Deutsch beim Fliegenfischen - quo vadis?

Was macht FLIEGENFISCHEN aus? Hier darf nach Herzenslust gefachsimpelt werden! Auch Termin- und andere Ankündigungen passen hier herein. Erlebtes Fliegenfischen - hier kannst Du Deine Erlebnisse für alle schildern, wir lesen gerne Storys von früher und heute!
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elchvieh
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Re: Deutsch beim Fliegenfischen - quo vadis?

Ungelesener Beitrag von elchvieh »

Hoi!

Ich habe eben gesehen, dass auf dieses Thema in der kurzen Zeit seit es begonnen wurde 1016 mal zugegriffen wurde. Es scheint also durchaus von größerem Interesse zu sein und ich gebe gerne zu, daß mich das erfreut.

Ein mitlesender Freund hat mir gestern zu bedenken gegeben, daß ich zu persönlich sei, zu viel von mir herzeige und mich angreifbar machen würde. Da hat er sicher nicht unrecht, aber ich habe sehr lange nachgedacht bevor ich den ersten Satz in diesem Thema (und anderen) geschrieben habe und ich hatte eine ziemlich klare Vorstellung von dem was da auf mich zukommt. Es bedarf zugegeben eines gerütteltes Maßes an Frechheit und /oder Dummheit (manche würden es wohl eher als Altersschwachsinn bezeichnen) zu wissen, das man ganz und gar nicht fehlerfrei schreiben kann und dann gerade dieses Thema aufzugreifen.
Darüber hinaus kann und will ich ein Thema, das mich ganz persönlich berührt, das in gewisser weise durchaus ein Existentielles ist, nicht von einem scheinbar unpersönlichen, abstrakten Standpunkt aus angehen. Mich berührt es, wenn ich zusehen muss wie etwas so kostbares wie Sprache – ein untrennbarer Teil unserer Kultur einfach zerstört wird.
Mag sein, dass ich übertreibe, überspitzt formuliere, schwarz sehe etc. Aber schon allein die Beiträge in diesem Thema zeigen überdeutlich, das es eines harten Schlaglichts auf die entscheidenden Punkte bedarf, damit die Schwachstellen überhaupt wahrgenommen werden.

Um dem Steinadler zu antworten: Was mich stört ist keiner der drei angeführten Punkte, sondern das was diesen Punkten zugrunde liegt. Eine allgemeine Achtlosigkeit, Gleichgültigkeit und Banalisierung nahezu aller Werte – die sich gerade in der Sprache und dem Umgang mit Sprache besonders deutlich ausdrückt. Das dies nicht nur mit dem Verlust von Worten, sondern von Werten einhergeht, scheint nicht mehr vielen Menschen aufzufallen. Ich möchte keinesfalls „einer guten alten Zeit“ das Wort reden, den die gab es nie und das „früher alles besser war“ halte ich schlichtweg für einen Wunschtraum. Im Gegenteil – nie hatten Menschen so viele Möglichkeiten wie heute, sie hatten aber auch nie so sehr die Pflicht auszuwählen wie heute! Allein das Internet bietet fast unerschöpfliche Möglichkeiten sich über etwas zu informieren. Allerdings verbunden mit zwei „Haken“: entweder alle Information unbesehen und kritiklos zu übernehmen oder (und das ist zugegeben sehr viel mühsamer) sehr genau und bewusst Informationen auszuwählen. Mit den anderen Medien ist es das Selbe - „fressen“ wir wahllos die Informationsflut oder selektieren wir.
Ich gebe gerne zu das es bedeutend bequemer ist, einfach alles was da serviert, wird kritiklos zu übernehmen. Noch dazu ist ein kritischer Blick und ein kritisches Wort höchst unmodern und gerade wenn es sich um deutsche Sprache handelt, automatisch mit dem Odeur rechtslastig zu sein behaftet. Auf der anderen Seite steht eine Kritiklosigkeit die einer Selbstaufgabe schon sehr nahe kommt.
Es ist vielleicht ein Fehler oder Vorrecht des Altes auf die meineserachtes sehr suspekte „political correctness“ verzichten zu können und auszusprechen was einem bewegt. Dafür bin ich so dankbar, wie dafür, das ich immer noch etwas lernen kann.

