Vorzimmer zum Paradies
Unterwegs auf der Südinsel von Neuseeland | Ein Reisebericht und Fotos von Camillo Ledinski
Ich stehe bis zum halben Oberschenkel mit der Wathose im kalten Wasser, die Fliegenschnur, die ich mit einigen Aufladbewegungen der Rute gerade und weit werfen wollte, liegt eingeringelt im Wasser, Hansl L. hätte gesagt: O je, ein Wurfkurs im Untertal wäre angebracht. 

Doch was soll´s, es ist ein warmer und windstiller Tag bei einer Temperatur von etwas über 20 Grad Celsius - inmitten einer prächtigen Landschaft, am Lake Ohau in Neuseeland. Obwohl der See bei einer Länge von etwa 20 Kilometern eine Breite von ungefähr 5 Kilometern hat, ist man scheinbar allein in diesem Paradies, es ist zumindest keine Menschenseele weit und breit zu erkennen. 

Umringt von Bergen, die teilweise noch Schneehauben haben, liegt die Wasseroberfläche spiegelglatt, die Vögel singen ununterbrochen und ab und zu blökt ein Lamm mit anschließender Antwort des Muttertieres, sonst ist kein Laut zu hören. 

In Zeitlupentempo strippe ich meine Nymphe herein, einen Indikator, der die künstliche Fliege in einer Tiefe von etwa 120cm hält, ständig im Auge behaltend. 
Der See ist in der Nähe eines einmündenden Flusses gleichmäßig tief, der Gewässergrund mit Unterwasserpflanzen bedeckt, wo jede Menge Insektenlarven und Wasserschnecken ihr Versteck haben und ständig Forellen auf der Suche nach Nahrung ihre Bahnen ziehen...

am Lake Ohau

Die relative Stille wird durch einen lauten Platsch je unterbrochen. Eine Regenbogenforelle hat meine Nymphe als vermeintliches Fressen genommen, der Indikator war kurz untergetaucht und während ich als Reflexbewegung die Fliegenrute gehoben habe, hat sie in einem mächtigen Sprung die Wasseroberfläche durchbrochen und ist mit lautem Platsch wieder in ihr Element getaucht. Eine rasante Flucht im Wasser folgt, danach wieder 2 Sprünge, dabei schüttelt sie sich, um den Fremdkörper im Maul loszuwerden. Der 18er Haken hält zu meinem Glück. Nach einigen Minuten wird ihre Kraft schwächer, ich kann sie in den Kescher dirigieren und den widerhakenlosen Haken mit einer kleinen Drehbewegung entfernen. Eine Regenbogenforelle mit etwa 55cm wird nun behutsam wieder ins freie Wasser zurückgelassen und schwimmt etwas erschöpft vom Kampf in die Tiefe des Sees zurück. Mein Puls war in der Zeit des Kampfes mit dem Fisch deutlich erhöht, ich spüre mein leichtes Zittern der Hände.


Das Spiel beginnt von vorne, ich werfe meine Fliege öfters schlecht als recht Richtung Seemitte und ziehe die Nymphe herein, die Landschaft ununterbrochen aufsaugend ob der Schönheit. Gedankenverloren habe ich den gelben Indikator im Augenwinkel, wieder beginnt das Spiel von vorne: plötzliches Abtauchen der Schwimmhilfe und reflexartiges Anheben der Rutenspitze, die gehakte Forelle will sich vom fremden stechenden Ding befreien, springt und schüttelt sich in der Luft gefolgt von einer weiten Flucht. Auch diesmal sitzt der Haken der Nymphe sicher und ich kann sie nach einigen Fluchtversuchen ins Landungsnetz führen. Diesmal ist es eine Bachforelle von knapp unter 50cm, die meine Nymphe nahm. Mehrmals an diesem Tag wiederholt sich dieses Schauspiel. Insgesamt 4 Regenbogenforellen und 2 Bachforellen, alle zwischen 45 und 57 cm lang, werden Opfer meiner Selbstgebundenen, zwei weitere Fische bleiben Sieger und kommen im Drill ab. 
Oben: Lake Poaka | Unten: Morgenrot am Tekapo Kanal

So ein Tag macht süchtig. Diese Landschaft, makelloses Wetter und einige Fische, die man zu Hause im ganzen Jahr kaum fangen kann, die Endorphine klettern in schwindelnde Höhen und ein Glücksgefühl durchströmt den ganzen Körper.
Dieser Tag ist der Grund, warum ich hier bin. Natürlich habe ich heute besonderes Glück. Das Wetter spielt mit, die Fische sind in Beißlaune und nehmen meine selbstgebundene Fliege. Solche Tage wird es nicht oft geben, das ist mir bewusst. Zu oft hatten wir schlechtes Wetter, starken Wind, auch Kälte machte uns mehrmals einen Strich durch unsere Rechnung...
Oben: der Opihi River | Unten: der Hawea River

Trotzdem bin ich nun schon zum 3.Mal hier in Neuseeland, zu einer Jahreszeit, wo bei uns zu Hause der erste Schnee fällt, an manchen Tagen die Temperatur nicht mehr über 0 Grad Celsius steigt und der Tag immer kürzer wird. Natürlich nicht ständig an diesem See fischend, Flüsse von atemberaubender Schönheit haben wir besucht, wild und unreguliert, die Ufer und Sandbänke wie am Ahuriri ein einziges Blütenmeer bildend, die Lupinen stehen im November in voller Blüte. Die Fische sind groß und kampfstark, aber ausgesprochen sensibel. Die kleinste Unregelmäßigkeit lässt sie fliehen oder die Nahrungsaufnahme einstellen.
Oben: ein Meer aus Lupinen... | Unten: 75er Regenbogen am Tekapo Kanal

Deshalb genieße ich diese Momente in vollen Zügen. 

Nur eine Kleinigkeit stört: Sandfliegen, Blut saugende Quälgeister, sind in nicht kleiner Anzahl vorhanden.

Auch für meine beiden Angelpartner ist es ein erfüllter Tag, auch wenn der Fangerfolg nicht ganz zufrieden stellend ist. 

Allein das Panorama entschädigt für vieles. 

Am Abend sitzen wir in unserem Wohnmobil, das wir ganz nahe am See geparkt haben und starren in die im Abendrot leuchtende Landschaft, genießen das letzte Licht des Tages ohne viele Worte und gehen zeitig zu Bett, in der Hoffnung auf ähnlich verlaufende Tage...
 

60er Bachforelle auf Nahrungssuche =>
 

Im Anschluss folgen noch einige Foto-Impressionen....

Oben: Und? Haben Sie den Fisch auf dem Foto schon entdeckt... ?
Abendstimmung am Tekapo Kanal
am Mataura
am Waitaki
am Waitaki
Lake Hawea
Lake Wanaka
Twizel River

Lake Ohau


Ein Beitrag von Camillo Ledinski für www.fliegenfischer-forum.de - Dezember 2010
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