mal wieder ein Bericht vom Wasser - ganz frisch getippt, während die Wathose auf dem Balkon trocknet und der Fisch in der Küche ist.
Nur für maximal zwei Stunden wollte ich heute ans Wasser - das Wetter war ja (noch) herrlich, und ich brauchte ein bißchen Ruhe, um über ein Problemchen beruflicher Natur nachzudenken. Also ab an eins meiner Hausgewässer, das heute glasklar einherfloß: beste Sicht für mich, beste Sicht für die Fische. Also montiere ich ein 14er Vorfach, was relativ dünn für hiesige Verhältnisse ist, denn der Fluß hat teilweise eine sehr heftige Strömung und viele, sehr viele Unterwassertücken. Hier fische ich in der Regel eher mit einem 18er Tippet.
Die erste halbe Stunde mit der Trockenfliege erfolgt äußerst ereignisarm; deshalb montiere ich nun ein ziemlich monströses Nymphenmonster, das mein Freund Markus gebunden hat - das entschieden häßliche Ding hat mir schon manchen schönen Fisch beschert, und ich schwöre auf diese Kreuzung aus Jig, Streamer und mutiertem Gründling, das allerdings aerodynamische Eigenschaften wie eine tote Krähe hat und die werferischen Fähigkeiten herausfordert.
Und tatsächlich: Binnen einer halben Stunde habe ich drei, vier Bachforellen gefangen, die sich allerdings sämtlich nicht eben in der Basketballmannschaft für Salmoniden hätten bewerben können. Unter 30, allesamt, und damit natürlich ein Fall für das vorsichtige Zurücksetzen.
Mein angestrebtes Ziel war ein Mühlenwehr, das ich eigentlich in der letzten Woche schon gründlich befischen wollte. Aber da war etwas dazwischengekommen - eben jener Markus, genialer Entwerfer von Mutantenfliegen, hatte sich kurz vor diesem Hotspot seine Rute zerschrotet, ohne Fremdeinwirkung, Bruch beim Rückschwung. Also ab ins Auto, neue Rute von zuhause holen - Mühlenwehr verschieben.
Auf heute.
Nun stehe ich also am ersehnten Wehr. Sieben, acht Meter vor mir schäumt das Weißwasser lautstark auf; links daneben an der Strömungskante liegt die tiefe Rinne, die mich interessiert. Rückschwung geht hier nicht - da steht eine äußerst bösartige Erle genau an der falschen Stelle -, so daß ich die klobige Nymphe mit einem Rollwurf an ihren Bestimmungsort schicke.
Kaum ist das Ding ins Wasser getaucht, schwallt es: Bachforelle, ca. 24 cm.
Nächster Wurf: Rumms! Bachforelle, 26 cm.
Übernächster Wurf: Schnapp! Wieder Bachforelle. Maßig, falls ich drauftreten würde.
Diese Drei wandern natürlich ebenfalls zurück in ihr Element; dank des Schonhakens ist ihnen nichts passiert.
Aber irgendwie hat mich das Wehr enttäuscht: Von dieser Stelle hatte ich doch etwas andere Fische erwartet.
Gerade wende ich mich zum Gehen, da fällt mein Blick auf das gegenseitige Ufer, an die rechte Kante des Weißwassers. Da sieht es eigentlich so aus, als wenn es ganz, ganz flach sein müßte. Keine 20 cm tief, schlammiger Grund.
Aber komisch: Genau dort sehe ich eine Coca-Cola-Flasche aus Plastik im Wasser treiben - sie kreiselt, kreiselt, kreiselt ...
Sauerei! So'n Müll im Wasser ärgert mich kolossal. Aber andererseits: Interessant. Warum kreiselt die denn da? Und wenn die da kreiselt, was mag da noch alles Karussel fahren? Und was muß dann da stehen?
Genauhau! Da issie, da musse sein - die Große!
Also peile ich mit dem nächsten Rollwurf eben jene Cola-Flasche an; das Weißwassser muß ich dazu überwerfen. Die Fliege sinkt ein, ich strippe: nichts. Wiederhole das Ganze: wieder nichts.
Kann doch gar nicht sein! Da MUSS ein Fisch stehen!
Also folgt ein erneuter Versuch - und diesmal lasse ich das schwere Ding sacken. Und wundere mich - es sinkt und sinkt und sinkt und sinkt, während ich die Schnur hoch über die reißende Strömung halte. Da ist also ein verteufelt tiefes Loch, von wegen Schlamm und flach!
Dann gibt es eine winzige Irritation in der Bewegung des Vorfaches (das mit 4,50 m reichlich überlang ist). Reicht, um mich zu einem Anhieb zu bewegen.
Tatsächlich: Da sitzt ein Fisch. Aber ein kleiner offenbar, denn der Zug auf die Rutenspitze ist sehr verhalten.
Der Fisch kommt mir entgegen - was bedeutet: Er schwimmt geradewegs ins tiefe, reißende Weißwasser. Geht tief. Noch etwas tiefer. Bleibt dort stehen.
Manno, halt mich nicht vom Fischen ab, du Zwerg! Komm raus aus der Strömung! Los jetzt!