Das diese Diskussion immer wieder geführt wird (nicht immer bin ich dran schuld) und manchem anscheinend zum Halse heraushängt, sehe als durchaus positives Zeichen wider die allgemeine Gleichgültigkeit. Das dies aber ein Stammtischthema sei oder ein Stammtischniveau, dagegen möchte ich mich verwahren – wobei ich es gar nicht so schlecht fände, sprächen Menschen an den Stammtischen tatsächlich über dieses Thema. In dem Sinne kritisiere ich weder ein marktwirtschaftliches System, sprachwissenschaftliche Phänomene, noch jammere ich über diese schlechte Zeit, sondern ich appelliere schlichtweg für einen bewussten, kritischen und neugierigen Umgang mit unserer Sprache. Und zwar sowohl der Fachsprache wie der Umgangssprache. Ich bin felsenfest davon überzeugt dass dies zu einer wirklichen Bereicherung – auch durch bewusste Integration fremdsprachlicher Begriffe, führen würde.

Euer Elchvieh

PS: Das versteh ich schlichtweg nicht: ... Verständnis von konservativer Kulturkritik: Progressive Kulturkritik zeichnet sich im Gegensatz zu dieser dadurch aus, dass sie in gegenwärtigen kulturellen Phänomenen, die bereits angelegten, aber (noch) nicht verwirklichten bzw. verhinderten oder unterdrückten Möglichkeiten zukünftiger Phänomene erkennen möchte, um auf deren Realisierung hinzuarbeiten....
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Re: Deutsch beim Fliegenfischen - quo vadis?

Ungelesener Beitrag von felix »

Ein paar Anmerkungen von mir zu dem Thema: also die Exzesse an Anglizismen bei den Katalogen ist teilweise natürlich wirklich heiter, ABER obwohl ich mich früher oft gegen die englischen Ausdrücke als Darstellung besonders moderner Ausdrucksweise gewehrt habe, bleibt mir nichts anderes übrig als auch einen anderen Aspekt aufzuwerfen. Ich bin beruflich gezwungen zu etwa 50% in der englischen Sprache zu kommunizieren und beruflich auch etwa 2/3 des Jahres im fremdsprachigen Ausland unterwegs und da habe ich nach vielen Jahren ein Phänomen festgestellt, welches mich früher an meinem Verstand zweifeln hätte lassen. Es ist einfach eine Tatsache, dass es mir sehr häufig passiert Dinge prägnanter und vor allem schneller mit englischen Ausdrücken beschreiben zu können - aber nicht, weil ichs nicht auch auf Deutsch könnte. Anfangs hat mich das sehr verblüfft (und auch geärgert), aber als ich begann darauf zu achten stand für mich fest, dass speziell die englische Sprache deutlich weniger umständlich ist. Oft spreche ich mit jemanden deutsch und man diskutiert angeregt über dies und das - ich will dann etwas schnell und prägnant auf den Punkt bringen oder erklären: oft im Englischen ein Wort und im Deutschen ein ganzer Satz!
Insoferne habe ich gelernt zu akzeptieren, dass Englisch nicht umsonst Weltsprache Nummer 1 ist - heute nutze ich die Vorteile für mich einfach aus...

Was mich aber heute auch noch sehr ärgert ist, wenn Leute Begriffe aus anderen Sprachen falsch aussprechen nur weil es Ihnen die Massenmedien so vorleben: ich denke da an Michelin, Colgate, usw. - das ist für mich mangelnde Bildung sprachlicher Art (vielleicht mache ich aber in dieser Beziehung auch noch eine ähnliche Metamophose durch wie bei den Anglizismen :wink: ).

P.S.: Ich hoffe es ist mir gelungen in diesem Beitrag völlig ohne einem Ausdruck aus dem Englischen auszukommen - hab mich jedenfalls bemüht :wink:
Servus Felix
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Frank.
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Re: Deutsch beim Fliegenfischen - quo vadis?

Ungelesener Beitrag von Frank. »

felix hat geschrieben:Was mich aber heute auch noch sehr ärgert ist, wenn Leute Begriffe aus anderen Sprachen falsch aussprechen …: ich denke da an …
Sedge und Sage?

Dein Frank
Das sind Deine Beobachtungen, mein Lieber, andere haben andere Beobachtungen gemacht.
Franz Kafka
salat
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Re: Deutsch beim Fliegenfischen - quo vadis?

Ungelesener Beitrag von salat »

Mein Lieber
elchvieh hat geschrieben:Mich berührt es, wenn ich zusehen muss wie etwas so kostbares wie Sprache – ein untrennbarer Teil unserer Kultur einfach zerstört wird.
Ja, ich fühle ja mit Dir.

Die folgende Frage musst Du Dir aber stellen: Welches ist hier das Symptom und welches die Ursache !

Denn da wo die (ursprüngliche) Kultur den "Bach runter geht", da nimmt sie auch die Sprache mit.
Du scheinst es anders herum zu interpretieren, und so fürchte ich Du stehst auf verlorenem Posten, reine Symptombekämpfung ..
dafür "dreht sich die Welt schon zu schnell" ... um das ganze mal rein polemisch zu beschreiben.
Es scheint von der "Weltherrschaft" so geplant und erwünscht, und vom Grossteil der "Weltbevölkerung" und von den "Jungen" und den "Konsumenten" hirngewaschen begrüsst zu werden ...
Sic est modus.

Gruess,
Cedi
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elchvieh
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Re: Deutsch beim Fliegenfischen - quo vadis?

Ungelesener Beitrag von elchvieh »

Hoi Du1 Als Salat, red ich Dich ums Ver....ken nicht an.

was d'Ursach isch und was noa gad Würkig, kann ich nöd säge - i weis es nöd.
Ich glaube man kann hier Ursache und Wirkung nicht tatsächlich trennen - beiden bedingen einander und forcieren sich gegenseitig.
Auf verlorenem Posten steh ich erst dann, wenn keiner mehr über dieses Thema nachdenkt und Schiller nur noch auf Neusprech veröffentlicht wird.
"remember Alamo" heißt also ein bisschen meine Devise und ich bin nicht bereit so schnell aufzugeben. Lieber bin und bleibe ich ein Don Quichotte, ein lästiger Alter - der eh schon lang ins Heim gehört, als das ich den Kopf in den Sand stecke und mir eines Tages den berechtigten Vorwurf anhören muß, hättest Du doch ... Hätte die Generation meiner Eltern nicht geschwiegen, sondern oft und laut genug den Mund aufgemacht, wäre vielleicht manches in der Welt anders gelaufen. Schweigen und sich seinen Teil denken, ist einfach und kostet nichts - aber es bewirkt auch nichts.

meint das Elchvieh (Hura Cheibament, Gottfriedstutz! äz macht es au no i Moralaposchtl :shock: )
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salat
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Re: Deutsch beim Fliegenfischen - quo vadis?

Ungelesener Beitrag von salat »

Wir haben doch dazu realistisch gesehen gar nichts zu sagen.

Liebe Grüsse
Cedi

PS: Da wo ich wohne sind wir schon einen Schritt weiter ...
da läuft das im Alltag etwa so:

http://www.youtube.com/watch?v=I2DiJzlWvGw
Zuletzt geändert von salat am 22.11.2012, 09:03, insgesamt 2-mal geändert.
CPE

Re: Deutsch beim Fliegenfischen - quo vadis?

Ungelesener Beitrag von CPE »

felix hat geschrieben:wenn Leute Begriffe aus anderen Sprachen falsch aussprechen nur weil es Ihnen die Massenmedien so vorleben: ich denke da an
Das nimmt nun doch noch ein lustige Wendung. Hier ein paar Klassiker aus deutschen Landen:

Body klingt wie buddy (Frau: "Ich brauche noch einen Baddie", Mann: "Reiche ich Dir etwa nicht??!")).

Love klingt wie low-ve nicht wie luv (wie bei Stefan Raab, sprich: wie gewöhnlich...).

Paypal klingt wie Paypaul.

Lamb klingt wie lamp, nicht wie lam (wie bei diesem Lied "die Lampe schlummert am breiten Weg").

Salmon klingt wie sell-mon, nicht wie sa - mon.

Mein persönlicher Hit bei den olympischen Winterspielen in Kanada: Vancouver = Wan-kuh-ver (also erste statt zweite Silbe betont, "w" wie bei "wanker". Das hat praktisch kein Moderator richtig hinbekommen. Über 8 Mrd. Euro zahlen wir pro Jahr, und bekommen dafür solche geballte Sprachkompetenz....

