Hallo Ihr Lieben,
interessant wie hier zu dem Kernthema Meinungen ausgetauscht werden, aber kein Wissen. So provokativ möchte ich bewusst starten, bitte deshalb auch nicht gleich über mich herfallen, denn ich beziehe das von mir angesprochene „fehlende Wissen“ ausnahmslos auf die Zeit nach dem Abhaken im Wasser. Was geschieht da mit dem Hecht, wie hoch ist die Mortalitätsrate? Hierzu fehlt mir in diesem Thread jegliche Info; zwangsläufig, wie wollten wir dies auch prüfen. Schlimmer jedoch, dies fehlt mir in dem verlinktem Basisdokument. Ganz schlecht! Der Bericht erscheint mir sehr subjektiv mit erhobenem Zeigefinger geschrieben.
@Threadstarter Sebastian: ich finde es toll, dass Du den Bericht gefunden hast und hier eingestellt hast, aber es ist keine Studie! Eine seriöse Studie basiert auf einer ordentlichen Grundannahme, die basierend auf objektivierten Untersuchungsreihen mit belastbarem Zahlenmaterial aufwerten kann und schlussendlich einer Prüfung durch Wiederholung standhält. Hier ist es ein (zugegebenermaßen nett zu lesender) Bericht mit beeindruckenden Zahlen (@Thomas: sehr richtig bemerkt), aber ohne die notwendigerweise untermauernden Fakten zu diesen Zahlen. Alleine die angegebene Schwankung des „Kopfgewichtes“ versus Rumpfgewicht scheint mir mit 5-12% sehr gewagt, aber jetzt spekuliere ich, sorry…
Die vom Autor in den Raum geworfenen Zahlen hören sich schrecklich an, ja man kommt ins Grübeln. Wenn dies also dem Denkanstoß dient, unser mit Einzelhaken (hoffentlich barbless) operierendes Handeln weiter zu optimieren, dann prima. Die Lösung wird uns hier jedoch nicht geliefert (@Bernd, sehr richtig bemerkt).
@Bernd + @Achim: Ja, die richtige Abhaktechnik macht´s sicher aus, aber wir kennen das Ergebnis ganz sicher nicht. Allerdings möchte ich das von allen hier im Thread Schreibenden, sorgsame Umgehen mit den gehakten Fischen als gute Überlebensbasis bewertet sehen, wenn wir dann auf das „dämliche“ Trophäenbild verzichten, aber „mea culpa“ habe ich auch schon gemacht (ich war jung und brauchte den Ruhm

).
Aber jetzt zu Fakten von mir:
1.)Mein kleines Hausgewässer, das ca. 100m vor meiner Haustüre liegt, wird von einigen stattlichen Hechten bewohnt. Viele von denen habe ich schon mehrfach gesehen, manch einen über Jahre regelmäßig. Die wurden von unterschiedlichen Anglern mit unterschiedlichsten Kunstködern gefangen, manchmal mehrfach in einem Kalenderjahr. Allerdings mit einer entscheidenden Gemeinsamkeit, ich konnte vor fast 20 Jahren durchsetzen, dass bei sämtlichen Kunstködern ein eventuell vorhandener Drilling gegen einen Einzelhaken ausgetauscht werden muss und ein zweiter Drilling/Haken nicht zulässig ist. Unser ortsansässiger Fischreiher hat den meisten Hechten markante, unverwechselbare Erkennungsmarken in den Körper tätowiert, was das Wiedererkennen erleichtert. Übrigens, hier bei uns am See wird der Hecht ganz häufig traditionell mit dem Kescher gelandet, an Land abgehakt und zurückgesetzt. – Für mich steht deshalb fest, sorgsam mit dem Fisch umgegangen und er wird es überleben. Ob Kiemengriff, Bogagrip oder Kescher, verglichen mit dem Umgang beim „Abstreifen“ der Hechte in einer professionellen Fischzucht gehen wir –von der kleinen Verletzung durch den Haken und den Drillvorgang einmal abgesehen- sehr sorgsam mit dem Hecht um. Möglicherweise habe ich deshalb noch keinen verangelten toten Hecht bei uns am Wasser gefunden. Mit Drillingen, könnte man meinen, sähe die Bilanz ganz anders aus. Aber…
2.)Im Sommer tauche ich gelegentlich, besonders in den bei uns stark befischten glasklaren Baggerseen. Die Hechte sind dankbare Beobachtungsobjekte, weil sie eine vorsichtige Annäherung des Tauchers zulassen. Vor etwa 10 Jahren konnte ich bei meinen Tauchgängen mehrfach einen großen standorttreuen Hecht beobachten, der über den ganzen Sommer einen Wobbler im Unterkiefer hatte. Der Drilling hing mit zwei Spitzen fest. Irgendwann zum Ende des Jahres konnte er sich –wie auch immer- von dem Wobbler befreien, eine große Wunde blieb. Im Folgejahr war die Wunde gut verheilt. Fast hatte ich den Eindruck, auch mit Wobbler im Maul habe der Hecht gefressen, er sah immer sehr gut genährt aus.
3.)Freunde von mir angeln leidenschaftlich mit Wobbler & Co. in den holländischen Poldern auf Hecht. Manche der Gewässer sind keine 5m breit und beherbergen bekanntermaßen große Hechte. Catch&release ist in Holland eigentlich die Regel, von verangelten toten Hechten jedoch keine Spur. Angesichts der großen Stückzahlen, die dort Woche für Woche gefangen werden, würden –dem hier verlinkten Bericht zufolge- ständig verludernde Hechte in den Poldern zu finden sein.
@Sebastian/@Bernd: Euren Vermutungen, weshalb der Hecht beim Herausheben nicht zappelt, möchte ich eine weitere hinzufügen. Das Gewicht der Innereien drückt beim „Vertikalhang“ in Richtung Schwanzflosse, sammelt sich im unteren Bauchbereich und drückt durch die nicht sonderlich dehnbare "Umverpackung" zwangsläufig gegen die Wirbelsäule. Hier laufen entscheidende Nervenstränge, die durch den Druck zu einer temporären Immobilisation führen. Vergleiche hier die Rückenlage beim Krokodil und/oder beim Huhn. Beide reagieren temporär wie paralysiert.
Also Stoff zum Nachdenken. Aber mein Fazit, der Hecht ist nicht ganz so empfindlich wie unsere Salmoniden. Trotzdem werde ich Ihn gleichwohl sehr sorgsam behandeln, es sei denn es ist mal einer für die Küche.
Gruß Rolf