Morgen Peter,
nun ich versuch's mal:
Zum oft undifferenziert verwendeten Begriff "Genetik" und so:
Wenn der Biologe feststellt, dass sich Bach- und Seeforelle genetisch nicht differenzieren lassen, so heisst das, dass verschiedene Seeforellen-Populationen untereinander entwicklungsgeschichtlich nicht näher verwandt sind als Seeforellen- zu Bachforellenpopulationen. Das bedeutet, dass z.b. eine Seeforelle aus dem Grundlsee ("Donaustamm") höchstwahrscheinlich zu einer Bachforelle in der Traun näher verwandt ist als zu einer Seeforelle im Bodensee (Atlantikstamm) oder einer Bachforelle im Rhein. Es ist sogar denkbar, dass zwei Bachforellen in EINEM Bodenseezubringer untereinander weniger verwandt sind als zu einer Seeforelle.
Es bedeutet aber NICHT, dass die Lebensweise als Seeforelle keine genetische, also erbliche Basis hat.
Es ist gut vergleichbar mit der Haarfarbe des Menschen: Sie ist genetisch fixiert. Das heisst aber nicht, dass Blonde untereinander enger verwandt sind als Blonde zu Dunkelhaarigen.
Weiters ist bekannt, dass Bach- und Seeforellen repoduktiv nicht isoliert sind. Es kommt z.B. häufig vor, dass sich kleine Bachforellenmilchner ins Laichgeschehen von Seeforellen mischen. Das ist von den Lachsen besser bekannt ("jacks", "sneakers").
Wie bereits erwähnt können Nachkommen von Bachforellen abwandern und zu Seeforellen werden, umgekehrt können Nachkommen von Seeforellen als Bachforellen leben. Es dürfte erbliche und Umweltfaktoren geben, welche Einfluss darauf haben, jedenfalls sind die Mechanismen welche zu einer oder der anderen Lebensweise führen komplex und wenig bekannt.
Durch Besatz greift man in diese Gefüge ein, ohne die genauen Folgen zu kennen. Im Bodensee dürften die Besatzmaßnahmen dem Seeforellenbestand jedenfalls sehr zugute kommen, betrachtet man die Ergebnisse in der Arbeit unten.
Es stellt sich wie Peter befürchtet die berechtigte Frage, ob man durch gezielte Auswahl von Seeforellen - Elterntieren den "Seeforellen"-Typus über das ursprüngliche Maß hinaus zuungunsten der Bachforelle forciert. Das kann ich nicht beurteilen - hier sind Spezialisten gefordert bzw. denke ich nicht, dass es dazu fundierte Erkenntnisse gibt. Jedenfalls halte ich für unwahrscheinlich, dass ein massiver Rückgang der Bachforellen damit zu erklären wäre (das wäre wohl auch eine grobe Überschätzung der Wirksamkeit von Besatzmaßnahmen).
Angesichts der Einzigartigkeit und Gefährdung dieser einzigartigen Lebensform (und auch aus angelfischereilicher Sicht) halte ich die Vorgangsweise (in Kombination mit den z.T. bereits umgesetzten, ambitionierten Revitalisierungsmaßnahmen) aber für einen sehr vernünftigen Weg.
Besatz mit irgendwelchen Bachforellen ist jedenfalls die schlechteste Option überhaupt. Langfristig wäre wohl das Ziel, auf Besatz ganz zu verzichten zu können, sodass sich wieder ein (populationsgenetisches?) Gleichgewicht einstellt, bei dem Bach- und Seeforellen die Ressourcen im See UND in den Zubringern optimal nutzen.
Anbei eine ältere Arbeit zur Situation der Seeforelle in Österreich
http://www.8ung.at/fliegenfischer/Forum ... lle_42.pdf
und eine aktuelle Arbeit zur Situation der Seeforelle im Bodensee, welche vielleicht zur Klärung einiger Fragen beitragen kann.
http://www.8ung.at/fliegenfischer/Forum ... see_58.pdf
Na hoffenlich hab ich wenigstens ein bisserl zur Aufklärung beigetragen,
clemens
A curious thing happens when fish stocks decline: People who aren't aware of the old levels accept the new ones as normal. Over generations, societies adjust expectations downward .. (Kennedy Warne)