Etc.

Anyway: Oettinger rulez. Er ist unser James Brown der Weltläufigkeit.

Gruß, Norbert
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Re: Deutsch beim Fliegenfischen - quo vadis?

Ungelesener Beitrag von Olaf Kurth »

Carl Phillip Emanuel hat geschrieben:Anyway: Oettinger rulez. Er ist unser James Brown der Weltläufigkeit.
Asche auf Dein Haupt, lieber Norbert
diesen Vergleich hat der gute James Brown nicht verdient! 8)

Liebe Grüße,

Olaf
Und Gott sprach zu den Steinen im Fluss: "Wollt ihr Mitglieder der UNERSCHROCKENEN werden?" Und die Steine antworteten: "Nein Herr, dafür sind wir nicht hart genug."
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Re: Deutsch beim Fliegenfischen - quo vadis?

Ungelesener Beitrag von MuddlerMinow »

Liebes Elchvieh,

Ich hoffe dieses Mal auf Antwort.

Zugegebenermaßen, der Thread (oder FADEN) macht mich zunehmend wütend. Es ist in höchstem Masse dekadent und verwerflich, sich über Sittenverfall zu beschweren und gleichzeitig mit ruhigem Gewissen die eigene Position schön zu reden.

Nun weiß ich nicht genau, welcher Generation Du angehörst, aber das ganze erbärmliche Bildungssystem der 68er, welches die Grundlage der heutigen Kultur- und Bildungspolitischen Misere darstellt, geht genau auf diese (Deine?) Generation zurück.

Wer hat denn MultiKulti als allheilige Lösung eingeführt? Wer hat die Anglizismen nicht nur akzeptiert sondern sogar importiert? Da heißt es meine Generation (Baujahr 1981) sei Brain washed, Coca Cola lässt Grüßen usw.

Was Deutschland heute ist, habt ihr Alten zu verantworten und niemand sonst. Da ist einfach nichts schön zu reden.

Um es ganz offen und ehrlich zu sagen: ich finde es ekelhaft und in seiner Doppelzüngigkeit kaum zu übertreffen.

P.S. Das sind nun Verallgemeinerungen, möglicherweise bist Du keiner von denen, die ich hier benenne. Möglicherweise bin ich aber auch keiner von den jungen, die kein deutsch mehr können und kulturell unterbelichtet sind: das gemeinhin übliche Phänomen von Verallgemeinerungen.
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elchvieh
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Re: Deutsch beim Fliegenfischen - quo vadis?

Ungelesener Beitrag von elchvieh »

Lieber MuddlerMinow,

Es tut mir wirklich leid, wenn Dich dieses Thema verärgert. Auf keinen Fall will ich mein Geschreibe als persönlichen Vorwurf an irgendjemand verstanden wissen, sondern einzig und allein als Anstoß nachzudenken und verantortungsvoll mit sich und der Welt (im Sinne von ganz vielen einzelnen Aspekten) umzugehen.
Ich habe meinen ganzen Senf noch einmal sorgfältig durchgelesen und so leid es mir auch tut, ich wüßte nicht was ich bewußt schöngeredet haben sollte. Hätte ich etwas beschönigen wollen, dann hätte ich mir das ganze Thema von vornerherein erspart.

1968 machte ich gerade die erste Bekanntschaft mit dem "Bildungssystem". Welches ich durchaus auch nicht eben schätze, auch wenn es (kaum zu glauben, aber wahr) noch Elendere gibt, etwa in Norwegen, wo gewollt der schlechteste Schüler einer Klasse das Niveau vorgibt, dem sich die Guten und Besseren anzupaßen haben! Oder in Österreich wurde eben die "Neue Mittelschule" eingeführt, deren Endergebnis ziemlich genau auf das eben erwähnte Norwegische Niveau hinführt. Oder hier in Liechtenstein gibt es mittlerweile viele Klassen in den bis 75% nichtdeutschsprachige Schüler sitzen - die auch nur minimal Deutsch lernen wollen. Dabei sind sie bereits die 2/3 Generation die hier lebt. Die Folgen von alldem in der Zukunft werden fürchterlich sein...

