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BF-Besatzfrage
Verfasst: 10.01.2008, 18:22
von Tom
Hallo liebe Kollegen,
in einer Pachtstrecke, die unser Verein bewirtschaftet, sind grobe Fehler wie massive Steinverbauungen mit entsprechender Aufheizung des Flüsschens vor eineinhalb Jahren rückgängig gemacht worden. Durch die höhere Fließgeschwindigkeit ist der Schlamm raus, überall ist der Kiesgrund wieder zutage getreten, es wimmelt von Bachflohkrebsen und Köcherfliegenlarven. Im Uferbereich gibt es viel Totholz, Störsteine bieten nun Deckung und am Südufer stehen genug Schatten spendende Schwarzerlen. Leider ist die Bachforelle nicht zurückgekehrt. Bei einem nun anstehenden Neubesatz im Frühjahr wäre es meines Erachtens sinnvoll, keine dieser Bachforellen-Zuchtstämme aus Dänemark einzusetzen, sondern regionale Formen, die auch das eine oder andere Hochwasser überstehen. Kann mir jemand einen Tipp geben, wo man im Raum München, Landshut, Rosenheim entsprechende Setzlinge bekommt, die nicht in Teichen, sondern in Fließgewässern aufgezogen werden?
Tom
Verfasst: 11.01.2008, 17:00
von Maggov
Hallo Tom,
kontaktiere mal Herrn Ulrich Pulg vom Landesfischereiverband - der kann Dir sicherlich einen Ansprechpartner oder sogar eine Fischzucht bei Dir in der Nähe geben und ist supernett gewesen.
Falls Du Probleme hast seine Kontaktdaten zu ergoogeln schreib mir bitte eine PN.
Vielleicht kannst Du ja sogar in Deinem Verein durchsetzen, dass vorgestreckte Brut oder Eier gesetzt werden. Das würde zwar etwas länger dauern aber mit ziemlicher Sicherheit nachhaltiger sein (zwecks Aufbau eines Stamms und besserer Integration in die neue Gewässerstruktur).
Viele Grüsse und viel Erfolg
Markus
Verfasst: 11.01.2008, 18:23
von Harald aus LEV
Hallo Tom,
Glückwunsch zum neu gestalteten Gewässer.
Toll auch der Ansatz, heimisches Besatzmaterial zu verwenden.
Wie Markus bereits schreibt, ist es für die Nachhalzigkeit besser,
Brütlinge auszusetzen, die in dem Gewässer abwachsen und von klein auf an das Gewässer gewöhnt sind.
Gruß
Harald
Verfasst: 14.01.2008, 13:26
von Tom
Vielen Dank Markus, ich werde mich umgehend bei Herrn Pulg kundig machen. Ich greif Deine und Haralds Anregung gern auf und unterhalte mich mit dem Züchter über Setzlinge oder Brütlinge.
Tom
Verfasst: 14.01.2008, 13:33
von Rattensack
Hallo Tom,
du schreibst, leider ist die BF nicht zurückgekehrt.
Gibt's im Unter-/Oberwasser keine, oder sind da unüberwindbare Querbauwerke?
Freilich, eineinhalb Jahre wären wohl auch zuwenig, um eine natürliche Wiederbesiedelung beobachen zu können.
Wenn eine natürliche Wiederbesiedelung nicht möglich ist, wär die zweit naturnaheste Methode, aus einem möglichst nahe gelegenen Gewässer (am besten ohne Besatz) Forellen in allen Größen umzusiedeln.
clemens
Verfasst: 14.01.2008, 13:58
von Maggov
Hallo Tom,
das hört sich toll an. Ich habe derzeit keinen Zugriff auf meine Mails, schicke Dir aber die kommenden Tage die Namen von 2 Züchtern, die Satzmaterial nach Deinen Vorstellungen haben. Allerdings wirst Du dort eben kein fangfähiges Zuchtmaterial erhalten und es wird ca. 3 Jahre dauern bis Du und Deine Vereinskollegen spürbare Erfolge erzielen werdet.
Ich schreibe das, da i.d.R. in den meisten Vereinen eine gewisse Ungeduld vorhanden ist und sich so derartige Entscheidungen meist nicht durchsetzen lassen.
Sofern Du (ernsthaftes) Interesse an dem Setzen von Eiern hast, kann ich Dir weiters noch ein paar Kontakte zu Leuten mit Erfahrungen damit vermitteln. In diesem Fall schreib' mir bitte eine PN.
Wie geschrieben habe ich mit Herrn Pulg sehr gute Erfahrungen in einem anderen Kontext gemacht und schätze ihn als sehr hilfsbereit ein. Ist auf ale Fälle ein guter Ansprechpartner in unserem Raum.
