Servus Hans, hallo die anderen
spät aber doch!
Um die Nasen – Sache diskutieren zu können, müssen wir vorher kurz auf die Ökologie der Art mit Schwerpunkt Donauraum eingehen.
Nasen laichen auf stark überströmten Schotterbänken. Die Larven werden nach dem Schlupf passiv durch die Strömung abgedriftet, und sammeln sich in strömungsgeschützten Bereichen. Die Jungfische stehen auf stark überströmten Schotterflächen, je größer und älter die Nasen werden umso weiter raus ziehen sie. Ursprünglich war es den Nasen möglich, saisonal und entwicklungsabhängig die optimalen Lebensräume aufzusuchen. Beispielsweise konnte ein Individuum in den Beckenlagen der Donau wie Machland, Tullner Becken oder östlich von Wien (riesige, flach überströmte Schotterflächen, viel Licht! Algenwachstum!) fressen, zum Laichen in den Tiroler Inn, den Lech oder in die Traun/Ager/Vöckla/Alm ziehen, in der Wachau überwintern etc. Die stromauf gerichteten Wanderungen kompensierten dabei auch die Abdrift der Larven stromab. Experimentell wurden derartige Wanderungen über viele hunderte km durch Markierungsversuche Mitte des 20. Jahrhunderts belegt.
Was passiert nun wenn ein Gewässer reguliert, eingestaut und Wanderungen durch Kraftwerke unterbunden werden? In Gewässern, welche für alle Entwicklungsstadien geeignete Lebensräume auf genügend großer Strecke bieten, können sich Nasen halten. Ansonsten werden die in den Oberläufen gefangene Restbestände wenige Generationen weiter existieren, nach einigen Jahrzehnten jedoch verschwinden – die Bilanz ist hier negativ, wenn alle Lebensstadien in einem Gewässerabschnitt gefangen sind. So geschehen in der gesamten steirischen Enns, wo nach Errichtung der Kraftwerke (stromab des Gesäuses) Nase und Barbe verschwanden. Tiroler Inn genau dasselbe. Mur, Drau, Salzach, Traun ähnlich.
Ob die Nase in einer Gewässerstrecke (also in der Regel zwischen unpassierbaren Querbauwerken) eine selbst erhaltende Population bildet, ist also ein dynamisches Gleichgewicht aus Jungfischabdrift, stromauf gerichteten Kompensationswanderungen und Verfügbarkeit bzw. Qualität des Lebensraumes für die unterschiedlichen Lebensstadien.
Grundsätzlich gilt die Nase als etwas rhithraler als die Barbe, d.h. sie kommt bis weiter in die Oberläufe vor (Beispiel Obere Drau). Allerdings ist die Nase empfindlicher gegenüber Gewässerverschmutzung, anspruchsvoller hinsichtlich des Lebensraumes (Laich- und Jungfischhabitate!) und reagiert stärker auf die Fragmentierung des Lebensraumes durch Querbauwerke.
Wenn in einem Gewässer aktuell Barben nachzuweisen sind, ist dies als fast sicherer Hinweis zu deuten, dass das Gewässer historisch auch Nasen führte. Damit zurück zur Traun&Ager, wo es heute noch Barben gibt, Nase aber futsch. Historische Aufzeichnungen gibt’s beispielsweise vom Kloster Lambach aus dem 18. Jhdt. Aus Traun, Ager, Vöckla und Alm wurden jährlich einige tausend Pfund Nasen und Barben und einige hundert Pfund Huchen gefangen! Hier haben wir eine Sondersituation, weil wohl auch die Gütesituation für das Verschwinden der Nase verantwortlich war.
Ich kenn das System zu wenig, um zu beurteilen, ob eine Wiederansiedelung der Nase vielleicht Erfolg versprechend wäre. Hängt vermutlich damit zusammen, wie groß zusammenhängende Fließstrecken sind. Fischtreppen können kaum die Massenmigrationen der Nase ermöglichen (weißt du zufällig, ob’s beim KW Lambach ein Monitoring der FAH gab?). Die Art ist grundsätzlich sehr anspruchsvoll, was die Funktion von Fischaufstiegen betrifft. Eine starke Dotation im Verhältnis zum Gesamtabfluss, optimale Auffindbarkeit des Einstieges und großes Wasservolumen im Fischaufstieg dürften besonders wichtig sein. Wohl aber können gute Fischaufstiege eine natürliche Wiederbesiedelung von Gewässerstrecken ermöglichen, genetischen Austausch ermöglichen, und in seltenen Optimalfällen vielleicht sogar eine gewisse Kompensation von Driftverlusten bewirken.
Du hast ja unsere Studie vom Oberen Donautal gelesen und weißt deshalb: Wenn gewisse Schlüssellebensräume wiederhergestellt werden, gibt’s plötzlich wieder massenhaft Jungnasen. Dabei ist zu bedenken: 1 Nasenrogner produziert viel 10.000e Eier (bis zu 100.000!). Ein Besatz von Massenfischarten beispielsweise in die Donau ist daher absoluter nonsense. Man hört ja in letzter Zeit viel von Nasenbesatz, so wurden bei Linz Nasen aus Tschechien (:mad: ) und in der Wachau Tiroler Nasen

besetzt. Ein paar tausend einsömmrige Nasen oder ein paar zehntausend Brütlinge sind für die Donau quanititativ total unbedeutend, birgen aber doch das Risiko einer genetischen Verfälschung, Einschleppen von Krankheiten, Parasiten etc.
Schad ums viele Geld!
In ein produktives Nasengewässer zu besetzen ist daher total unnötig, den Lebensraum verbessernde Maßnahmen haben einen viel stärkeren Effekt. In ein fragmentiertes, nicht produktives Nasengewässer (Oberläufe) zu besetzen ist unsinnig, weil nicht Erfolg versprechend, auch wenn historisch Nasen vorkamen. Für die Ager könnt ich mir aber vorstellen, dass es funktionieren könnte, wenn man es gscheit anstellt (geeignetes Material!), weil ein Grund des Aussterbens die Gütesituation war, die sich seitdem ja massiv gebessert hat. Auf Basis der längszönotischen Position (Temperaturregime, aktuelles Fischartenspektrum, ...) wäre ein selbst erhaltender Bestand denkbar. Die Produktivität von Gewässerstrecken für die Fischerei würde durch einen Nasenbestand jedenfalls sicher steigen! Besonders unter dem Gesichtspunkt, auch Huchen wieder erfolgreich anzusiedeln.
Ich hoff damit etwas zur Linderung deines Wissensdurstes beigetragen zu haben und freue mich auf eine fruchtbare Diskussion,
Clemens
P.S. Zum Aitel vielleicht ein andermal