Wem soll ich einen Vorwurf für die Gesellschaft wie sie nun ist, machen? Meinem Vater (geb. 1910) einer zwar in vielerlei Hinsicht höchst dubiosen Gestalt, aber wohl ohne jeden größeren Einfluß auf das Weltgeschehen seiner Zeit? meiner Mutter (geb. 1922) die einzige in der Familie, die je eine höhere Schule besucht hat? meinen Zieheltern aus der gleichen Generation - Wirtsleuten auf dem Land ohne jede Bildung? meinen Lehrern? Ja, vielleicht wirklich denen, für ihre Prügelpädagogik und ihren Unwillen/ Unfähigkeit mit Kindern und kindlicher Not umzugehen. Oder muß ich den Vorwurf mir selbst machen? Was kann ich den vorweisen: 4 Klassen Volksschule, 4 Klassen Hauptschule im 2 Klassenzug, auf den Zeugnissen beider Schulen steht heute noch das ich mehr Stunden unentschuldigt dem Unterrricht fernblieb als ich teilnahm - nicht freiwillig übrigens, zweimal ein par Monate Berufschule. Ja doch, für etwa 2 Jahre war ich als Personalvertreter tatsächlich in der "Politik" tätig. Ja, ich mach mir ab und an diesen Vorwurf - aber ich versuche auch etwas zu tun.


Auch wenn es Dich vielleicht noch mehr verärgern wird: Was Deutschland, Östereich, Liechtenstein, Norge, XY heute ist und morgen sein wird, verantwortet nicht nur die Generation vor uns, sondern genausosehr WIR. Wir gestalten jetzt und wir entscheiden. Und wie ich entscheide, handle, denke, träume laß ich mir weder von den Gespenstern meiner Ahnen, noch einer Mode oder einer undefinierten "Gesellschaft" vorschreiben. Mir ist es zu wenig, nur zu jammern und mich selbst aufzugeben. Währe dem nicht so, stünde hier keine Zeile von mir....

nichts für ungut, Dein
Elchvieh
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Re: Deutsch beim Fliegenfischen - quo vadis?

Ungelesener Beitrag von felix »

Einzelne für Ihre Generation verantwortlich machen zu wollen geht immer schief - in beide Richtungen...

Ich sehe bei der Sprachdiskussion aber noch eine ganz andere Dimension, die sowieso alles hier geschriebene pulverisiert: Die Medienveränderungen der letzten Jahre (Internet, Social Media) lässt nicht nur die Welt viel näher zusammenrücken, sondern auch die Menschen aus den verschiedenen Sprachkreisen. Um über diese Medien weltweit kommunizieren zu können muss man sich immer stärker einer Einheitssprache anpassen- sonst klappt die Kommunikation nicht. Früher war das vornehmlich betuchten Touristen und Geschäftsleuten vorbehalten und alle anderen haben ihr Schulenglisch sehr bald unbenutzt in den Tiefen des Unterbewusstseins vergraben.
Heute verwenden schon Kinder das für die Kommunikation auf den Socialmediaplattformen notwendige Englisch - und alles wächst auf wundersame Weise immer mehr zusammen. Ich finde das toll und für die Menschheit immer befruchtender. Ich bin sicher, dass dadurch Konflikte der Zukunft weniger werden können, weil es einen riesigen Unterschied ausmacht, ob ich plötzlich den "Feind im Schützengraben" (meine ich natürlich symbolisch) ganz leicht kennenlernen kann.
Einen Nachteil hat die Sache aber: die Sprachen werden nicht so schön rein bleiben wie sie es das noch gestern war - dieses Phänomen haben ja nicht nur die Deutschsprachigen, sondern auch Italiener, Franzosen, usw.

Ich finde trotzdem, dass der Verlust der reinen deutschen Sprache ein sehr billiger Preis für das Zusammenwachsen der Welt ist und würde wagen zu behaupten, dass in 200 oder 300 Jahren ein Grossteil der Welt primär Englisch spricht - nicht weil die Leute kulturlos sind, sondern weils gar nicht anders geht und weil sie begriffen haben, dass es wichtiger ist dass man überhaupt mit anderen zu kommuniziert, als wie man kommuniziert!
Servus Felix
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Heinz
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Re: Deutsch beim Fliegenfischen - quo vadis?