Liebe Grüsse
Markus
Verfasst: 14.01.2008, 16:54
von Tom
Hallo Markus,
das ist leider noch kein Vereinsprojekt, sondern vorerst ein Alleingang, den ich aus eigener Tasche finanzieren werde. Der Verein wird weiterhin ein gutes Stück weiter flussab mit fangreifen Forellen besetzen, die erfahrungsgemäß mit der Strömung nicht zurechtkommen und innerhalb von ein bis zwei Wochen abwandern oder herausgefangen werden. Im oberen Abschnitt gibt es allerdings einen längeren unwegsamen Bereich, wo man mit dem Besatzwagen nicht hinkommt. Wenn es gelingt, zumindest dort wieder eine natürliche Population anzusiedeln, will ich damit Überzeugungsarbeit im Verein leisten.
Tom
Verfasst: 14.01.2008, 20:28
von Maggov
Hallo Tom,
wenn das eine Privataktion ist helfe ich gerne wo ich kann. Wenn Du damit Deinen Verein überzeugen kannst um so mehr.
Bitte schicke mir Deine Tel-Nr. als PN. Ich kann Dir sicherlich einiges erzählen, schreiben ist da zu aufwendig.
Wenn Du Eier setzt, das eine Privataktion ist und Du das alleine machen musst, dann helfe ich Dir gerne beim Setzen mit. Sollte aus München mit der Anfahrt zu machen sein. Evtl. kann ich über den Stammtisch noch ein, zwei weitere Helfer mobilisieren.
Dein Projekt ist auf alle Fälle absolut Super und ich drücke Dir beide Daumen.
LG
Markus
Verfasst: 14.01.2008, 22:45
von Gammarus roeseli
Hallo Tom,
das Flüsschen hört sich für mich echt viel versprechend an! (man könnte fast schon neidisch werden.)
Du schreibst dass es von Bachflohkrebsen und Köcherfliegenlarven wimmelt, das deute meist auf eine biologische Gewässergüte (Saprobie) Güteklasse 2 (mäßig belastetes Gewässer) hin. Eintagsfliegenlarven, Köcherfliegenlarven, Bachflohkrebse, …, sind „Bioindikatoren“ und halten sich bevorzugt in Bächen und Flüssen dieser Güteklasse 2 auf. Also ist in der Flussstrecke eine natürliche Reproduktion von Bachforelle unwahrscheinlich.
Ich habe die Erfahrung gemacht, wo es Flohkrebse gibt wachsen Forellen zu stattlichen Exemplaren heran!! (kein Nahrungsmangel)
Forellen mögen keine zu hohen Fliesgeschwindigkeiten sie wandern aus solchen Flussstrecken meist ab und suchen sich günstigere Lebensräume. Gute Standplätzen z.B. hinter Störsteinen oder Totholz werden von Bachforellen gegenüber Artgenossen sogar verteidigt.
Auch ich finde dein Projekt absolut Super und wünsche dir maximale Erfolge!!!
PS: Interessant währe um welche Flohkrebsart es sich handelt, in den letzten Jahren hat der eingewanderte Höckerflohkrebs (Dikerogammarus villosus) ein echter „Neozoon“ für Schlagzeilen gesorgt. Er ist ein Allesfresser, verdrängt bzw. frisst andere Flohkrebse und Insektenlarven er soll sich sogar über Laich von Fische hermachen.
Gruß Christian S.
Verfasst: 14.01.2008, 22:54
von Rattensack
Gammarus roeseli hat geschrieben:
das deute meist auf eine biologische Gewässergüte (Saprobie) Güteklasse 2 (mäßig belastetes Gewässer) hin. ... Also ist in der Flussstrecke eine natürliche Reproduktion von Bachforelle unwahrscheinlich.
Gruß Christian S.
Hallo Christian,
sorry da stimme ich überhaupt nicht mit dir überein. Güteklasse 2 braucht überhaupt kein Problem für die BF-Reproduktion zu sein, wenn Sohlsubstrat, Gewässerstruktur und Temperaturregime passen! Es gibt eine menge Fließgewässer der Niederungen, die natürlicherweise betamesosaprob sind, und wo die BF von Natur aus in hervorragenden Beständen auftritt!
Gammarus roeseli hat geschrieben:
letzten Jahren hat der eingewanderte Höckerflohkrebs (Dikerogammarus villosus) ein echter „Neozoon“ für Schlagzeilen gesorgt.
Gruß Christian S.
Soweit ich weiss, ist Dikerogammarus auf große Flüsse bzw. das Potamal beschränkt. Von Vorkommen in Bächen hätt ich noch nichts gehört!
