Zeit zurück, als die Engländer noch das Sagen im Land hatten. Im Mittellauf dann verströmt der Fluss, der dort merklich enger und überschaubarer geworden ist, seine Kraft in zahllosen Rauschen Wannen, Kesseln und Rückströmungen, hüpft über ein Bett von Felsen aller Größen, um schließlich die Küstenebene zu erreichen, wo er sich in eine tiefe, langsam fließende und mit Schilf und Seerosen bestandene Rinne verwandelt. Bei Tullaghan, südlich von Bundoran erreicht er schließlich den Atlantik, wo er durch die letzten menschengemachten Pools (Sea Pools)sich mit dem Salzwasser vermischt.
Durch diese Vielfalt findet sowohl der Anfänger wie auch der erfahrene Lachsfischer genug Möglichkeiten, sich auszutoben. Im oberen Teil mit den großen Pools fühlt sich der erfahrene Fischer mit einer Zweihandrute am wohlsten. Der Mittelteil kann von Fischern, die körperlich fit genug sind, sehr erfolgreich mit der Einhandrute und leichter Schnur befischt werden. In der Küstenebene ist das El Dorado der Naturköderangler. Aber, bei passender Witterung habe ich an diesem Abschnitt auch mit der Fliege schon schöne Lachse und Mefos gefangen. Allerdings müssen dann eher Loughstyle-Methoden angewandt werden.
Gemeinsam ist allen Streckenabschnitten, dass, die Norwegenangler können das oft gar nicht fassen, vergleichsweise winzige Fliegen zum Erfolg führen. Größe 10 - 12 ist hier durchaus als Standardgröße anzusehen (außer im sehr zeitigen Frühjahr).
Eine weitere Besonderheit zeichnet die Gewässer dieser Gegend aus. Lough Melvin und der Drowes führen teebraunes Moorwasser, das von den mit Hochmoor bedeckten Bergflanken der südlich gelegenen Dartry Mountains entspringt. Das Wasser weist aber keinen sauren Charakter wie andere Moorgewässer auf, da das Deckmoor, wo die Zuflüsse entspringen, auf einer dicken Muschelkalk-Schicht liegt. Dieser Kalk neutralisiert die Torfsäuren und sorgt für einen neutralen bis leicht basischen pH-Wert. Ein Grund dafür, dass sowohl See als auch Fluss eine außergewöhnlich gute Population an Brown Trout aufweisen.
Lough und Fluss sind in eine zauberhafte Landschaft aus grünen Tafelbergen und sanften Moränenhügeln eingebettet. Rhodendron blüht am Flussufer, Königsfarn breitet seine sattgrünen Wedel aus, Sumpfdotterblumen und -schwertlilien begleiten seinen Weg. Die leuchtend roten Blütenglocken des Fingerhuts scheinen aus jedem Gebüsch. Eine Schönheit und Wildheit, die einen einfach nur berauscht und die Fischerei sanft auf die hinteren Ränge verweist.
Trotz dieser Schönheit und den unglaublichen Möglichkeiten ist der Drowes kein einfacher Fluss. Er kann verschlossen und scheu sein wie eine irische Jungfer, missmutig wie ein Greis - Tage, Wochen lang. Dann aber, ganz urplötzlich, erwacht er zum Leben, öffnet seine Pforten. Und dann gibt es kaum eine bessere Fischerei auf der ganzen Insel als hier am Drowes.
Der Fluss bietet den aufsteigenden Fischen praktisch keine Ernst zu nehmenden Hindernisse auf ihrem Weg. Entsprechend schnell wandern die Fische die paar Meilen von der Mündung bis zum See, wo sie bleiben bis sie dann im November/Dezember in die Zuflüsse zum Laichen aufsteigen. Da die Lachse in der Regel insbesondere rund um Fluthöchststand in den Fluss kommen und dann zügig weiter reisen, sind ein Tidenkalender und Local Knowledge ganz besonders wertvoll.
Der Gipfel des Ganzen, und was den Gastfischer endgültig glücklich macht, ist dann auch noch die mehr als humane Gebühr, die zu entrichten ist, um dieses kleine Paradies befischen zu dürfen. Dieser niedrige Preis reflektiert nicht etwa schlechte Chancen auf Lachs, sondern stellt, wie oben schon erwähnt, die soziale Einstellung des Fischereiinhabers zum "ordinary man" dar. Die Fischerei am Drowes kann sich in ihrer Qualität durchaus mit erheblich teureren Gewässern messen.
Eine weitere positive Eigenschaft zeichnet den Drowes vor den meisten der anderen Flüssen an der Westküste aus. Da er direkt aus einem großen See entspringt, führt er auch nach längeren Trockenperioden, wo bei den typischen Spate Rivers nur noch Rinnsale zu sehen sind, genügend Wasser, um befischbar zu sein. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil für den besuchenden Fischer, der meist nur ein oder zwei Wochen Zeit für die Fischerei aufwenden kann.
Und wenn alle Lachsstricke einmal reißen und der Fluss wieder mal in mieser Laune ist, dann setze ich mich in mein Boot und fische auf die wundervollen Forellen von Lough Melvin.
edit:
Alex, wenn Du mich nach den schönsten und denkwürdigsten Erlebnissen am River Drowes fragst, so könnte ich ein kleines Buch füllen mit meinen Erinnerungen und es würde hier alle Dimensionen sprengen. Das ein oder andere wird ja vielleicht im neuen Forumsbuch zu lesen sein.