Ungelesener Beitrag von Heinz »

Deutsch ist eine wunderbare Sprache, von hoher Ausdrucksfähigkeit und Präzision. Ein Sprache grosser Literaten wie etwa Goethe und Schiller - nur um zwei aus einer langen Reihe anzuführen und von bedeutenden Philosophen wie etwa Kant. Als Mensch mit deutscher Muttersprache sollte man sich ganz sicher ihrer vorrangig bedienen. Dies sollte allerdings nicht zwanghaft geschehen, in Form einer Sprachreinigung, die gerne alle nichtdeutschen Ausdrücke durch deutsche ersetzen will, selbst wenn es sich um Fachausdrücke handelt. Eben alles mit Mass - diu maze- wie es übrigens vor langer Zeit in unserer Muttersprache hiess - die hat sich also auch verändert und im Laufe dieser Veränderung übrigens auch Lehn- und Fremdwörtet in ihren Sprachkörper aufgenommen. Und noch etwas, bevor wir aus lauter Stolz überschwappen - einer der "grossen" Deutschen - der dieses Attribut (welch garstig Wort - kein deutsches Wort), sogar in seinem Namen führt, hat , was den Wohlklang der deutschen Sprache betrifft, gemeint,, dass Deutsch gerade noch geeignet sei, mit den Pferden zu sprechen - was natürlich eine wirklich übertriebene Herabwürdigung unserer Sprache ist - dieser Herr hat es überdies vorgezogen, französisch zu parlieren - auch diesen Ausspruch hat er angeblich in dieser Sprache getan.

Grüsse
Heinz
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Hardy

Re: Deutsch beim Fliegenfischen - quo vadis?

Ungelesener Beitrag von Hardy »

Moin moin, liebe LinguistenInnen
felix hat geschrieben:...Die Medienveränderungen der letzten Jahre (Internet, Social Media) lässt nicht nur die Welt viel näher zusammenrücken, sondern auch die Menschen aus den verschiedenen Sprachkreisen. Um über diese Medien weltweit kommunizieren zu können muss man sich immer stärker einer Einheitssprache anpassen- sonst klappt die Kommunikation nicht. ...
Richtig! Aber: wenn diese Kommunikation sich nur noch in SMS und Twitter abspielt, bleibt auch von Englisch nicht mehr viel übrig. Das Problem dabei sehe ich darin, dass ein Großteil der heutigen Generation keinen Text, der mehr als 10 Sätze beinhaltet, sinnentnehmend lesen kann. Und oftmals auch gar nicht will! Von Fehlerfrei schreiben möchte ich dabei gar nicht reden. (Darf ich auch nicht, da auch ich, Asche auf mein kahles Haupt, nicht zur Gänze der korrekten deutschen Grammatik fähig bin. Entschuldigung, aber ich bin in den 60/70er Jahren des letzten Jahrhunderts zur Schule gegangen!)
felix hat geschrieben:Heute verwenden schon Kinder das für die Kommunikation auf den Socialmediaplattformen notwendige Englisch - und alles wächst auf wundersame Weise immer mehr zusammen. Ich finde das toll und für die Menschheit immer befruchtender. ...
Das Zusammenwachsen und das hieraus evtl. resultierende besser Verständnis für einander begrüße ich absolut. Im Hinblick auf die Sprache: siehe oben.
felix hat geschrieben:Ich finde trotzdem, dass der Verlust der reinen deutschen Sprache ein sehr billiger Preis für das Zusammenwachsen der Welt ist und würde wagen zu behaupten, dass in 200 oder 300 Jahren ein Grossteil der Welt primär Englisch spricht - nicht weil die Leute kulturlos sind, sondern weils gar nicht anders geht und weil sie begriffen haben, dass es wichtiger ist dass man überhaupt mit anderen zu kommuniziert, als wie man kommuniziert!
Warum nicht das eine tun, ohne das andere zu lassen?
Mehrsprachigkeit schließt ja nun gerade nicht aus, dass man seine eigene Muttersprache schätzt und pflegt. Gewisse Identifikationsmerkmale braucht jeder. Die eigene Sprache ist das dabei wohl eines der wichtigsten Elemente. (Mit dem auch ich, Gott sei's geklagt, oftmals nachlässig umgehe.)