Das Engangement von Tom find ich bemerkenswert, wie gesagt: Ein Initialbesatz mit Wildfängen in mehrerern Altersklassen wäre aus meiner Sicht am meisten Erfolg versprechend, falls Zeit und Möglichkeit nicht besteht, auf eine natürliche Neubesiedelung zu warten.
Falls du Fotos von dem Bach hast, stell mal eins rein, das sagt mehr als 1000 Worte!
Viel Freude mit dem "neuen" Bach,
Clemens
Verfasst: 15.01.2008, 09:49
von Maggov
Hallo Clemens,
Danke für den Einwand - gleichen hätte ich auch gehabt. Es gibt zahlreiche Strecken, die sich als Gewässer der Güteklasse 2 klassifizieren liessen und eine Reproduktion von BF hatten (bevor Verbauungen und Mensch diese Stämme zerstörten) oder haben.
Ich habe die Adresse von 2 Züchtern von einem Freund erhalten, der aus Wildfängen Zuchtmaterial gewinnt. Dies geschieht jedoch in enger Zusammenarbeit mit dem Landesfischereiverband und es werden lediglich Eier ausgegeben.
Mein Angebot steht:
1. bitte schicke mir einen privaten Kontakt (Mail oder Tel.) via PN sofern Interesse besteht
2. Ich kann gerne am nächsten Stammtisch nach Freiwilligen fragen und kann mir ein, zwei Leute vorstellen, die gerne helfen. Das unentgeldlich und ohne Fischereiabsichten - Du wirst wie geschreiben eh' zwei bis drei Jahre "schonen" müssen.
3. Was Du brauchen wirst sind Brutkästen. Diese kann man kaufen oder selbst basteln. ich habe leider keine und kenne niemanden der welche übrig hat (wenn jemand die hat setzt er sie auch ein).
4. Da Du m.M. nach für einen Eibesatz eh' etwas spät dran bist könntest Du das Ganze sehr sorgfältig vorbereiten und im kommenden Herbst setzen. Dazu gehört eine Begehung mit Auswahl von geeigneten "Laichplätzen" der Kontakt zu Züchtern (gut möglich, dass Du vorbestellen musst) und der Bau/Erwerb von Brutkästen.
Hast Du schon mal eine Bestandserhebung in Deinem Abschnitt durchgeführt (z.B. E-Fischen auf einem repräsentativen Teilabschnitt) um bestehende Fischarten zu validieren. Ist nicht böse gemeint aber wie kannst Du Dir sicher sein, dass es keine BF gibt?
Vielleicht schaust Du auch mal irgendwann am Stammtisch vorbei - da hat man Zeit zum Quatschen.
Ich hoffe es ist recht, dass ich so mit der Tür ins Haus falle, aber genau diese Projekte brauchen wir um nachhaltiges Bewirtschaften und dessen Erfolg bei den Vereinen beweisen zu können. Leider habe ich keine eigene Pachtstrecke (Du weißt selbst, dass das sehr schwer ist dran zu kommen) und helfe deshalb (noch) gerne.
Viele Grüsse
Markus
Verfasst: 16.01.2008, 23:05
von Gammarus roeseli
Clemens hat Folgendes geschrieben: Güteklasse 2 braucht überhaupt kein Problem für die BF-Reproduktion zu sein, wenn Sohlsubstrat, Gewässerstruktur und Temperaturregime passen! Es gibt eine menge Fließgewässer der Niederungen, die natürlicherweise betamesosaprob sind, und wo die BF von Natur aus in hervorragenden Beständen auftritt!
Markus hat Folgendes geschrieben: Danke für den Einwand - gleichen hätte ich auch gehabt. Es gibt zahlreiche Strecken, die sich als Gewässer der Güteklasse 2 klassifizieren liessen und eine Reproduktion von BF hatten (bevor Verbauungen und Mensch diese Stämme zerstörten) oder haben.
Hallo,
das sich BF in Gewässern mit Gewässergüte 2 „mäßige Verunreinigung“ (Saprobie) erfolgreich Reproduzieren ist mir echt neu.
Bei Güteklasse 2 finden im Kieslückensystem sauerstoffzehrende Abbauprozesse statt.
Das heißt dass der Sauerstoffgehalt in den Kieslückensystem geringer ist als im normalen Flusswasser. (Sinkt der Sauerstoffgehalt im Kieslückensystem, ich glaube unter 7 mg/l, ist die Eientwicklung nicht erfolgreich.)
Ich denke nicht das bei einer Art wie Bachforelle die ca. 120 Tage bei 4°C für Entwicklung brauchen eine natürliche Reproduktion bei Gewässergüte 2 wahrscheinlich ist. (bei 6°C ca. 80 Tage)
Beim Huchen dauert die Entwicklung ca. 35 Tage, Äschen haben eine Entwicklungsdauer von 2-4 Wochen, bei diesen Arten ist eine Reproduktion schon viel wahrscheinlicher.