Ich ziehe links und ziehe rechts - und jetzt kommt tatsächlich Leben in das Tier, das sich bis jetzt in den Grund zu bohren trachtete.
Die Spannung weicht aus der Rute, weil der Fisch mit einer blitzschnellen Schußflucht nach oben kommt und mit einem mächtigen Satz die Wasseroberfläche durchbricht.
ACH DU HEILIGER STROHSACK!
Der mußtmaßlich bestenfalls knapp maßige Fisch erweist sich als eine Regenbogenforelle der jedenfalls besseren Kategorie - beinahe in Zeitlupe sehe ich den kräftigen Körper schräg auf mich zufliegen.
Ihr kennt das, oder? In solchen Momenten pumpt der gute, alte Kreislauf plötzlich pipelinemäßig Adrenalin in den Körper.
Jetzt wird gekämpft!
Platsch! Sie taucht wieder ein ins feuchte Element, geht sofort wieder ins Tiefe unter der reißenden Strömung. Setzt sich dort fest, rupft ab und an heftig an der Rute (einer Fenwick aus dem Jahr 1967 übrigens).
Eine Minute später wiederholt sich das Schauspiel noch einmal: kurzer Schuß, riesiger Satz aus dem Wasser - den ich eben noch parieren kann.
Da feuert mich von oben eine Stimme an: "Schnur stramm! Sonst isse wech!"
"Ja, weiß ich!"
"Warum hältste denn die Arme so hoch, eyh?"
"Damit …, ach nee, laß mir doch mal meine Ruhe ..."
"Die kriechste nich. Die is clever!"
"Sehen wir ja."
Drei Fahrradfahrer haben angehalten - und feuern abwechselnd mich und die Forelle an! Man glaubt es nicht. Aber die Einheimischen hier sind halt so.
Jedenfalls geht das Spielchen noch eine Weile weiter. Die Forelle strapaziert mein Nervenkostüm auf das Äußerste, bohrt sich immer wieder in den Grund, kommt immer wieder mit akrobatischen Sätzen aus dem Wasser. Immer wieder kann ich es gerade noch verhindern, daß sie in die rasend schnelle Ablaufrinne des Wehres geht - dann wäre nämlich Ende im Gelände mit meinem 14er. Und ein paar Meter weiter ist es zu tief, um dem Fisch folgen zu können.
Nach ein paar Minuten habe ich den Fisch schon mehrfach aus der Nähe gesehen, habe auch konstatiert, daß der Schonhaken gefährlich weit vorne unter dem Ansatz des Laichhakens sitzt.
Drei-, viermal hat sie sich mit unerwarteter Kraft vor dem Watkescher gerettet.
Mein Herz schlägt bis zum Halse; die linke Hand erhält immer wieder Anweisungen, VORSICHTIG mit der Schnur umzugehen, weil das Vorfach eigentlich ZU DÜNN für diesen Fisch ist und weil mir, zum Teufel, schon zu OFT dicke Fische in letzter Sekunde triumphierend die Stinkeflosse gezeigt haben.
Ich habe Routine im Umgang mit großen Forellen. Ich kann das. Beherrsche den verschärften Drill. Habe eine vollparabolische Rute höchster Qualität. Aber diesen Fisch bekomme ich einfach nicht an die Oberfläche, um ihn zu ermüden. Und er hat Kondition ohne Ende!
Nun, ich will das nicht in die Länge ziehen. Wahrscheinlich dauerte es insgesamt nur zehn, zwölf Minuten - gefühlt war es eine Ewigkeit, bis ich die Forelle endlich im Kescher hatte.
Zwischendurch immer wieder diese Vision: Du sitzt daheim mit deiner Frau auf dem Balkon: wieder nichts gefangen.
"Alles Kleine, zurückgesetzt!"
"Klar!"
"Aber dann hatte ich diese unglaubliche Regenbogen dran, die ..."
"Ja, ja. Schaltest Du mal aufs Zweite?"
Ihr wißt, was ich meine? - Aber in diesem Falle ging die Sache anders aus.
Endlich war der Fisch bezwungen: 53 cm, 1550 Gr.
Ich weiß: Mancherorts hält man solche Forellen für kaum erwähnenswert.
Hier bei uns fängt man in dieser Größe nicht oft. Und der Drill, der war wirklich ein bleibendes Erlebnis. Diese Sprünge! Diese enorme Kraft eines doch vergleichsweise so kleinen Wesens! Kein Witz: hinterher war ich erschöpft. Ausgepumpt. Und: glücklich. Ist das Jagen mit der Fliege nicht etwas H-E-R-R-L-I-C-H-E-S ?
Und nun habe ich es tatsächlich geschafft - diesen Bericht zu schreiben, das hat exakt so lange gedauert, wie der Fisch im Backofen in seiner Alufolie gebrutztelt hat.
Wünscht mir guten Appetit! Ich muß jetzt zu Tisch.
Euer Frank
PS: Nach dem Keschern Beifall vom Ufer. Regelrechtes Applaudieren. Ich: völlig cool. Nix Besonderes. Fange ich doch jeden Tag, 53er Regenbogen.
Wo sind doch gleich meine Zigarillos? Noch Grappa im Flachmann?
Ach so, und eines noch: Danke, Markus!
Ein echter Charakterkopf:







