Guten Tag, Reinhard.
Ich danke Dir für Dein posting und Deine darin enthaltenen Fragen. Es ist schön, dass Du als Ruten(auf)bauer auch über den Tellerrand schaust. Das klingt überheblich. ist aber keineswegs so gemeint; sagen mir Deine Fragen doch, dass man nicht mit den Füßen voran in eine Problemschilderung springen darf. Das ist bei mir ein Temperamentsproblem!!!
Fangen wir mit dem Karbonhülsenbruch an:
Bei der Diagnose liegen wir gleichauf: Da war Luft drin! Dabei ist es gleichgültig, ob der Luftspalt vom üngenügenden oder falschen Einpassen der Hülsenpaare herrührt oder vom ungenügenden Einschieben des Zapfenteils. Das wäre ein absoluter No-Go! Die dabei enstehende Belastung würde nicht einmal eine solide Metallverhülsung aushalten ohne Schaden zu nehmen. Aus dem Foto ist nicht ersichtlich, ob die abgebrochene Hülsenhälfte auf dem Zapfen verschoben worden ist. Hoffen wir's mal: der Kollege (aus Frankreich) ist Mediziner und sollte wohl im Rahmen seiner praktischen Ausbildung auch mal einen Knochenbruch gerichtet und gegipst haben... Die Hülsenwandung halte ich prima vista für ausreichend stark.
Übrigens:
Bei Bambusruten sitzt die Überschubhülse am unteren Ende des jeweils oberen Segments, die Zapfenhülse dagegen am jeweils oberen Ende des unteren Segments. Der Grund hierfür dürfte die Sorge sein, dass andernfalls bei aufrecht gehaltener Rute beim Fischen Wassser von oben in die Hülsenverbindung eintreten könnte. Also sind auf den Fotos die unteren Segmente der Rute links.
Und nun zur integrierten Bambusverhülsung:
Da muss ich ein bisschen weiter ausholen.
Seit den siebziger/achtziger Jahren haben - sicher neben vielen anderen - der Argentinier Marcelo Calviello und der Däne Bjarne Fries mit integrierten - also in den Blank eingearbeiteten - Verhülsungen experimentiert. Während Calviello den Hülsenswell, das ist die Verdickung des jeweils oberen Rutensegments durch die Überschubhülse, elegant sehr langgehalten hat, begnügte sich Fries mit eher "knubbeligen" weil kurzen Überschubhülsen. In beiden Fällen kam es infolge der Materialverdickung zu einer Versteifung des Blanks, die man ja gerade durch die Integrierung vermeiden wollte. Bei Calviello sicher mehr als bei Fries. Wenn auch diese Versteifung und auch Gewichtserhöhung nicht so stark ausgeprägt sind wie bei Metallhülsen. so machen sie doch eine Berücksichtigung bei der Taperberechnung notwendig.
Der Italiener Alberto Poratelli ging noch einen Schritt weiter und entwickelte die "streamlined"-Version. Dabei wird der Durchmesser des Zapfenteils um die Wandstärke der Überschubhülse reduziert - die Überschubhülse trägt nur noch halb so viel auf. Da ich aber den Taper nicht folgenlos im Blankverlauf verkleinern kann, bekommt das Zapfenteil eine konusförmige "Schulter" verpasst. die ihre Entsprechung auch im Mündungsbereich der Überschubhülse hat. Auf ihr stützt sich das obere Rutensegment ab und erhält die Illusion, der Blankdurchmesser sei gar nicht reduziert worden... Der Erfolg: der Materialauftrag ist derart gering, dass man bei der Taperberechnung getrost von einer einteiligen Rute ausgehen könnte. Auch optisch ist die "streamlined"-Hülse interessant, weil man auf ca. 1 m Entfernung die Hülsenverbindung gar nicht mehr wahrnehmen kann. So ist der von Dir angesprochene Wicklungsring auf dem abgebrochenen Zapfen eine Markierung, bis wohin der Zapfen einzuschieben ist.
Die beiden folgenden Bilder verdeutlichen die Herstellung eines derartigen Zapfens: Auf den "Innenseiten" der Spleiße wird eine geringe Menge Material abgenommen - unter Berücksichtigung der "Schulter". Die Seele des Blanks im Zapfenbereich liegt jetzt frei.
Und jetzt kommen wir zu unserem Kernproblem: Unter Zufuhr von Heißluft wird der Zapfen im Bereich der "Schulter" erhitzt und durch Würgen mit einer Schnurbindung an der Zapfenwurzel in die gewünschte Form gebracht. Bambus mit ausreichendem Feuchtigkeitsgehalt lässt sich ja sehr gut formen und behält die neue Form auch nach dem Wiedererkalten bei. Es entsteht dann der folgende "streamlined"-Zapfen, auf den wir die dann herzustellende Überschubhülse anpassen:

So sieht dann das fertige Rutensegment mit Einschubzapfen aus.
Mein Problem, bzw. das meines französischen Freundes, ist jetzt, den Tonkinbambus während der Hitzeanwendung nicht allzu stark zu trocknen, weil er sonst spröde wird, sich auch nicht mehr leicht verformen lässt. Ein wenig Feuchtigkeit in und um die Zellen muss schon noch sein. Zuviel soll es aber auch nicht sein wegen dem allseits gefürchteten "Set", d.i. die Abweichung des Blanks von seiner gedachten Mittelachse. An der Fangfreudigkeit meiner Angelrute wird der zwar nichts ändern, aber auf jeden Fall ist es ein ästhetisches Manko! Das heißt also: Soviel Feuchtigkeit wie nötig, aber auch so wenig wie möglich. Schwierig, schwierig!
Und: Warum ist es bei Dir bei einer Bambusrute geblieben? Hat Dich der Virus nicht vollständig erfasst? Erhelle mich doch bitte. Vielleicht kann ich da noch was dran ändern!!!
Und bei noch bestehenden Fragemn: Jederzeit gerne!
Lieber Gruß
vom Freimut