Wäre echt ne feine Sache wenn ich Unrecht habe und sich die BF wie Clemens sagt auch bei Güteklasse 2 erfolgreich reproduziert, mir würde ein Stein vom Herzen fallen!!
Leider habe ich nichts Erfolgversprechendes im Internet gefunden.
Sollte jemand Fachkenntnisse zu „Bachforelle Reproduktion“ bei Gewässergüte 2 haben die man nachlesen kann, über einen Link würde ich mich freuen.
Tom,
die Eier in Brutboxen werden besser mit Flusswasser und Sauerstoff versorgt, eine erfolgreiche Reproduktion ist daher wahrscheinlich! Ich finde dein Projekt absolut super und wünsche dir maximale Erfolge!!!
Brut-Boxen schützt Winzlinge vor Räubern:
http://www.it-werke.de/av-oberwolfach/v ... nsatz.html
PS: Höckerflohkrebs: Ursprünglich in den Unterläufen der ins Schwarze Meer mündenden Flüsse verbreitet besiedelt mittlerweile z.B. zum ersten Mal 1992 in der deutschen Donau nachgewiesen, Rhein, Bodensee, Elbe, Havel, Spree, Oder, …, er kommt auch schon in Frankreich, Belgien und Niederland vor.
Gruß Christian S.
Verfasst: 17.01.2008, 08:14
von Rattensack
Hallo Christian!
Ich glaub, du hast eine etwas krasse Vorstellung davon, was eine 2er Güte bedeutet. Eine Güteklasse 2 wird als der natürliche saprobielle Grundzustand mancher Gewässer im Tief- und Hügelland angesehen, also ohne irgend welche menschlichen Einflüsse!
Auch der Schluss, dass die Dauer der Entwicklung von Arten direkt mit der Empfindlichkeit hinsichtlich Saprobie zusammenhängt, ist unzulässig. Herbstlaicher wie die BF haben selbstverständlich eine lange Entwicklung in Tagesgraden, das ist (auch) eine Strategie, damit der Schlupf erst im Frühjahr statt findet. Aber der Huchen als Frühjahrslaicher ist besonders empfindlich gegenüber Sauerstoffzehrung im Interstitial, das dürfte eine der Hauptursachen für schlechte Reproduktion der Art in vielen Gewässern sein. Auch die Äsche würd ich empfindlicher als die BF einschätzen.
Bedenke, dass bei den kühlen Temperaturen im Winter sauerstoffzehrende Prozesse viel langsamer ablaufen als im Sommer, und daher bei einem durchströmten Interstitial wenig 02-Zehrung auftritt.
Daher hat die Strukturgüte bzw. davon abgeleitet die Sohlsubstratverhältnisse (in einer gewissen Spannweite) einen viel höheren Einfluss als die Wassergüte. Bei kolmatiertem Grund hilft auch keine 1er Wassergüte, bei gut durchströmtem, immer wieder dynamisch umgelagerten Schottergrund (z.B. durch schöne Kolk-Furt Sequenzen bzw. intakten Geschiebehaushalt) muss auch Güte 2-3 kein Problem sein. Ich konnte beim E-fischen schon in einigen Gewässern der Güte 2-3 eine gute natürliche Reproduktion nachweisen!
Natürlich wird die Eimortalität in Gewässern der Güte 2 oder 2-3 höher sein als in 1ern (02, Keime, ..), aber dies kann u.U. durch die höhere Fertilität des Fischbestands mehr als ausgeglichen werden. So ist eine 2er Güte auch in Salmonidengewässer oft der optimale Kompromiss für einen produktiven Fischbestand!
Anbei noch eine aktuelle Gütekarte aus Österreich! Da gibt's kaum noch schlecheres als 2 (-3), aber leider trotzdem riesen Defizite mit der BF-Reproduktion
Lg,
Clemens

Verfasst: 17.01.2008, 15:08
von Michl
Tag Christian,
kann Dir keine hochwissenschaftlichen Fakten aus dem Internet oder aus Büchern zitieren, aber Tatsache ist, das in einem von mir befischten Bach der mit Klasse 2 eingestuft ist (Amtliche Untersuchung im Sommer 07) die Bachforellen ablaichen.
Machmal sogar unter Aufsicht, falls jemand zur rechten Zeit am rechten Ort ist.
Die stark gegliederte Altersstruktur die bei der Elektrobefischung festgestellt wurde beweist dieses übrigens.
Gruß Michl
Verfasst: 17.01.2008, 15:12
von mikesch
Brutboxen hat/te z.B. RH in Siegsdorf in seinem Sortiment.