Damit man mich nicht, frei nach dem Titel des schönen Büchleins von Emil Waas: Es fängt damit an, dass am Ende der Punkt fehlt! der Verbreitung von Allgemeinfloskeln zichtigt, möchte ich noch schnell die Kurve zum Ursprungsposting nehmen:
Man muss ja nicht jede sprachliche Verfehlung mitmachen. Wenn mich in einer Produktbeschreibung ein solcher Sprachsalat, wie hier bemängelt, anspringt, kaufe ich das Teil nicht. Pasta! Und wenn es mich ganz, ganz fürchterlich aufregen sollte, könnte ich mich sogar zu einer diesbezüglichen Notiz an den Händler/Hersteller hinreissen lassen.

Aber!, dass sich Sprache weiterentwickelt, wie bereits mehrfach angedeutet, ist doch auch ganz normal und gut so.
Ich möchte jedenfalls heute nicht mehr in Mittelhochdeutsch oder dem Deutsch von Goethe und Schiller parlieren (müssen)!


Gehabet euch wohl, Euer Liebten.
Hardy
CPE

Re: Deutsch beim Fliegenfischen - wo gehse?

Ungelesener Beitrag von CPE »

felix hat geschrieben:Heute verwenden schon Kinder das für die Kommunikation auf den Socialmediaplattformen notwendige Englisch - und alles wächst auf wundersame Weise immer mehr zusammen.
April Vokey hat nach ihrem Auftritt bei ADH (Post hier im Forum) diesbezüglich bestimmt eine ganz eigene Meinung. Da wuchs nämlich aufgrund der schon tonnenschweren Sprachbarriere rein garnichts zusammen.

Gruß, Norbert
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Re: Deutsch beim Fliegenfischen - quo vadis?

Ungelesener Beitrag von elchvieh »

vorweg: Ich möchte mich ausrücklich bei MuddlerMinow bedanken! Seine/Deine Stellungnahme berührt mich sehr und hat mich den ganzen Vormittag nicht mehr losgelassen.
Ich habe mich immer wieder gefragt, was ich hätte tun können um der Entwicklung entgegenzusteuern. Ganz einfach nichts, ich habe sie nämlich nicht einmal richtig wahrgenommen. Fernsehen wurde einer breiteren Masse hier erst Mitte/Ende der 70iger Jahre zugänglich. Davor hatten nur wenige, wohlhabendere Familien Fernsehen und Telefon im Haus. Aber noch Jahre darüber hinaus war das Unterhaltungsmedium Nr 1 das Radio und das Buch - der wöchentliche Besuch in der Leihbücherei war ein selbstverständliches Ritual. Die erste Berührung mit dem Computer kam Ende der 80iger Jahre - noch rein beruflich und von Internet war noch keine Rede - es gab zwar eine Möglichkeit (an den Namen erinnere ich mich nicht mehr) Daten von einer Universität zur anderen zu senden, aber ansonsten wars ein schwarzer Bildschirm mit grüner Blinzelschrift der auch nicht zu weiterführender Vergnügung angeregt hätte. Als ich meinen ersten Beruf an den Nagel gehängt habe und noch mal von vorne anfing, war lange Zeit erstmal irgendwie überleben angesagt und Computer und Fernsehen etc. spielten gar keine Rolle mehr. Erst später, in den 90igern, mit den eigenen Kindern wurde das Ganze wieder zu einem Thema - und da war auch schon vor Facebook das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, der PC fast allgegenwärtig und zu einem Unterhaltungssmedium geworden. Tatsächlich waren es die eigenen Kinder (mittlerweile selbst erwachsen) die mich zum Nachdenken brachten. Mag sein das es der Generation vor uns nicht viel anders ergangen ist...

Hardy hat für mich ein wunderbares Schlußwort geschrieben: "Warum nicht das eine tun, ohne das andere zu lassen?
Mehrsprachigkeit schließt ja nun gerade nicht aus, dass man seine eigene Muttersprache schätzt und pflegt."

Ich bedanke mich nochmals für Eure Geduld, Eure Gedanken und Beiträge

skytt fiske, wünscht das Elchvieh
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